That just sounds like slavery with extra steps

Von Franziska Martin & Nina Heinrich
Illustration: Franziska Martin

„Ein Projekt ist eine zeitlich befristete, relativ innovative und risikobehaftete Aufgabe von erheblicher Komplexität, die meist ein gesondertes Projektmanagement erfordert.“

Und wir haben mal gelernt, ein Projekt hätte einen Anfang und ein Ende. Diese Definition bildet jedoch wohl nicht annähernd so angemessen dessen Komplexität ab, wie es Gablers Wirtschaftslexikon tut. Innovation ist eben relativ. Und die Erschaffung einer solchen nicht jedem in die Wiege gelegt. Projektmanager sind demnach Superhelden – genauso wie Journalisten, Musikschullehrer, Grafiker, Sozialarbeiter und viele Berufsgruppen mehr. Denn sie alle dürfen ihr eigener Herr sein. Unabhängig und eigenverantwortlich; eben: freiberuflich. Doch welches Projekt genau managt der Lehrer in einer Musikschule? Das Projekt „Paul, häng nicht so viel mit deinen Freunden ab, lern lieber Blockflöte“, das Projekt „Türen werden erst nach Unterrichtsende laut zugeschlagen“ – Oder vielleicht einfach gar keins, weil es ein Projekt mit klar definierten Ende für unseren Musikschullehrer nicht gibt. Denn (Achtung Turning Point): Unser netter Musikschullehrer ist nur dem Schein nach selbstständig. Genauso wie unzählige Journalisten, Grafiker und Sozialarbeiter.

Scheinselbstständige von Angestellten klar abzugrenzen ist nicht immer ganz einfach, da sie oft wie Feste für nur ein Unternehmen arbeiten und auch dieselben Aufgaben übernehmen können. Allerdings haben Selbstständige das Recht, über ihre Arbeitszeit frei zu verfügen und sind daher nicht in einen festen Arbeitsalltag mit klaren Tätigkeiten und Zeiten eingebunden; in der Regel zumindest. Anders besteht faktisch kein Unterschied zwischen ihnen und den angestellten Mitarbeitern, was Leistung, Arbeitszeit- und aufwand angeht. Scheinselbstständigkeit spart dem Arbeitgeber viel Geld. Die Verlagsbranche ist Musterschüler in diesem Spiel: Textredakteure werden entbehrlich, um sie danach auf freiberuflicher Basis wieder einzustellen; woanders müssen Freie wieder angestellt werden – auf Kosten derer Gehälter. Die berühmt berüchtigte soziale Schere wird durch solche Kniffe gefährlich getriggert.

Gehen wir zurück an den Anfang – damals als Arbeit ein Gesicht bekam, eine Struktur: Als das Sozialstaatsprinzip entstand. Wohlstand sollte ab dem 19. Jahrhundert nicht mehr abhängig von der genetischen Zusammensetzung eines Menschen sein, sondern davon, wie er sich auf dem freien Markt bewies. Gesellschaftlicher Gewinner wurde die Figur des Kapitalisten. Er treibt seine Maschine, die ihm Wohlstand bringt, mit der Arbeitskraft anderer Menschen an – so wie der geniale wie egoistische Wissenschaftler Rick im Cartoon von “Community”-Entwickler Dan Harmon “Rick and Morty”: Rick entwickelt einen kleinen Planeten mit Leben darauf, um möglichst effektiv die Batterie seines Autos anzutreiben, woraufhin Morty vollkommen entsetzt fragt: “You have a whole planet sitting around making your power for you? That’s slavery.” Ricks Antwort darauf lautet: “It’s society. They work for each other, Morty. They pay each other. They buy houses. They get married and make children that replace them when they get too old to make power.” Morty lässt sich die Worte seines hochintelligenten Großvaters durch den Kopf gehen und stellt fest: “That just sounds like slavery with extra steps.”Die “extra steps” sind es also, die Ricks Motor am Laufen halten. Doch in unserem Erd-Einundzwanzigsten-Jahrhundert ist es nicht mehr selbstverständlich, ein Haus zu bauen, da unsere “extra steps” der Sozialleistungen, die ein eigenes Haus erst möglich machen, ganz und gar nicht mehr selbstverständlich sind.

Scheinselbstständigkeit ist ein Symptom dafür, wie einfach Sozialleistungen umgangen werden können. Nicht nur Privatmenschen werden von Krisen geschüttelt, sondern auch der Arbeitsmarkt sieht seine Felle davon schwimmen und spart, was das Zeug hält. Und das hört vor allem bei einem nicht auf: dem Sozialen. Ein Leben auf Rechnung am immer gleichen Arbeitsplatz, bei Krankheit auf sich allein gestellt zu sein, auf morgen nicht bauen zu können, ein langjähriger Arbeitgeber, der sich als unverbindlicher Kunde tarnt: Mit sozialer Gerechtigkeit haben die Verhältnisse vielerorts nicht mehr das Geringste zu tun. Es scheint, als würde zu viel Freiheit unsere Würde angreifen: “survival of the fittest” ist kein Model für eine Industrienation. Man sagt, der Kapitalismus schaffe sich früher oder später selbst ab. Ökonomen meinen, dass die jetzige Entwicklung nur ein Teilschritt auf einem langen Weg sei, der von Anpassungen, Krisen und wiederum Anpassungen geprägt sei. Krisen eröffnen als kritischer Wendepunkt neue Perspektiven, doch schaden sie den Menschen mehr als der Finanzwelt. Deswegen sollten wir uns bei aller Umbruchsstimmung nicht jene große alles erschütternde Krise wünschen, bei der die soziale Schere endgültig entzwei bricht.

Unser Musikschullehrer muss mehr gewürdigt werden. Ohne Sozialleistungen geht das nicht. Sie sind der Motor unserer Gesellschaft, genau wie Ricks kleine Welt, die sein Auto von A nach B bringt. Scheinselbstständigkeit arbeitet rückwärts. Und wer will schon nach A?

ZigZag-02

 

Advertisements

Submit a comment

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s