Die Lichter der Anderen

Lighthouse Refugee Relief und Begegnungen des Menschlichen auf Lesbos

Von: Maria Rosa Rogg
Fotos: Wilhelm Wintertidh

Das Lighthouse ist das Symbol. Nicht ganz für Relief, nein, etwas über’s Eck muss man schon denken. Das Lighthouse ist das Symbol für den Horror, den Flüchtlinge auf sich nehmen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen. Es zu verlassen, ist das Ziel. Es sitzt weit oben. Sein Thron ist ein Fels beschworen von Winden, mit denen kein Haus es aufnehmen kann. Deshalb sitze ich in einer Ruine. Als Licht noch Feuer brauchte, lebte hier einer, der Fischern ihre Richtung wies. Heute inszeniert sich der Schutt elektronisch. Sein Signal verführt, ein Ruf: Komm zu mir.

Seit September folgen ihm Tausende. Sie kommen aus Syrien, dem Irak, aus Pakistan, dem Jemen, Afghanistan. Sie kommen vom Krieg. Viele laufen, andere nicht. Alle erleben entsetzliche Zwischenperioden, in denen das eigene Leben und das der Kinder in Sprachen verhandelt wird, die sie nicht verstehen. Ihr Ziel ist Europa; die Behandlung einer Schusswunde, die klinische Geburt, eine versorgte Familie, Bildung für das Kind. Nur noch drei Seemeilen, dann endlich – Ankunftsvisionen. Fünf Kilometer trennen die Westküste der Türkei von der griechischen Insel Lesbos. Ein Stück Meer so kurz, dass es statt Grenze nur noch Grauen markiert.

Schmuggler mögen’s dunkel, sie verhandeln Menschenleben bei Nacht. Laut dem Guardian verdienen Schmuggler in der Türkei 13.000 Euro pro Geschäft. Rettungswesten sind Eigenbedarf. Für umgerechnet 35 Euro kauft man in Izmir momentan zwei zum Preis von einer. Aufgrund der schlechten Wetterbedingungen, erklärt mir ein Junge auf dem Bazar. Er wirbt für die Westen, indem er sie selbst trägt. Makabermarketing.

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Die Boote sind aus Gummi, für zehn Personen gemacht. Das Einschiffen ist hektisch, eine Hetze ins Meer. Bis zu sechzig Menschen teilen sich ein Boot. Von Stöcken getrieben stolpern sie übereinander. Kinder auf die Schultern, Rucksäcke über Bord, Folien über Smartphones, Pässe bleiben zurück. Man sagt ihnen, vier bis fünf Stunden dauere die Fahrt. Drüben werde man dann Lichter sehen. Keine Route, nur ein „Straight!“ Der Rumpf biegt sich, innen schwabbt das Wasser.

Lesbos hat den täglich größten Influx von Menschen, die nach Europa fliehen. Die Überfahrt dauert oft länger als geplant. Schmuggler sparen am Sprit. Gesichter der Furcht erinnern daran wie auf offener See die Motoren ausgehen. Verstreut erreichen die Boote die Nordwestküste der Insel. Es gibt Tote, jede/r von Ihnen ist traumatisiert. Der Westen vereitelt sich ihrer Annahme.

Seinem Hohn trotzen die Insulaner. Zu viele der eigenen Biografien sind gezeichnet von Verfolgung und Flucht. Der Griechisch-Türkische Krieg zog zu Beginn des 20. Jahrhunderts die blutige Vertreibung der Griechen aus dem Osmanischen Reich nach sich. Lesbos wurde ihr Refugium. Die Identifikation mit den Schutzsuchenden ist groß. Seit Jahren bringen einheimische Fischer verirrte Flüchtlingsboote in Sicherheit. Panik, Erleichterung und Tod sind Teil ihres Alltags. Doch die Verirrten wurden zur Flotte und als ab August Hunderttausende strandeten, überstieg ihre Not jede Kapazität. Von Regierung keine Spur. Von Geldern schon gar nicht. Die Hilfe durch Freiwillige ließ zu, Humanismus fragmentarisch zu bewahren. Bittersüßes Auslaufmodell einer einst so europäischen Haltung.

Insulaner und Freiwillige verweigern sich einer Gegenwart, in der das Recht auf Leben untergeht. Die Situation, wie sie seit Monaten nicht aktueller sein könnte, ist keine Krise der EU. Die Krise ist global: das zynische Versagen westlicher Politik und eine Schande für jede Regierung, die die Menschenrechte ihren Grundsatz nennt.

Zu Beginn der Krise waren viele der größten NGOs noch nicht vor Ort. Neue wurden geschaffen‚ Lighthouse Refugee Relief’ gehört dazu. Im September 2015 wurde mit der Fassungslosigkeit einer Handvoll Freiwilliger das Vorhaben begründet, jenen, die vor dem Unsagbarem fliehen, ein sicheres und menschenwürdiges Ankommen in Skála Sikaminéas, Lesbos, zu garantieren. Unermüdlich arbeiteten sie an einer Struktur: dem Unmittelbaren das Reaktive nehmen, soweit das eben geht.

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Die GründerInnen sind berufstätig, mordsbeschäftigt, wie wir alle, mit dem Schreiben der eigenen Geschichte. Seit September gehören die der Anderen dazu. Erzählte Erfahrung von Leben und Tod, Schrecken und Hoffnung, von Hilfe und Dank sind Kapitel, die den nächsten Schritt bedingen. Eins davon das Locksignal des Leuchtturms. Die Konsequenz ein Name und der Aufbau eines Stützpunkts, um Boote dort frühzeitig zu sichten, zu navigieren und sicher zu empfangen.

Seit den Anfängen verfolge ich, wie sich Lighthouse Refugee Relief von einer den Umständen trotzenden Aktion zu einer den Umständen gewachsenen Organisation entwickelt. Eine Organisation, die sich von etablierten Riesen absetzt. Fette NGOs verwalten zuerst mal fette Gelder. Indem vor Bürokratiegebirgen das unmittelbare Bedürfnis der/s Einzelnen kommt, verliert die Operation ihre Sterilität und wird zur Struktur, in der Würde zählen darf. Während den restlos erschöpften Ankömmlingen im September noch gesagt werden musste, ihr Ziel, das Registrierungslager, liege fünfzig Kilometer weiter nördlich und die müssten sie leider laufen (ca. drei Tage lang), da es keine Busse gab, können heute bis zu 200 Personen im Lighthouse Basis-Camp versorgt und beherbergt werden. Ein Areal aus Matsch und sonst gar nix ist durch unermüdlicher Arbeit der Lighthouse-GründerInnen, Freiwilliger und sich still engagierender SpenderInnen zu einem Dorf geworden, das dank Steinwegen, fließend Wasser, Abflussystem und Generator rund um die Uhr funktioniert. Die Philosophie: Pragmatismus und Rudolf Steiner.

24017577840_bc2d1b50d9_bDas Camp liegt direkt an der Küste; die Boote werden von dafür geschulten Langzeit-Freiwilligen und MedizinerInnen empfangen und nach dem Notfallcheck mit trockener Kleidung, Chai, gekochtem Essen und Nutellatoast versorgt. Falls sie sehr erschöpft sind, können sie sich in eines von vier beheizten und, durch Geniestreiche vieler begabter Handwerker, mittlerweile hervorragend isolierte Schlafzelte legen. Für Kinder gibt es ein Spielzelt und Carolina, das kleine schwarze Camp-Lamm, das seit seiner Aufnahme im Oktober in teilweise hysterischem Ausmaß verzückt. Die ‚Dirty Girls’, ein geistreicher Schwarm, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Unmengen an täglich zurückgelassenen Klamotten zu waschen und sie sortiert an Lighthouse zurückzugeben. Im Normalfall sind die Klamotten recycelt. Besteht Bedarf an etwas Konkretem, wird er durch Sachspenden gedeckt. Das Camp ist 24 Stunden täglich besetzt. Langzeit-Freiwillige, das Kreislaufsystem der jungen Organisation, sind Ansprechpartner und Koordinatoren der Schichtarbeit freiwilliger Neuankömmlinge, die primär darin besteht, durchgängig bestens vorbereitet zu sein und Flüchtlinge im Falle einer Ankunft mit allem zu versorgen, das zu ihrem Wohlbefinden beiträgt. Neben aller Notfallversorgung gehört dazu auch, dass man zusammen am Feuer sitzt, eine der lang ersehnten Zigaretten raucht und ihren Geschichte lauscht.

Das Camp ist geteilt in zwei Zonen. Die grüne, in der die Flüchtlinge sich regenerieren und die rote, die der Notfallversorgung gilt. Ein Wärmezelt, ein Traumazelt und eine Klinik, der einzige ‚Bau’ des Camps, ein Container, sind technische Wunder: insgesamt acht Menschen konnten hier wiederbelebt werden, Babys wurden geboren, Schusswunden behandelt und zahllose Unterkühlungen therapiert.

Nach wie vor ist das Camp nur Transitstation. Der Weg der Flüchtlinge ruft weiterhin: Deutschland, Schweden! Um Griechenland verlassen zu können, müssen sie sich dort aber erst registrieren. Eine Kooperation zwischen Lighthouse und UNHCR ermöglicht  es mittlerweile jedem Flüchtling, gemeinsam mit seiner Familie in Bussen  zu reisen. Ihr Ziel: das Registrierungslager ‚Moria’, verheißungsvoller Name, falls man den Herrn der Ringe kennt. Er ist durchaus Programm. Der Boden furzt und schluckt mit jedem Schritt. Zwischen Schlammschluchten und Seen, die sich aufgrund tagelangen Niederschlags gebildet haben, steigen Rauchsäulen auf. Grünblasse Gesichter tummeln sich um verstreute Feuer, Fetzen von Wärmedecken knistern im Wind. Die Landschaft aus Zäunen, Wachttürmen und auf verschiedenen Höhen versetztem Stacheldraht verweist auf ihre frühere Funktion als Haftanstalt. Nach wie vor hat hier die Polizei Entscheidungsgewalt, ein allgegenwärtiges Spektakel von Autorität. Abhängig davon, wie Viele die Insel unzulässig erreichen, müssen Flüchtlinge hier bis zu mehreren Wochen ausharren. Haben sie das Papier einmal in der Hand, befugt es sie dazu innerhalb Griechenlands zu reisen und sich für einen begrenzten Zeitraum im Land aufzuhalten (die Dauer wird abhängig von ihrer Nationalität bestimmt). Während Moria inzwischen tagsüber flächendeckend von NGO’s wie dem ‚Roten Kreuz’, ‚MSF’ oder ‚Save The Children’ geleitet wird, sind nachts ausschließlich Freiwillige vor Ort. Lighthouse hilft mit Manpower. Zwei Nächte die Woche wird die Initiative ‚Better Days for Moria’ durch Freiwillige unterstützt.

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Zum Schluss dorthin, wo alles begann: zum Leuchtturm von Faros. Er zieht traurige Aufmerksamkeit auf sich. Zu Viele hat sein Leuchtsignal davor geblendet, dass das Land,  das ihn umgibt, ein Alptraum für jede Landung ist. Dutzende Meter vor der Küste durchspicken Felserhöhungen, die man nicht sieht, den Grund. Das Ufer, eine Herausforderung aus glitschigem Fels, es führt in ein Nirgendwo, dessen Wildnis nur Allradantriebe meistern. Es ist ein todgeweihter Ort, den Lighthouse als solchen erkannt hat. Um ihn zu sabotieren, wurde ein Basiscamps daraus gemacht. Rund um die Uhr wird mit Hightech vom Feinsten Ausschau nach Booten gehalten. Steuert ein Boot den Leuchtturm an, wird umgehend die griechische Küstenwache informiert. Falls die Zeit reicht, navigiert diese das Boot an eine andere Anlegestelle, falls nicht, wird es von einem Team erfahrener Freiwilliger und MedizinerInnen empfangen, seine InsassInnen werden notfallversorgt und auf schnellstem Weg in die nahegelegene Transitstation von UNHCR gebracht. Anders als in Skála Sikaminéas erlauben es die Windstärke und das von ihr gezeichnete Gebäude hier nicht, auf den Komfort der Ankömmlinge einzugehen; sie in Sicherheit und auf schnellstem Wege in eine menschenfreundlichere Umgebung zu bringen ist das oberste Ziel.

Momentan erreichen vergleichsweise wenige Boote Lesbos. Auch deshalb kann die derzeitige Kooperation zwischen Lighthouse und der Küstenwache sehr gut funktionieren.  Wetterbedingung und vermeintlich die letzte EU-Zahlung an die Türkei bedingen eine Verringerung der täglich Ankommenden. Die Anzahl der Boote liegt momentan nur im zweistelligen Bereich. Falls politisch keine konsequente Veränderung der Festung Europas in Kraft tritt, wird sich dies ab spätestens April kompromisslos ändern. Trotz kooperierender Hilfsorganisationen, unbeirrten Insulanern und einem freiwilligen Engagement, das keine Grenzen kennt, wird das Bedürfnis derer in schwerster Not die Zukunft in vielerlei Hinsicht sprengen. Zwei Tage nachdem ich für 15 Euro die Fähre von Ayvalik nach Lesbos nahm, starben laut Al Jazeera 39 Menschen bei dem Versuch dasselbe mit anderen Pässen zu tun. Der Schmerz hält an. Wir, die Öffentlichkeit, müssen eine Sprache für das Unsagbare entwickeln. Wir haben eine Stimme. Öffnet die Grenzen!

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