Geschichten aus dem Untergrund

Von: Dennis Albrecht
Fotos: privat

Anfang 2015 lief das Programm „Unsere Serien“ auf dem Snowdance Independent Filmfest – es kamen zwar circa 50 Zuschauer, doch das war ein Anfang. Ein paar Monate zuvor gab es noch Diskussionen, ob es denn überhaupt genug „gute“ Webserien aus Deutschland geben würde. Also klemmte ich mich dahinter, um die Rosinen im Internet zu finden. Gute deutsche Webserien musste es doch geben, obwohl die erste große Welle inzwischen schon länger her war. Damals dachten viele, es wäre Geld mit kleinen Serien zu verdienen, die vielleicht Product Placement besser tragen oder als Werbesendung herhalten könnten. Selbst die BILD-Zeitung oder eine Intim-Salbe versuchten sich daran. Die Plattform „3Min.de“ startete verheißungsvoll, doch die von der Telekom finanziell getragene Idee wurde bereits nach nur knapp über einem Jahr wieder eingestampft – aus Kostengründen wie es hieß. Danach schien es nur Zombie-Serien zu geben, die mit ein paar Kumpels gedreht wurden. Das Highlight einer dieser Serien war eine Szene, in der die letzten Überlebenden der Menschheit darüber diskutierten, ob sie vielleicht noch im Norden ein paar Menschen finden könnten, während im Ton der Filmaufnahmen munter eine Autobahn im Hintergrund rauschte.

Nach diesen Sichtungen war mir klar, dass wir das Image von deutschen Webserien nach dem 3Min.de-Crash auf jeden Fall wieder aufbauen mussten. Das Snowdance-Festival war schon deswegen ein Erfolg, weil wir uns dort trafen. Wir beschlossen kurz darauf, ein eigenes Festival nur für deutschsprachige Serienprojekte zu gründen und zu organisieren: In Gießen, wo ich meine Jugend verbrachte und die ersten Schritte Richtung Film machte. Mein alter Freund, der Film- und Serienmacher Csongor Dobrotka, setzte von dort aus alles in Bewegung. Im Sommer feierten wir tatsächlich „Die Seriale“, das erste Indie-Serien-Festival Deutschlands! Die Initiative „UnsereSerien“ – ein lockerer Verbund von unabhängigen Serienmachern die ich bereits 2014 ins Leben rief – half dabei. Dadurch konnte ich das Programm in nur ein paar Monaten als Kurator für zwei Festivaltage zusammenstellen. Als Generalprobe dienten drei Vorführungen im B-Movie-Kino in Hamburg, wo wir im März 2015 eine Auswahl zeigten. Später schaffte es „Die Seriale“ im ersten Wurf noch nicht, ein größeres Publikum an diesen heißen Sommertagen ins Kino zu locken, doch wir Macher lernten uns bei Podiumsdiskussionen und beim Serienmacher-Frühstück besser kennen. Wir tauschten uns aus, wir halfen uns, wir planten zusammen. Statt nur allein sein Format zu drehen, allein das Ding hochzuladen und dann die Klickzahlen zu beobachten, sehen wir uns jetzt öfter.

Die Seriale – 1 IndieSerienFestival Gießen

Am 1. Oktober 2015 war es dann soweit: Unsere erste gemeinsame Plattform www.unsereserien.de ging online! Hier finden sich die Webserien, die auf den Filmfestivals laufen und wir haben so die Chance, diese kleine Auswahl später gebündelt präsentieren zu können. Wir sind stolz auf das, was wir in diesem Jahr aufgebaut haben.

In diesem Jahr wird es wieder die Seriale in Gießen geben. Aber auch andere Festivals haben inzwischen Interesse, uns als Sektion zu zeigen, denn endlich herrscht überall die deutsche Serien-Welle. Mehr noch, das Fernsehen ist auf unsere jahrelange Arbeit aufmerksam geworden, denn kurze und günstige Inhalte werden dringend gebraucht. Zum Beispiel drehen TV-Regisseure und bekannte Schauspieler/innen jetzt Mini-Serien für das junge YouTube-Publikum. Eine richtige Strategie lässt sich aber noch nicht wirklich erkennen, denn gerade die Serienfans zwischen 25 und 45 sind möglicherweise längst an die großen und tollen Serien aus Übersee verloren gegangen.

Leider sind diese Bemühung des Fernsehens zudem nur bedingt „unabhängig“. Sofort wird  wieder auf Klicks und somit Quote und Erfolg geschielt. Doch gerade im Medium der Webserie haben Macher die absolute Freiheit, das zu erzählen, was sie unbedingt erzählen wollen. Diese eigene Serien-Manufaktur mag in mancher Augen zwar ein vielleicht sehr teures Hobby sein, doch diese Bewegung, die kurze Folgen in einem Comicladen oder bei der Mutter im Wohnzimmer dreht, gilt es zu unterstützen. Bei uns machen immer mehr bekannte Schauspieler/innen mit, doch ebenso hat der Nachwuchs eine Chance. Werden wir auch manchmal etwas belächelt und verschrien, weil wir oft keine oder meist nicht die volle Gage zahlen können, bieten wir jedoch als Gegenleistung die Chance, andere Rollen, andere Sprachen und andere Geschichten zu erzählen. Nicht nur wir selbst als Erzähler erfüllen uns somit einen Herzenswunsch der Kreativität, wir geben jenen auch weiter und wenn es nur für ein oder zwei Drehtage ist. Doch das ist schließlich nur der Anfang.

Durch unsere andersartige Arbeitsweise bringen wir den frischen Wind mit, der in den verkrusteten Redaktionsabläufen und Marktverhältnismäßigkeiten bitter nötig ist. Deutschsprachige Serien und die Formate dazu werden immer cooler und besser. Allein auf UnsereSerien laufen immer mehr preisgekrönte Projekte. Jetzt muss der Zuschauer diese nur noch entdecken und – noch besser – bereit sein, einen „Serien-Euro“ dafür zu bezahlen. Das lineare Fernsehen ist dabei, ein Randmedium zu werden, Video On Demand ist das „Fernsehen“ der Zukunft. Wir müssen eine Rolle darin spielen, wenn wir schon jede freie Minute der letzten Jahre in unseren Drang investiert haben, nicht nur seriell zu konsumieren, sondern genauso auch erzählen zu wollen.

ZigZag-05

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