Eine Sitzcom und der narrative Untergrund

Serie gebaut – was nun?

Von: Sebastian Droschinski
Illustration: Franziska Martin

Du lachst manchmal. Ein bescheuertes, albernes Lachen. Das Lachen der verzweifelten Hyäne bei Nacht. Wir sitzen gemeinsam im schrottreifen Ford, Nick (mein Schreibepartner) und ich und lachen uns im Jahr 2013 den Arsch weg. Gerade sind uns sowohl Crew als auch Technik-Ausrüster abgesprungen, wir „socializen“ Tag ein Tag aus, um das Schiff auf Kurs zu halten, sind pleite wie noch nie und jetzt schon auf einer Powerdiät, die sich „Producer-Credit“ nennt. Die Ampeln spiegeln sich in den Pfützen an der Feldstraße und es beginnt mit einem kratzenden Kichern. Ich weiß gar mehr, wer anfing. Doch wir lachen uns den Arsch weg. Produzenten… für was? Für wen? Kumbaya!

Wir drehen Quark ohne weiteres Risiko und mit keinerlei Chance auf Weiterverwertung weil es uns Spaß macht. Weil wir uns für witzig halten. Manchmal… Und noch wegen eines dritten Faktors, den ich aber bis zum feurigen Schlussplädoyer für mich behalten möchte.

Nick meinte: „Lass mal was Serielles machen. Ich habe da schon den Grundstock“ und ich so: „Klaro Spacko“ und reiß meine Zelte in Hildesheim/Nürnberg nieder und zieh mit meinen Notgroschen nach Hamburg Harburg. Soviel zum Entstehungsmythos. Aber in diesem Schriftstück soll es nur oberflächlich um unser Projekt gehen. So wie es das ganze Jahr über nur an der Oberfläche um „Kumbaya!“ ging: Es geht um mehr, und das sage ich nicht aus unangebrachten Pionierspathos. Es brodelt und flirrt und ich finde es spannend und wichtig. Es wird wieder erzählt, Freunde – und wie die irischen Schriftsteller ums Abbey Theater und James Joyce herum, entwickeln die Storyteller und Kreativen eine Solidarität, die ich jeder Szene wünsche. Kumbaya! Ist stolz darauf, UnsereSerien zu sein.

Babyschritte

Wir feiern Premiere im Frühjahr 2015. Für 2 Vorstellungen ist die Honig Fabrik in Hamburg-Wilhelmsburg gut gefüllt. Wir refinanzieren uns beinahe über die Getränke-Verkäufe. Besonders der Premierenabend verkommt zur DIY-Party. Wir grölen, Leute singen, wir predigen wie Priester: „Kauft euch ein Solidar-Bier. Sauft für unser Giro Konto“, die DVDs gehen weg wie warme Semmel. Doch wie nach jeder guten Party kommt hinterher der Kater. That‘s it? Einmal dem Viertel ‘ne Fete gegönnt und den Getränkemarkt um ein paar Kisten Bier ärmer gemacht? Die Klickzahlen auf Vimeo sind okay, aber weit weg von berauschend. Die dicken „Frans“ haben die Scheibe für ‘n flotten Fünfer erstanden. Für wen haben wir das alles noch mal gemacht? Für uns? Ein lockerer Schuss aus der Hüfte war dieses Projekt nicht gerade: Namenhafte Regisseure haben sich unseres Stoffs angenommen, wir haben ein tolles Ensemble und eine fantastische Crew zusammen bekommen und gerne würde ich Ihnen irgendetwas zurückgeben. (Nicht die Kohle… Verpisst euch! Das Biergeld ist unser.) Irgendwie wissen wir noch nicht wohin mit uns. Die Knallköpfe, die produktionstechnisch eine Klasse übersprungen haben. Da ploppt eine E-Mail auf. Ein gewisser Dennis Albrecht möchte sich mit uns über „Kumbaya!“ unterhalten. Er plant da etwas im B-Movie.

Hamburg: Es regnet, quelle suprise. Am Kiosk beim Grünen Jäger habe ich noch einige Pilsener Urquell gekauft. Ich bin nervös. Muss ich gestehen. Nick ist selbstverständlich zu spät, Normalfall, ich bin Jack Lemon, er ist Walter Mathau. Ist so, wird auch immer so bleiben. Ich bin ein bisschen zu früh. Ist so. Wird wohl auch immer so sein. Im kleinen Foyer des B-Movies treffen wir dann erste Vertreter der „Szene“, die sich noch gar nicht als solche versteht und ich HASSE sie. Hasse sie alle. Ihr aufgesetztes Verhalten, irgendein Affe erklärt mir, dass er sich ja nicht entscheiden kann, ob er eher Schauspieler sein will oder doch lieber Regisseur (ja, der Mann hat Probleme) und scheint seinen Bizeps zur jeder Sekunde anzuspannen. Er hätte ja total beim Short-Film Slam verkackt, aber die Noobs wissen ja eh nicht Bescheid. Ich klammer mich an Alexa Benkert, eine „unserer“ Schauspielerinnen, die ich zufällig dort treffe. Grundey kann aus irgendwelchen Gründen weder mit Komplimenten umgehen, noch Augenkontakt halten, Albrecht läuft wirr von A nach B und hat keine Zeit für einen, Seidler gibt einem Ihre Visitenkarte und verschwindet im nichts um überdreht Hände zu schütteln. Ich bin kurz ein wenig geschockt, als ich Monty Arnold im Publikum ausmache – DER QuatschcomedyClub-Held soll gleich unseren Piloten sehen? Jan ist nett, muss man so sagen, Jan war da schon lieb, mochte aber unsere Idee über einen Möchtegernslammer nicht. Wir hätten dramaturgische Dellen. Wichser.  Das Screening läuft gut. Nick und ich ziehen im kurzen Q und A unsere „2 verplante Dudes, aber Freunde fürs Leben“-Nummer durch und ernten auch in dieser Routine ein paar Lacher. Die Dynamik ändert sich. Basti merkt, er war das Arschloch. Ich glaube, seit jenem Tag verstehe ich, dass es bei solchen Sachen um mehr geht als unsere „Sitzcom“.

DSC01875

Auswärtsspiel

Gießen ist heiß und unnachgiebig. 30 Grad und kein Lüftchen. Nick, der die Angewohnheit hat, immer einen schwarzen Anzug zu tragen geht ein, ich hänge in den Seilen wie ein angenockter Boxer und werde auf der Seriale angeschwipst im Gießener Rathaus fotografiert. Ich habe versucht, der Hitze mit Prosecco entgegenzuwirken. Läuft bei mir. Gewinnen werden wir in Gießen nichts. Noch nie durfte ich einen lustigen übergroßen Scheck entgegen nehmen. Aber Kontakte werden vertieft. Man erkennt sich wieder. Hat inzwischen sogar geschafft, die Serien des anderen zu schauen. Mit „Filmstadt“, „Number of Silence“, „C.A.T“ etc. teilt man jetzt nicht nur die Erzählweise. Man ähnelt sich in der Haltung mehr an. Wie Mitbewohnerinnen, die irgendwann im selben Rhythmus ihre Periode kriegen, glaube ich. Im Bereich der WG-Blutungen bin ich kein Experte.

Wir lernen weitere Gesichter kennen, die für uns noch sehr wichtig sein würden, bei denen ich mir schon mehr abgeschaut habe, als sie wahrscheinlich ahnen können. Timo, der Journalist, Michael das „Rauhbein“, der ein Killerprojekt in der Pipline hat, die Boys von „MEM“, die so selbstbewusst ihren Genre-Mix durchziehen, das ihre Cowboyattitüde mir am Anfang sogar fast Angst macht (oder als Arroganz gewertet werden könnte). Das  Festival ist gut organisiert, die Jury sympathisch, die Festivalleiter sowieso. Am Ende gewinnt irgend ‘ne Pfeife mit einem Trickfilm… aus Berlin… pffff… mieser klüngelnder Saftladen. Doch dann, während der Abschlussparty, erzählt man sich ganz und gar nicht nur die Erfolgsstories, nein, man zeigt sich auch gegenseitig seine Narben. Brüder im Schützengraben, um einmal kurz (und auch da einzige Mal) martialisch zu werden.

„Hey, You‘re the Kumbaya! guys, right?“ halt es durch den Hinterhof des A.C.U.D.. Luca hat uns ausgemacht. Luca ist die rechte Hand von Meredith, ihres Zeichens Direktorin des Webfests Berlin. „I luuuv your show, man.“ Und wir lieben Luca, für seine überschwängliche Art. Er bebombt uns mit Details. Ja, er hat es wirklich gesehen, wow. Das Webfest ist anders als die Seriale „international“ – Kann unsere billo Stoner Comedy überhaupt mit internationalen Produkten in Wettbewerb treten? Meredith und ihr Team haben meisterhaft organisiert, mit einigen Leuten werde ich schnell zur Clique, verstecke mich aber auch, wenn ich unsicher bin (wie vor der Award Verleihung), hinter dem Berg Michael Söth, der ein viel selbstbewussterer Filmemacher ist als ich. Schulhofstyles. Doch mir fällt eines auf: Wenn ich vor den internationalen Gästen rede, dann rede ich selbstverständlich von „wir“ und weiß nicht mehr, ob ich die Hamburger Operation meine, oder vielleicht sogar noch etwas anderes. Ich mag es, dass sich die Gäste aus Australien, Japan, U.S.A., Libanon oder sogar Frankenland mit unserem Produkt beschäftigen. Mir wäre es echt Ehre genug, mit den Leuten abhängen zu können, Meredith und ihr Team zu loben und ganz viel Wermut zu trinken. Doch dann fällt relativ früh in der Preisverleihung der Name „Kumbaya!“…

12028637_430958087105989_1467200952366178872_o

Don’t hate – Create

Wir haben keine silbernen oder güldenen Tiere in unseren Schränkchen, keine dicken Deals eintüten können. Gespräche, wenn man sie denn so nennen möchte, sind immer erstickt, früh. Ein blau angelaufenes Baby der Fernsehverwertung. Sicherlich kann man jetzt wettern, auf die Blödians bei den Privaten, die das Publikum vergrätzt hätten, auf die Faulheit, auf den Faktor „Indie“ zu setzen – oder neuen Stimmen mal ‘ne Chance geben. Man kann auch darauf prügeln, dass die Filmförderung sich noch nicht weit genug geöffnet hat bzw. auf diese alten, knarrenden Mühlen hintern den Mauern dort in Lokstedt, dort in Lerchberg, an der Masurenallee. Es sollte doch besonders die Aufgabe des Öffentlich-rechtlichen sein, uns einen Slot zu gönnen. Wozu wiesel ich mich denn um die GEZ-Beträge? (Die Mahnung brennt mir im Nacken.)

Jedoch glaube ich, dass diese Zähne knirschende Mentalität nicht die richtige ist. Lieber lobe ich die Stimmen, die sich in einer jungen Szene bilden. Und den Bock!! Wir alle haben wahnsinnig Bock, zu erzählen. UnsereSerien hat Bock, Bock auf Erzählen zu pushen und zu deckeln. Lasst uns machen, lasst uns besser oder origineller werden, dann werden Lösungsansätze schon kommen. Wir sind alle nicht weltfremd. Wir finden ein Geschäftsmodell, wir finden den Image-Gewinn in dieser Nische, die auch gut und gerne belächelt wird (und ich verstehe den Gedankengang der „Beobachter“, habe aber wenig Verständnis für die Art und Weise wie sie von Sendechefs und Actionstars geäußert wurden. #Indiebullying). Baut. Seid hungrig. Seid einfach coole unerschrockene Säue. Der Rest kommt… one way… or another.

Neue Ufer

Jetzt war das kleine Kumbaya!-Projekt auf einigen Festivals (Dublin, Rio, EBERSWALDE!!!), darf zum norddeutschen Filmfestival und ein kleines Brüderchen ist unterwegs. Das Filmen und Umsetzen von Stoffen ist immer noch schwierig, man muss sich durchs Leben wieseln, um seine Geschichte ohne Filter erzählen zu können. Oder, um Christian Grundey frei zu zitieren: Du musst dreckiger filmen aber immer noch geil. Lieber Teller waschen als Scheiße erzählen. Eben jener Christan, Macher von C.A.T. sprang jüngst ein, als uns ein Ton-Mann ausgefallen war. Kein Meckern, kein Beschweren oder Mosern. Er kam einfach, machte seinen Job, weil er eben weiß, wie es ist, ein Indie zu sein. Söth und Albrecht vermitteln uns immer mal wieder Gelegenheiten, unsere Show vor Publikum zu zeigen. Csongor und andere Filmmacher pushen aus der Ferne so gut es geht. Sie helfen schlicht und einfach die Beitragsreichweite hoch zu halten. Genau wegen solcher Momente bin ich sehr stolz, ein Teil dieser Community von „gescheiterten“ Geschichtenerzähler zu sein.

Mit ein wenig Schmalz kann man doch mal diesen Beitrag beenden. Weiter an der Crowdfunding-Kampagne für „Gut Holz“ arbeiten, noch die Anekdote zur Berlinale aus diesem Fließtext löschen, da ploppt eine E-Mail auf. Das Washington WebFest hat sich gemeldet. Sie seien untröstlich, aber dieses Jahr hätten sie so viele Shows wie noch nie eingereicht und sie müssen mir leider sagen, dass… Verfickte Arschszene. Wird Zeit, den Puff so bald wie möglich zu verlassen!!!11!! Keine Ahnung von der Craft. Die Storyteller.

ZigZag-04

Advertisements

3 comments

Submit a comment

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s