German Media Angst

Die ZDF-Miniserie Morgen hör‘ ich auf und ihr Emanzipationsversuch vom US-Serienvater Breaking Bad

Von Nina Heinrich
Illustration: Franziska Martin

Beim ZDF ist durchgesickert, dass der narrative Zeitgeist nach seriellen Geschichten verlangt; eher denn nach 180-minütigen Historiendramen, auch, wenn letzteres mit Sicherheit genauso seinen Reiz hat. Plötzlich „haben alle nach Miniserien gerufen“, wie ZDF-Redakteurin Elke Müller gegenüber Blickpunkt Film erklärte. Das bedeutete offene Türen für den Autoren- und Filmemacher-Zusammenschluss plotpower und deren Serienkonzept Morgen hör‘ ich auf, das vom 2. bis 30. Januar 2016 jeden Samstag Abend ausgestrahlt wurde und für alle Welt abrufbar in der Mediathek verweilt.

Im Voraus wurde über das „deutsche Breaking Bad“ berichtet, ähnliches Konzept, nur, dass es um einen Falschgeld-Drucker statt Chrystal Meth-Koch gehe. Erster Gedanke: Wie gut! Immerhin war die Adaption Stromberg von The Office auch ein großer Erfolg. Die deutsche Telenovela Verliebt in Berlin bezeichnet Sat.1 als „Kultserie“ und luchste ihre Idee eigentlich beim kolumbianischen Vorgänger Yo soy Betty, la fea ab. In dem Fall war die große Produktionsmaschinerie overseas sogar langsamer und tat das gleiche erst ein Jahr später mit Ugly Betty. Dass die deutsche Protagonistin Lisa und nicht Betty (oder meinetwegen Bettina) heißt, ist also fast ein unnötig eitles Verschleiern der Vorlage anstatt die Referenz frontig auszustellen. Das offensichtlich nicht sehr kostspielig produzierte, unerträglich anrührige Verliebt in Berlin wurde nach zwei Staffeln lieber schnell wieder eingestellt und der Sender zog es vor, die synchronisierte Version von Ugly Betty auszustrahlen, die es immerhin auf vier Staffeln brachte. Und obwohl Strombergs Augenroll-One-Liner und Ernies unter dem Kinn verschränkte Arme das britische Original staffeltechnisch um Längen überrundeten, traute sich Pro Sieben erst ab Staffel 2 Ricky Gervais seinen „Inspired by“-Credit zu gönnen. Ach, die Deutschen.

Fernsehmacher im Wechselbad der Presseecho-Gefühle

Der ursprünglich gute Gedanke hinter Morgen hör‘ ich auf wird genauso von den Initiatoren selbst dekonstruiert: Die Macher behaupten, sie hätten Breaking Bad doch niemals kopieren wollen – natürlich nicht, das wäre ja auch wahnsinnig; schon, da bei deutschen Finanzierungspraktiken innerhalb der Medien niemals ein auch nur im Ansatz vergleichbares Produktions-Value vorhanden ist. Doch eine Adaption zu einer der besten Serien aller Zeiten zu entwerfen, diese virtuos in andere Kultur-Zusammenhänge einzupassen, neu „aufzulegen“, durch die Entwicklung eines anderen Settings, anderer Figuren und der gleichen wunderbaren Grund-Prämisse – die Erzählung von Breaking Bad also in eine darüber hinaus strahlende Geschichtstradition zu hieven – ist nichts, wovon sich die Macher freisprechen sollten; und schon gar nicht sollten sie sich dafür schämen. Für Hauptdarsteller Bastian Pastewka wäre schon die nach ihm benannte Sat.1-Show nicht ohne den Vorgänger Curb Your Enthusiasm möglich gewesen.

Morgen hör‘ ich auf eröffnet sein genuin eigenes Breaking Bad-Universum: In einem Ort um Frankfurt lebt die fünfköpfige Familie und verkörpert in ihren vier Wänden die urigste Version von Mittelstand, wie man sie hierzulande kennt. Während Walter White als gequälter Chemie-Lehrer und Angestellter einer Autowaschanlage schon vor der Krebs-Diagnose seine Zuversichts-Felle endgültig davon schwimmen sieht, steht Jochen Lehmann als Inhaber einer Druckerei (vom Schwiegerpapa übernommen) voll im Leben – würden nur die Aufträge nicht ausbleiben. Der Breaking Bad-Antiheld hat sich (so ist zumindest anzunehmen) aus romantischen Gründen in den Morast geritten – eine ungeklärte Dreiecksbeziehung, aus der er ausschied und woraufhin ein Forschungsimperium basierend auf seinen Ergebnissen ohne ihn entstand –, während der Protagonist aus Morgen hör‘ ich auf unentwegt pragmatisch handelt: Visuell ist das Problem schnell durch prominent ausgestellte und sich häufende Rechnungsberge erklärt (german Papierkram): Er braucht Geld, er druckt Geld (german Papierkram). Tennisspielende Bankberater, österreichische Gangsterbosse, pubertierende 15-jährige, fremdgehende Ehefrauen und sozialer Niedergang: So könnte der Breaking Bad-Mythos tatsächlich in Bad Nauheim funktionieren.

Spielweisen des Pop

Wo man in der Hochkultur möglicherweise naserümpfend „Kopie“ schimpfen würde, da bietet die Popkultur Begriffe, die eine eingefleischte Praxis-Tradition benennen: Adaption, Remix, Referenz. Zeit Online echauffiert sich über den im Vorspann im Wasser treibenden 50-Euro-Schein, der nicht zu knapp an das in der zweiten Breaking Bad-Staffel stets wiederkehrende Bild des im Pool schwimmenden pinken Teddybären erinnert: Was für eine wunderbare Referenz – zumindest, würden die Macher ihre Absicht dahinter nicht abstreiten. Scheinbar wird missverstanden, dass eine Anlehnung an und ein Bezug auf einen popkulturell etablierten Gegenstand (was man von Breaking Bad inzwischen annehmen kann, sonst würden die vielfältigen „Parallelen“ der neuen ZDF-Serie nicht erst von unterschiedlichen Medien erkannt werden) nicht voraussetzt, ein in jeder Hinsicht vergleichbares Produkt vorzuweisen. Bei aller Referenzialität steht jedes popkulturelle Produkt für sich und ist nach dem jeweils eigenen Anforderungskosmos zu bewerten. Wenn man diesen Kosmos der beiden Serien möglichst jeweils auf einen Begriff runterbrechen möchte, so wäre dies für Breaking Bad wohl „Vince Gilligan“ und für Morgen hör‘ ich auf: „ZDF“.

Ein stetes Pochen auf genuine Stoffe von Seiten des Feuilletons ist nachvollziehbar, doch liegt das Ausbleiben dieser nicht an fehlender Kreativität innerhalb der Bundesrepublik, sondern an der German „Angst“; Angst vor allem vor der Komplexität einer internationalen Medienlandschaft. Wo ein größenwahnsinniger Lokalheld ins Rennen geschickt wird, nur um hinterher sagen zu können: „Seht ihr, der Deutsche will halt seinen ursprünglichen Sonntagskrimi“, wird das Geld in muffige Ritzen gesteckt. Ja, „der Deutsche“ (falls es so etwas gibt) liegt die traditionelle Machart seines Sonntagskrimis absolut am Herzen, doch kann er mit etwas Experimentierfreude –unangetastet vom Tatort! – mit Sicherheit auch an neue clever umgesetzte Stoffe heran geführt werden; wenn auch in ständiger Angst davor, für sein versehentliches Amüsement vom Feuilleton ausgeschimpft zu werden.

Pop erzählt Geschichten im Zwiebel-Look: Eine Fernsehsendung ist kein zweidimensionales Gemälde an der Wand, das für sich wirkend betrachtet werden will, sondern geht organische Verbindungen mit dem gesamten Pop-Kosmos ein, um das Vergnügen für sich dort zuhause fühlende Zuschauer zu multiplizieren. Die ZDF-Serie kann Referenz-frei rezipiert werden, doch nimmt sie sich damit eine wesentliche Genuss-Ebene selbst. Die hemmende Angst vor Nachmachereien des furchtbaren Film- und Fernsehen-Angebers USA durch die Adaption ist unbegründet, denn Morgen hör ich auf  ist sehr deutsch UND dabei noch unterhaltsam.

.ZigZag-06

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