Tribute an den Herrn in Rot

Erlebnisse des Berlinale-Screenings von The Man Who Fell To Earth

Von: Sina Kraushaar
Illustration: Franziska Martin

Die Berlinale Specials: Glamour, großer Saal, bewundernde Worte … Man bekommt mehr als nur einen Film geboten. In diesem Fall jedoch reichte allein filmische Werk aus, um einen ganzen Saal in den Bann zu ziehen, um das Publikum zurück in die späten 1970er zu versetzen. In The Man Who Fell To Earth von Nicolas Roeg begegnet man einem dieser vielen David Bowies, er trägt korallenrotes Haar, es fällt in sein Gesicht, er blickt auf, doch wohin blickt er?

An diesem Freitag nun, im Friedrichstadtpalast, führt der Grand Homme der Berlinale Dieter Kosslik zwei Persönlichkeiten auf die Bühne: Eine hoch gewachsene, grazile Frau, die ihre Tribute an diesen Künstler zollen möchte und den Sohn des Regisseurs, der dort neben dieser Dame die einzigartige Zusammenarbeit im Zuge der Entstehung des Films preist. Die Frau, die wir sehen, ist Tilda Swinton in einem schwarzen Anzug mit roten abgesteppten Ziernähten, einer zurückgekämmten Kurzhaartolle und einem auratischen Dasein, das nicht nur ein Funken Bowie, sondern gleich seine gesamte flammende Präsenz in den dunklen Kinosaal trägt.

Ein Film zwischen Science Fiction und Drama

The Man Who Fell To Earth brilliert als filmische Romanadaption von Walter Tevis in seinen Farben, seinen Momenten. Schließlich gibt es Filme, die von ihrer Erzählweise leben und andere, deren visuelles Arrangement momenthaft aneinander gestückelt ist und so einen eigenen Kosmos kreieren, um den Betrachter weiterspinnen zu lasse – was zunächst nicht visuell gegeben ist. The Man Who Fell To Earth ist ein Film, der zwischen Science Fiction und Drama wechselt, eine Liebesgeschichte in sich trägt, aber trotzdem keinen konventionellen Science Fiction-Film darstellt. Es ist ein kosmisches Mysterium, das damals 1976 im Wettbewerb der Berlinale lief. Der Film mag der Inbegriff des nostalgischen Kitschs sein, denn durch sein zeitgemäßes 1970er Jahre-Design mit Minibar, wilden Perücken und Elasthan-Minikleidchen, die fast zu plastisch wirken, birgt er eine spektakuläre Imagination von Welten in sich, die sich nicht nur in den von der Op-Art inspirierten Tapeten spiegelt, sondern vor allem tiefe Verbindungen zur Zeitgeschichte liefert. Es ist tatsächlich ein Science Fiction Film, der so real ist, obwohl er seine Gemachtheit ausstellt – es geht nicht um Special Effects, es geht auch nicht um das elaborierte Set-Design, denn dies ist nur Beiwerk, zur tiefen Wahrheit, die der Protagonist vergeblich sucht. Um was geht es nun?

Die Begierden unserer Kultur: Fake-Eheringe, Gin Tonic und das Fernsehen

Visuell überwältigend ist The Man Who Fell To Earth ein ruhiger meditativer Film, der tiefgreifend die Werte und Begierden unserer „Kultur“ erforscht. Thomas Jerome Newton, gespielt von David Bowie, ist ein wahnsinnig gut gekleideter humanoider Außerirdischer, der auf die Erde „fiel“ um Lösungen für das Wasserproblem seines sterbenden Planeten zu suchen. Stolpernd, im feinen Anzug und Cape gekleidet, steigt er nach seiner Landung einen Berg voll Schutt hinab, blickt in diese zerstörte, triste aber dennoch naturschöne Welt hinaus und verkauft Fake-Eheringe seiner Frau, um erst einmal über die Runden zu kommen. Er mietet sich in ein Mittelklasse-Hotel am Stadtrand ein, lernt die gütige und unbefangen kindliche Servicedame Mary-Lou kennen und findet in eben diesem Zimmer seine ersten zwei irdischen Lieben: Gin Tonic und Mary-Lou, die ihn dazu verführt. Sie eröffnet ihm:

“You know Tommy, you’re a freak. I don’t mean that unkindly. I like freaks. And that’s why I like you.”

Am Anfang des Films wird Gin Tonic nur gelegentlich und am Ende wie Wasser getrunken, das durchdesignte Haus, das dem Sehnsuchtstraum der Mary-Lou entflogen ist, bietet Newton alias David Bowie keinen Halt, die Sehnsucht treibt ihn in die Arme der Mächtigen und so auch in die Gier und Rücksichtslosigkeit ihrer Unternehmensanhänger. Seine eingehende Beschäftigung mit dem Programm des Fernsehers, stimuliert seine verfeinerte Intelligenz und verhilft ihm zudem die Mechanismen der Macht und der Wirtschaft zu durchschauen. Doch schaut Newton nicht nur ein Programm, sondern erblickt ein ganzes Panorama von aufeinandergestapelten Fernsehern, auf denen die verschiedensten Programme laufen, um das gesamte Spektrum der Fernsehwelt zu erfahren. So sagt Thomas Jerome Newton:

“The strange thing about television is that it doesn’t “tell” you everything. It “shows” you everything about life for nothing, but the true mysteries remain. Perhaps it’s in the nature of television. Just waves in space.”

Mit solchen Sätzen hält uns Newton in Bann, sein roter Schopf und sein wissender, aber nicht anklagender Blick, lassen uns erahnen, dass er sobald nicht in erfolgreicher Rettungsaktion auf seinen Planeten zurückkehren wird. Mit einer ausgeprägten Menschenkenntnis, umgibt er sich mit einflussreichen, aber diskreten Wissenschaftlern, die vor allem eines treibt … die Korruption. Mit der von ihm gegründeten Firma World Enterprises plant Newton wiederum, ein Raumschiff für seine Rückkehr zu bauen. Diese werden ihm gegenüber misstrauisch und machen ihn in dieser unmenschlichen Umgebung zum Opfer perfider Laborversuche, denn er scheint nicht von dieser Welt zu sein. In die Außenseiterrolle gedrängt, reagiert er besonders sensibel auf menschliche Gefühle. Dem am Anfang noch reinen, makellosen Gesicht folgen Sonnenbrille und die ermüdende Erkenntnis enttäuscht worden zu sein, ausgenommen wie ein Berg der teuersten Austern . Sein Blick verdunkelt sich, er wird schwermütig. Im Gegensatz zu denjenigen, die nur auf Gewinn aus sind und seinen Gutwillen ausnutzen, wirkt er nachsichtiger, milder, menschlicher als die „Bösen“.
Die einzige, die ihm treu bleibt, ist Mary-Lou, die ihn in seinem aus Studiokulissen aufgebauten Gefängnis besucht. Am Ende darf er diesem durch eine nicht geschlossen Holztür entfliehen, so als sei es sein eigenes imaginäres Gefängnis gewesen, das ihn im Irdischen gefangen hielt. Alles eine böse Vorstellung, die doch mehr als real schien. Am Ende bleibt ihm nur die Erinnerung an seine in silbernen Anzügen gekleidete vierköpfige extraterrestrische Familie, die vor einem pyramidenförmigen Zelt-Apparat steht, der den geliebten Vater und Ehemann Newton wohl damals auf die Erde befördert hatte.

Susan Sontags Notes on Camp

The Man Who Fell To Earth erinnert durch seinen melancholischen Blick auf eine blasierte Welt stark an die von Susan Sontag manifestartig ausgeführten Notes on Camp:

Sina Artikel

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Auch im Film findet sich wie im Text ein wildes Sammelsurium an Identitäten, schrägen Typen und Mythen aus der Popkultur. Die ikonischen Bilder aus einer Melange zwischen orientalischem Harem, spanischer Tanzparty und altmodischen Popkultur Kitsch, zeigen,  dass gerade die Sammlung an Stilen und Formen an sich „Camp“ ist und ausmacht. Das pinke, rasche Aufblitzen des Raumfahrtobjekts stehen hier den pittoresken Naturaufnahmen eines Bergsees gegenüber. Alles scheint irgendwie fehl am Platz und den irdischen Tatsachen entrückt.

In ihren Kommentaren 9 bis 11, die ebenso wie die ersten dem Schriftsteller Oscar Wilde gewidmet sind, schreibt Sontag von „Camp“ als überzogen, androgyn, das sich auf einen geschlechtslose Körper bezieht, auf die schwachen, biegsamen und schlanken Körper der Darstellungen Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie bezieht sich ebenso auf eine Vorliebe für die Übertreibung sexueller Merkmale und individueller Manierismen oder gar die Ausstellung des Geschlechtslosen, von Filmstars in greller Weiblichkeit oder mit einer Supermännlichkeit. Die Kommentare wirken wie auf David Bowie zugeschnitten. Seine Figur befindet sich fast durchgehend nackt im Film, doch es ist eine Nacktheit in Anführungsstrichen. Sie steht für die Offenheit des Geschlechts an sich, für die Verletzbarkeit eines jeden Individuums.

Eine Nachahmung von Ernsthaftigkeit und stilisierter Übertreibung

Zum Ende des Films zeigt unser nur einseitig alt gewordenes, aber mittlerweile getrenntes Liebespaar, Mary-Lou und Tommy Newton, in einem wilden und erotischen Schlagabtausch, was „Camp“ in diesem Film bedeutet: die Nachahmung von Ernsthaftigkeit und stilisierte Übertreibung. Tommy hält eine Pistole auf seine geliebte Mary-Lou, die vor ihm wehrlos auf dem Bett liegt. Er drückt ab, pustet nach dem Schuss über den Lauf der Pistole, doch nichts ist geschehen, Mary-Lou lacht quicklebendig als hätte sie nie etwas Lustigeres gesehen als den Lauf einer Pistole vor ihrer Nase. Gesten des „Camp“ sind Handlungen, die eigentlich leer sind, etwas zeigen, es aber nicht ausführen. So ist es auch Bowies wahrer Kunstgriff „das Spielen einer Rolle“ als in seiner gesamten Existenz inbegriffen zu begreifen. Austauschbarkeit von Mann und Frau, Person und Sache werden im Film ebenso thematisiert wie alles Kunstmäßige. Obwohl wir ununterbrochen mit Sex und Entblößungen konfrontiert sind, untergräbt dieser Film gänzlich die Ernsthaftigkeit eines wirklichen pornographischen Films. Es ist, wie in Notes on Camp gefordert, alles in Anführungsstrichen.

David Bowie blickt an diesem Abend ausgelassen und parodistisch in die Tiefen der menschlichen Begierden und folgt gedankenverloren mit einem Glas Gin diesem Fest der Bedeutungslosigkeit.

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Quelle zu Susan Sontag Notes on Camp: Sontag, Susan: Notes on Camp (1964). In: Against Interpretation, and Other Essays. New York : Farrar, Straus & Giroux, 1967 (3. Auflage)

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