Das verspiegelte Fenster

Wie die Suchmaschinen-Plattform Google unseren Alltag bestimmt

Von: Elisabeth Thies
Illustration: Franziska Martin

Google. Spätestens der dritte Gedanke, wenn du an das Internet denkst. Wenn du etwas nicht weißt, dann googelst du es und dass du es nicht weißt, DAS weiß dann Google.

Alles begann 1998 mit Sergey Brin und Larry Page, zwei Nerds direkt vom Collge. Heute ist Google mit einem Marktanteil von 90% unter den Suchmaschinen dieser Welt der übermächtige Netz-Diktator.  Zu Recht: Google ist einfach besser als die Konkurrenz. Während die Microsoft-Version Bing, die als gleichwertig programmiert gilt, bei einem Suchbegriff noch dieselben Ergebnisse wie Google anzeigt, hinkt sie dem Marktführer zunehmend hinterher, je länger und komplexer die Eingabe wird. Der Grund für die unschlagbare Position Googles liegt nicht in den Algorithmen, sondern am Datenvorsprung des Unternehmens, der schätzungsweise 4 bis 5 Jahre Datenermittlung beträgt.

Lebensvereinfachende Suchanfragen schmeißen wie Smarties

Google ist ein Fluch. Aber auch ein Segen. Suchmaschinen wie Google machen das Internet erst nutzbar. Suchmaschinen im Allgemeinen und Google im Speziellen sind wie Neuro-enhancer, die uns schneller, klüger und vernetzter machen. Und alle trippen drauf. Wer kann schon noch ohne und vor allem: Wer will schon noch ohne? Wie ein berauschendes Pulver oder eine Tablette beeinflusst auch Google unsere Wahrnehmung, unsere Gedanken und unser Verhalten. 75,54 Milliarden Dollar Umsatz hat Google im Jahr 2015 damit erwirtschaftet, dass wir alle – im Austausch gegen Information und Kommunikation – unsere Privatsphäre verkaufen.

Wir lassen ein Unternehmen, das sein Geld damit verdient, uns zu manipulieren unsere Emails lesen. Google bestreitet dies nicht einmal, sondern sieht das Scannen von privaten Emails zu Werbezwecken durch seine eigene Datenschutzrichtlinie legitimiert. Die Verbraucherzentrale Bundesverband wird nun in Berlin Klage gegen Google erheben. Die Forderung des Verbraucherschutzverbandes besteht darin, die Auswertung privater Emails nur dann zu erlauben, wenn Gmail-Nutzer dem explizit zustimmen. Aber mal ehrlich, was würde das schon ändern? Möglicherweise nichts außer einem Häkchen mehr, das wir bereitwillig setzen. Oder wie oft hast du schon von der Nutzung eines Internetdienstes abgesehen, weil du mit den AGB nicht einverstanden warst? Google ist für uns unersetzlich und wohl für die meisten von uns unverzichtbar. Durch diesen Nutzen entsteht ein sozialer Druck, der mit einer Facebook-Mitgliedschaft vergleichbar ist. Wir wollen uns nicht ausgeschlossen fühlen von all diesen wunderbaren Bereicherungen für unser Berufs- und Privatleben. Ohne die Nutzung von Google wären wir Teil einer unterliegenden Minderheit. Das kann ja wohl nicht die Lösung sein.

Wir alle sind Google und Google ist wir

Wie viel wärst du bereit für eine Reise nach Brasilien zu bezahlen? Google knows. Im September 2012 erhielt Google ein Patent, das es dem Unternehmen erlaubt, Preise dem individuellen elektronischen Content von Nutzern in Echtzeit anzupassen. Das ist Internetdiskriminierung. Menschen mit Geld sehen ein anderes Internet als Menschen ohne Geld. Selbst der Standort spielt als Algorithmus eine Rolle. So kann über die Ortungsfunktion eines Computers oder Smartphones herausgefunden werden, ob du dich gerade in der Innenstadt einer Großstadt oder doch in einem verschlafenen Kuhdorf befindest. Je nachdem, wie abhängig du dadurch von einer dir gebotenen Kaufoption bist, kann man dir Produkte zu unterschiedlichen Preisen verkaufen. Dieses Prinzip ist nicht neu, man denke an die Wasserflasche am Flughafen oder die Toilettenbenutzung in der Innenstadt.

Niemand außer Google selbst kennt die Algorithmen, nach denen sich Art, Reihenfolge  und Präsentation von Suchergebnissen richten. 1998 kodifizierte Google seinen ersten Algorithmus basierend auf der Anzahl von Verlinkungen auf einer bestimmten Internetpräsenz. Heute berücksichtigt Google über 200 Merkmale, welche die Wände der Business-Oasen mit Fitnessstudio, Übernachtungsmöglichkeiten und  Restaurants, die Google als Parallelwelt für seine Mitarbeiter geschaffen hat, nicht verlassen. Und das verleiht Google einen Einfluss auf das, was Kerngedanken unserer Demokratie ist: unsere Meinungsbildung. Was uns Google als Information nicht zugänglich macht, das existiert für uns nicht. Google trifft durch die personalisierte Suche auf der Basis früherer Suchanfragen, unseres Standortes und vieler weiterer Kriterien für jeden Nutzer eine individuelle Vorauswahl an Informationen.  Jedem Nutzer wird von Google ein individualisiertes Muster zugeordnet, das ihn davon abhält, Informationen aus konträren Perspektiven zu betrachten. Langfristig besteht hierdurch die Gefahr, dass wir Positionen, die von unserer eigenen abweichen durch die Google-Filterblase gar nicht mehr wahrnehmen. Hierdurch wird Google mehr und mehr zum Spiegel statt zum Fenster, zum Inhaltsanbieter statt zum Inhaltsvermittler.

Meine Freundin, die Autocomplete-Funktion

Damit will ich nicht sagen, das Google eine dunkle Macht ist, vor der man schreiend davon laufen sollte. Google hätte seine Macht nicht, wenn seine Dienste nicht einfach großartig wären. Ich denke nur, es schadet nicht, sich bewusst zu machen, worauf wir uns da jedes Mal einlassen, wenn wir wie rund 60% der internetnutzenden Menschen auf die Autocomplete-Funktion zurückgreifen oder über Google Maps unsere Standorte preisgeben.

Eine kritische Distanz zu unseren Suchergebnissen lässt Google zum verlässlichen Assistent unseres Alltags werden, anstatt unsere Meinungsbildung zu beeinflussen. Make Google your bitch!

ZigZag-04

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