Wer zieht den schwarzen Peter?

Zweifel an der Neuauflage des literarischen Quartetts: Aufkärung light im Herzen der Finsternis

Von: Nadine Mouni Lagab
Illustration: Franziska Martin

Die Literatur ist ein weites Feld, wissen nicht nur findige Fontane-Kenner. In diesem Feld tummeln sich die verschiedensten Gestalten: Literaturkritiker, Literaturkenner, Literaturwissenschaftler, Literaturfans, achja und auch die Literaten selbst, allerdings stets protegiert und torpediert.

Ohne mediale Präsenz läuft eben gar nichts mehr. Dies wissen auch die Verleger und so verblasst nicht nur das Bild vom Dichter in seiner schlecht temperierten Schreibstube zusehends.  Kontemplation vor der Kamera ist eben nicht gerade ein Eye Catcher. Die Literatur(vermittlung) will aber genau vor ebenjene und hält dabei ihre Augen ganz weit geschlossen, denn ihr erlittener medialer Bedeutungsschwund zugunsten des Fernsehens lässt sich wohl nicht schön reden. Problematisch wird es allerdings, wenn man das Medium Fernsehen mit der kulturellen Verrohung gleichsetzt. Literatur und Fernsehen – zwei zerstrittene Schwestern?

Zu dieser Annahme darf man sich durchaus verleiten lassen, wenn man seinen Blick über die mediale Landschaft schweifen lässt: So war doch der Aufschrei in den Feuilletons namhafter Zeitungen sehr groß, als das sogenannte Unterschichtenfernsehen Grimme-Preis verdächtig wurde (Dschungelcamp 2013). Und bereits fünf Jahre zuvor gab es einen ähnlichen Eklat, der durch die Ablehnung des „deutschen Fernsehpreises“ für das Lebenswerk von Marcel Reich-Ranicki ausgelöst wurde. Elke Heidenreich, ebenfalls bei der Preisverleihung zugegen, unterstützte die Entscheidung des wohl berühmtesten Literaturkritikers im Lande durch ein zorniges Essay, das postwendend in der FAZ veröffentlicht und nebenbei zur causa sui bezüglich des Endes ihrer Literatursendung Lesen! im ZDF wurde. Denn ihre Kritik zielte nicht nur auf die privaten Sender ab, sondern auch auf ihren Arbeitgeber. Und in der Tat kann man feststellen, dass Kultur bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die genau genommen einem Bildungsauftrag unterstehen, eher am Rande statt findet.

Gebührenfinanzierte Rundfunkanstalt sollten sich die Freiheit nutzbar machen, das Programm verantwortungsvoll und kreativ zu gestalten, da man von marktwirtschaftlichen Spielregeln entbunden ist. Fehlende Reichweite kann unter diesen Umständen ebenso wenig wie die ermattete Floskel „den Zuschauer dort abholen, wo er steht“ als Ausrede gelten: Den Zuschauer nicht überfordern zu wollen, impliziert, dass der dieser per se eher schlichteren Gemüts sei, sofern er sich nicht sowieso schon längst sein eigenes Programm bei Netflix zusammen stellt.

Kritik der Urteilskraft

Der Ethos vom Fernsehen als Massenmedium, dessen Gradmesser die Quote ist, scheint dem Nachwuchs der Branche bereits indoktriniert worden zu sein: Wenn es mal wieder an der Zeit ist, ein neues Format ins Rennen zu schicken, besinnen sich ARD und ZDF unter ansteigendem Konkurrenzdruck auf die guten alten Zeiten, klopfen hier und da die staubige Patina von Unterhaltungsshows aus den 70ern ab und hoffen darauf, dass die Nostalgie nicht allzu bald ausstirbt.

Vor allem, wenn es um einen Dinosaurier wie die Literatur geht, liegt eine Neuauflage unter dem Motto „zurück in die Zukunft“ doch sehr nahe und so kann man Das Literarische Quartett seit 2015 in neuer Besetzung wieder zur besten Sendezeit bestaunen. Natürlich nicht ohne ein paar kosmetische Korrekturen vorgenommen zu haben. Unterhielt man sich einst noch etwa 120 Minuten über Literatur, bleiben in unserer schnelllebigen Zeit noch 45 Minuten für die Besprechung von vier Büchern. Diese Zeitersparnis korreliert auf verschiedenen Ebenen mit fernsehgerechter Inszenierung. Eine deutlich erhöhte Frequenz von Schnitten zeigt an, dass die Redeanteile der Protagonisten nicht nur verkürzt werden, sondern auch, dass das gesprochene Wort der Fernsehdramaturgie unterworfen ist. Wenn der FAS-Kolumnist und Schriftsteller Maxim Biller genervt die Augen rollt, hält die Kamera direkt drauf. Und Maxim Biller ist ziemlich oft genervt oder „angeödet,“ nicht nur von den zu besprechenden Büchern, sondern auch von seinen Gesprächspartnern und wird nicht müde, zu betonen, dass er keine Zeit für schlechte Bücher, ja überhaupt nur Zeit für ernsthafte Romane habe. Es wird schnell klar, dass er die vakante Stelle des „Literaturpapstes“ Reich-Ranicki für sich beansprucht, denn wie sein Alter Ego hört er sich auch am liebsten selbst beim Reden zu. Wenn er dann tatkräftig das Wort an sich gerissen hat, wird allerdings schnell klar, dass er sich mit Reich-Ranicki nicht rhetorisch messen kann und sich seine Beiträge repetitiv in aufgeblasenen Inhaltsangaben erschöpfen.

Die Sendung vom 26.2. im ZDF

In der Schriftstellerin und Journalistin Eva Menasse findet Biller eine geeignete Antipodin und das nicht nur, weil auch ihre Urteile apodiktisch sind. Denn er stilisiert sich eben gerne zum enfante terrible der Literatur und das nicht nur aufgrund seines Skandalromans Esra. Sex, Drugs and Rock n Roll goutiert man eben, endlich mal die Kunst/Leben-Dichotomie aufbrechen und so „liebt“ er folglich „Jimi Hendrix-Platten gerade weil der kaputt gegangen ist.“ Biller schreckt also vor Popkultur nicht zurück und torpediert so zunächst Menasse’s Ausführungen zum neuen Roman von Antonia Baum Tony Soprano stirbt nicht, indem er diese durch den Vergleich mit dem Schweizer Literaturclub als langatmig und langweilig charakterisiert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und dies in Zusammenhang mit Daniel Cohn-Bendit (Schweizer Literaturclub) und seinen Auftritt im Literarischen Quartett einige Monate zuvor, bringt. Menasse, die durch ihre oberlehrerhafte und Ironie-resistente Art anfällig für derlei Scharmützel ist, stellt versierte Fragen zu seiner Kritik, doch Billers Wunsch nach Authentizität scheint Antwort genug zu sein. Man diskutiert aneinander vorbei.

Volker Weidermann, sowohl Leiter des literarischen Quartetts als auch des Literaturteils des Spiegels, möchte auch zu Wort kommen, aber scheitert. Wahrscheinlich hätte er empathisch über dieses große Buch geredet. So bleibt dann glücklicherweise noch ein bisschen Zeit für ein paar kleine, an Manesse adressierte Spitzen seitens Biller, die jedoch am P.E.N.-Mitglied abprallen. Die spöttische Frage, ob Manesse studierte Germanistin sei, scheint ihr sogar zu schmeicheln und ein Disput über Humor,  bei dem Manesse erklärt, sie habe sich bei der Lektüre „totgelacht,“ verleitet Biller zum ebenfalls trockenen Befund: „Leider nein.“ Christine Westermann, vornehmlich durch die Sendung „Zimmer frei!“ und being-in-age Romane (Da geht noch was. Mit 65 in die Kurve) bekannt, hat sich in vorauseilendem Gehorsam krank gemeldet. Dabei ist sie doch mit ihrem, sagen wir, unschuldigen Zugang zur Literatur die Quotenhoffnung des ZDF. Schließlich erreicht sie mit ihrer Radiosendung Buchtipp! mit Vorliebe 50-70-jährige Leserinnen, also die Hauptabnehmerschaft von Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt und gilt als beliebte „Buchschwärmerin“. Mit Literaturkritik hatte das noch nie viel zu tun. Das wusste schon Reich-Ranicki, als das literarische Quartett mit ihm auf Sendung ging. Er wollte über Bücher sprechen: „liebevoll und etwas gemein, gütig und vielleicht ein bisschen bösartig, aber auf jeden Fall sehr klar und deutlich.“ Trotzdem unterscheiden sich Original und Kopie dramatisch.

Irrungen, Wirrungen – Ein bisschen kitschig, ein bisschen altbacken, ein bisschen schön

Was war in der alten Besetzung anders? Haben Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler, Iris Radisch,  Jürgen Busche und allen voran Marcel Reich-Ranicki, alles besser gemacht? Diese Fragen lassen sich nicht gänzlich beantworten, denn der Zuschauer konnte ebenfalls Zeuge kleiner Dramolette werden, die nichts mit den zu besprechenden Gegenständen der Sendung zu tun hatten, deren Auslöser nur narzisstische Selbstdarstellung sein konnte. Das wohl eindringlichste Beispiel hierfür ist der Ausstieg der Literaturkritikerin Sigrid Löffler aus diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten, bei dem noch sehr viel mehr mit dem bildungsbürgerlichen Nimbus der Sendung kokettiert wurde, als es in der Neuauflage der Fall ist. Auslöser für den Ausstieg war ein Streit zwischen ihr und Reich-Ranicki über das Werk Gefährliche Geliebte von Haruki Murakami, der darin kulminierte, dass Reich-Ranicki Löffler auf unschöne und persönlich kränkende Weise Prüderie unterstellte.

Im Vergleich zu Westermann setzte sie immer wieder wertvolle Akzente und damit den „angry old men“ etwas entgegen. So war sie beispielsweise die einzige in der Runde, die in Elfriede Jelineks Roman Lust post-strukturalistische Theorien mit reflektierte, hierdurch die Wichtigkeit des Buches und der Autorin für den Feminismus aufzeigte und dies somit auch für die Zuschauer aufbereitete. Diese kontrapunktische theoretische Positionierung zu Reich-Ranickis klassischen, subjektiven und vor allem literaturgeschichtlichen Ansatz ermöglichte dem Gespräch an manchen Stellen eine Tiefe, die bislang in der Neuauflage nicht erreicht werden konnte. Mag man sich auch an der Person Reich-Ranicki reiben, so darf man seinen positiven Einfluss auf die öffentliche Rezeption von Literatur nicht unterschätzen. Durch seine Adelung und Tadelung literarischer Texte erreichte er einen Kultstatus, der einen Dialog zwischen Literatur und Literaturkritik befeuerte und vielen Autoren Popularität einbrachte. Kulturgeschichtlich beruht beispielsweise Martin Walsers Bekanntheit zu großen Teilen auf der Fehde mit dem Literaturkritiker und führte sogar zu einem, dem Literaturkritiker gewidmeten Roman („Tod eines Kritikers“). Jeder weiß, wer Walser so erzürnt hat.

Intellektuell und polarisierend

Reich-Ranickis Leistung besteht auch in der nachhaltigen Förderung von Autoren, denen er inzwischen kanonisierte Bedeutung verschaffte. Als 1983 alle Juroren des Ingeborg-Bachmann-Preises beim Anblick des jungen Goetz, der sich während seiner Lesung mit einer Rasierklinge die Stirn aufritzte, konsterniert erstarrten, reagierte Reich-Ranicki blitzschnell und zeigte sich beeindruckt von der literarischen Leistung des Autoren. Es wäre daher nicht gerechtfertigt, lediglich das Bild eines Kultur-Reaktionärs zu zeichnen, das sich aufgrund seiner Subjektivität geradezu aufdrängt und im Fall Peter Handkes als Parabel der alten Bildungselite gegen die junge linke Studentenbewegung gelesen werden kann. Hierbei werden oft Reich-Ranickis marxistische Aufsätze aus seiner Zeit in Polen vergessen und seine Kritik am DDR-Regime mit Konservatismus verwechselt, wenngleich er auch die Politisierung mancher Literaten als Gift für deren Literatur empfand.

Ja, um Subjektivität ging es wohl, doch daraus machte Reich-Ranicki nie einen Hehl. Vielleicht liegt in diesem Punkt die Stärke des alten Quartetts, denn neben all den unterhaltsamen Eitelkeiten lag auch ein Hauch von Authentizität und Freude über die Auseinandersetzung mit Literatur in der Luft. Deshalb wurde auch nicht selten eine Debatte mit aktuellen gesellschaftlichen Themen daraus. Die Literatur gewann, vereinfacht gesagt, an Relevanz. Auch die Verkaufszahlen von Büchern stiegen nach der Besprechung vom „Literarischen Quartett“ in alter Besetzung merklich an. Unabhängig davon, ob die Zuschauer des alten Quartettes auch aus Voyeurismus und Sensationslust die Bücher kauften, wie Kritiker monierten – der Neuauflage ist es noch nicht gelungen, Bestseller zu kreieren.

Vielleicht hätte das ZDF den Mut beweisen sollen, das „neue“ Leitmedium ins Format mit einzubeziehen – wenn man schon sonst wenig Neues wagt.

 

ZigZag-06

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