Birkenstockambitionen

Angehende Kreativ-Trooper und die visionsheilende Wirkung alltäglicher Pflichten

Von: Nina Heinrich
Illustration: Franziska Martin

Wir stellten uns vibrierende glänzende Weite vor, eine inspirierende Mischung aus Dreck und Unabhängigkeit, neue schnelllebige Freunde, Feinde und eine Zeit, die rau und körnig zwischen den fest zupackenden Fingern zerrinnt. Was viele von uns nicht wussten, war, wie schnell sich faustgroße Staubflusen in den Ecken der so heiß begehrten Altbauwohnungen sammelten, dass die Zeit meistens so gar keinen Crunch hatte, sondern unbemerkt verflog. Ich dachte immer, jung zu sein bedeutete, nicht so zu sein wie die eigenen Eltern, nicht so zu leben wie sie. Meine Freunde und ich schlossen daraus vor allem eines: Wir sollten niemals Eltern sein. Vielleicht war das ein Weg, die Zeit am Kragen zu packen, zu schütteln und zu fragen, was sie sich bei ihrem desillusionierenden Ritt eigentlich dachte. Der Gedanke, der inzwischen am meisten an uns nagt: Unsere Eltern waren mit Mitte Zwanzig weniger wie unsere Eltern und sind trotzdem dazu geworden. Was würde dann aus uns werden?

Sommer, Sonne und Sandalen

Es war der große Birkenstock-Sommer von 2015, der mir jegliche Hoffnung darauf raubte, in Würde zu altern: mit zuweilen ungewaschenen Haaren, jedem Jahr etwas anderem, womit ich mein Geld verdiente, Tabakflusen in der Tasche und notorisch übernächtigt. Blusen und glänzende MacBooks sowie fein säuberlich ausstaffierte Zukunftspläne strahlten mir in einer einschüchternden Penetranz entgegen, die meinen Tabak austrocknen und mich früher ins Bett gehen ließ. Deswegen, weil sie alle auch keine Eltern sein wollten, sie alle auch Ambitionen hatten, die meinen nicht fern waren, es gab keinen Grund zur Abgrenzung. Bis die ersten Sandalen auftauchten. Ich ging in meinem Geiste jegliche Schuhmode durch, die meine folks und ich im Laufe der Gezeiten trugen, die Buffalos, die Chucks, die DocMartens, manche waren bequem, manche nicht so, doch wenn es auf etwas nicht ankam, dann darauf. Doch nach wie vor wäre jede Form der Abgrenzung heuchlerisch, ich verstehe die Sorgen, Nöte und Ängste aller Birkenstock-Mädchen in Hamburg und darüber hinaus, auch ich trage Kopfschmerztabletten mit mir rum wie andere Leute Kaugummi, nicht wegen letzter Nacht, sondern aus der aufreibenden Befriedigung heraus, sich in Erledigungen zu stürzen und in zwanghafter Manier To-Do-Listen abzustreichen aus der Angst heraus, in ein zwei Jahren nicht mehr die Miete zahlen zu können oder noch schlimmer: Keine To-Dos mehr zu haben.

Der viel beschworene Leistungsdruck gleicht eher einer auszehrenden Form des andauernden Profilierens, Konkurrenz war gestern, Zusammenschluss ist heute, denn niemand puffert die Konturen des eigenen Profils so gut aus wie andere Menschen. Für unsere Fantasien von früher, wie wir furchtlos und unabhängig mit schmerzenden Füßen das Dach der eigenen Welt erklimmen, haben wir nun wirklich keine Zeit mehr. So kitschig wie solche und ähnliche Coming-of-Age-Beschreibungen klingen können, so albern fühlen sie sich an in Anbetracht des E-Mail-Postfachs, das die Welt bedeutet und ausgeklügelten Ernährungsplänen. Denn Fleisch und Maoam ist ja wohl total 90er.

Mut im Zeichen des Nihilismus

Ich ertappe mich dabei, wie ich andauernd alle nur möglichen Dinge albern finde. Mitte Zwanzig noch mit großer Intensität einer Subkultur anzuhängen: albern. (Aus Prinzip) in keinem sozialen Netzwerk angemeldet zu sein: albern. Ich traue Menschen keine intuitive ehrliche Regung entgegen dem Konformismus zu, ein tatsächliches Widerstehen der allgegenwärtigen Codes, deren Befolgung in einer Welt der neoliberalen Netzwerkstrukturen im wahrsten Sinne das Überleben sichern. Auch in jener dem „Kreativbranchen“-Kuchenstück der Generation widerstehenden Haltung, vermute ich versteckte Berechnung. Und warum sollte man seine Berechnung verstecken wollen? Wir sitzen doch alle im gleichen Boot. Dass das Boot auf ein weites, dunkles Meer der Leidenschaftslosigkeit hinaus treibt, das den Wind und die Gezeiten nicht kennt, das keine Welle jemals erzeugt hat, spielt in Anbetracht der vermuteten Alternativlosigkeit keine große Rolle. Doch vielleicht sollte es das. Wenn wir ohnehin alle Renten-lose Pfandflaschen sammelnde Omis und Opis werden, dann können wir auch gleich abspringen und das letzte Quäntchen Mut auf mehr Begeisterungsfähigkeit in den Jahren, auf die es ankommt, mit Leidenschaft und Inbrunst auf lebensverändernde Wagnisse verprassen.

ZigZag-01

Advertisements

Submit a comment

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s