Oy with the Pudel already: Comeback der Gilmore Girls

Von Nina Heinrich, Illustration: Franziska Martin

2016 holt Netflix die Serie Gilmore Girls zurück ins Leben und erinnert mich daran, Plot-arme und verklärende Serienkultur doch noch lieben zu können, solange es die Girls sind

Es gibt Augenblicke, die nach erwartbaren Gesten verlangen. Gesten, die einer logischen Assoziationskette folgen, die irgendwie Sinn machen. Es ist einer dieser vielen ersten warmen Frühlingstage und ich kaufe ein Eis. Alleine. Für mich. Einfach so, weil es einer dieser ersten warmen Frühlingstage ist. Ich habe nicht genug Zeit, um die offensichtliche Positivität des Wetters ernsthaft zu zelebrieren, mich mit Freunden zu verabreden, um Salz-Karamell und Soja Türkisch Honig zu ordern, sondern muss diese unironisch positive Geste in den Supermarkteinkauf pressen – hier bin ich, da das gnadenlos schöne Wetter und dort die Gefriertruhe. Nachdem ein eingepacktes bunt bedrucktes Etwas auf dem Laufband zur Kassiererin gezappelt ist, schlinge ich die Süßspeise lustlos vor dem Info-Counter runter: Sie hatte sich vertippt und mir versehentlich 20 Euro mehr abgezogen. Mit der noch freien Hand breite ich zum Beweis meine Einkäufe von Auberginencrème über Krustengraubrot bis hin zu Zink + Vitamin C-Tabletten aus. Sollte ich es denn schmelzen lassen? In solchen Momenten wünsche ich mich nach Stars Hollow.

In Stars Hollow hätte dieser Wunsch, den hoffnungslos alltäglichen Momenten mit etwas nach außen hin positiv Konnotierten aufzuwerten, nicht nur glamouröser geendet – Rory wäre auf dem Weg nach Hause noch mit dem Eis ihrer Freundin Lane begegnet. Die beiden hätten eine paar toll gesetzte Blicke und lässige Schachtelsätze mit haufenweise Referenzen, die natürlich unumwunden gegenseitig zugeordnet und perfekt gekontert werden, zugeworfen. An der Straßenecke würde derweil der stadtbekannte Troubadour die charakteristische lalala-Melodie der Serie spielen, die sich in den ruhigen sauberen Straßen eines kleinen Ortes voller gutherziger Seltsamkeiten verliert. So hätte ein spontanes Eis an einem der ersten warmen Frühlingstage bei einem Gilmore Girl ausgesehen. Solange ich es nicht schaffe, mein Leben so sinnerfüllt und ausgeglichen zu führen wie die zwei Postergirls und deren liebenswerte Stars Hollow-Entourage, möchte ich der Macherin Amy Sherman-Palladino auf Knien dafür danken, zumindest die Chance eröffnet zu haben, mir ein solches anzuschauen.

Mütter und Töchter: Girls in der Familie

Die Girls haben ganze neun Jahre mehr auf dem wohlgeformten Buckel, seit sie das letzte Mal ihre bunten Strickschals, unwiderstehlichen Augenaufschläge und unanständig gesundheitsschädigenden Nahrungsmittel über den Fernsehbildschirm schwenkten. Vor neun Jahren verklang das letzte melancholische lalala, wurde Rory in einer verregneten Überraschungsfeier von Stars Hollow in ihre ungewisse Zukunft verabschiedet. Sherman-Palladino schrieb zuvor am unvergesslichen Familien-Dramedy-Meilenstein Roseanne und kreierte mit Gilmore Girls ihre eigene dialogtriefende Landschaft zwischen Ironie und alltäglichster wie wärmster Zwischenmenschlichkeiten. Netflix produziert nun eine weitere Staffel der Komödie über die kleinen Dramen, zum Beispiel das, Tochter einer Mutter zu sein. Immer. Von Geburt an. Denn seien wir mal ehrlich: Die hochintelligente, ehrliche, erfolgreiche und liebenswerte Rory wurde von ihrer verantwortungslosen und vorlauten Mutter sieben Staffeln lang in den Schatten gestellt, Lorelai wiederum von deren Mutter Emily nie wirklich für voll genommen. Gilmore Girls erzählt davon, wie höchst unterschiedliche Pole einer lebendigen Masse namens Familie die gegenseitige Abhängigkeit als komplexes Spiel immer wieder neu justieren. „I wasn‘t taught to be best friends with my daughter“ sind Emilys Worte in Staffel zwei – was für Lorelai als blutjunge Mutter in ihrer Beziehung mit Rory dagegen fast alternativlos war, führte zu einer der rührendsten Dynamiken zwischen zwei weiblichen Protagonistinnen in der Fernsehgeschichte.

Bedeutung und Leichtigkeit: Binge-Watching mit den Girls

Dass mir die morgendlichen Waffeln in Lukes Diner nach dem Verschwinden der hoffnungsvoll harmonischen Provinzromantik gefehlt haben, bemerkte ich etwa drei Jahre nach Ausstrahlungsende. Ich war zwanzig, hatte das erste Jahr weg von zuhause hinter mir sowie ganz aktuell eine Mandelentfernung unter Vollnarkose. Nach einem existentialistischen Moment im Leben einer Frau klingt das nicht gerade, doch Fakt ist, dass ich für etwa einen Monat zu meinen Eltern zurückzog, um die offene Wunde in meiner Kehle zu kurieren. Da handelsübliche Schmerztabletten nur eine Circa-Wirkdauer von sechs Stunden besitzen, züchtete ich dort die schöne Tradition heran, nachts mit brennendem Hals aufzuwachsen, mir eine einzuwerfen und kühlendes Vanilleeis löffelnd Episode um Episode den Gilmore Girls in ihre leuchtenden Augen voller Vertrauen in die Zukunft zu blicken. Von Nostalgie und prägraduellen Ängsten erfasst, wärmten peinlich berührte Tränen die geeiste Sahne, was mich klebrig und darüber nachdenkend aufwachen ließ, ob das Aus dieser zuversichtlichsten und positivsten aller Primetime-Serien bedeutete, dass vielleicht doch nicht alles schon irgendwie gut werden würde.

Sechs weitere Jahre später soll es tatsächlich geschehen (ich weiß, ich kling wie eine 80jährige, die von ihrer liebsten Lassie-Folge erzählt): Die intensiv liebenswürdige wie voluminöse Broadwaydiva Miss Patty, die diktatorische Nervensäge eines Bürgermeisters namens Taylor und ein die seltsamsten Situationen herbei windendes Etwas namens Kirk zelebrieren sich weiter als Inkarnation der menschlichsten Wegweiser für absurde Storylines, die einen grelllila Rahmen um Lorelais und Rorys Leben und Lieben bilden. Als offensichtlich große Carole King-Anhängerin hat Sherman-Palladino (wie oft brachte mich die Serie dazu, „Where You Lead“ unter der Dusche zu schmettern) die achte Staffel angelehnt an den Text in Kings Titel „You’ve got a Friend“ („winter, spring, summer or fall“) als vier lange Folgen, die je eine Jahreszeit erzählen, konzeptioniert: Ein Kniff, der einem Gilmore-Fangirl umso mehr die vorfreudige Röte in die wohlgenährten Wangen schießen lässt, da die beneidenswert intensive Inszenierung von Jahreszeiten Teil des Gilmore-Kosmos ist. Lorelai riecht es, wenn der Schnee kommt. Schnee ist ihr Freund. Wird Staffel acht, wie es sich gehört, unter winterlichen Flocken enden, anstatt wie Staffel sieben in bedeutungslosem Sommerregen? Fragen, die mich noch umtreiben: Warum musste Lorelai und Lukes Hochzeit ausgerechnet durch den ziemlich misslungenen Side-Charakter April vermiest werden, die sowieso nur wegen eines Spin-Off-Flops der Figur Jess auftauchte? Und wird Sookie eine große Karriere in Hollywood machen, um dann nach einer imageschädigenden Rolle als weiblicher Ghost Buster festzustellen, dass es in Stars Hollow doch am schönsten ist? Was jedoch den meisten schlaflose Nächste bereitet: Für wen wird Rory sich entscheiden – Dean, Jess oder Logan?

Identifikation und die Girls: Wieviel Lorelai steckt in dir?

Gilmore Girls entwirft eine unwirklich beruhigende Szenerie mit Dialogen wie gemalt und Figuren wie erträumt. Meine Fernseh-Kindheitsfantasie ist zur ernsthaften Erwachsenen-Verstörung geworden, die durch die angekündigte Fortsetzung ihr ganz persönliches Comeback erlebt. Ich kann fast nichts dafür, Rory und ich, wir sind zusammen aufgewachsen. Die Girls bieten bereitwillig Identifikationsfläche für jede Alltagslage: Trinke ich literweise Kaffee und rede zu viel und zu laut, verwirre andere damit, bin unstrukturiert und unpünktlich, darf ich mich der bei allen Schwächeleien ach so charismatischen Lorelai nahe fühlen; Bin ich zu schüchtern und mit zu großem Mangel an Selbstverständnis ausgestattet, um mich angemessen durchzusetzen, folgt das Gefühl, nur unter der Verdeckung eleganter Zurücknahme umso zielstrebiger ans Ziel zu kommen wie Rory. Möglich, dass Sherman-Palladino im Sinn hatte, mit den gebündelten Stärken beider Protagonistinnen die größtenteils eher jungen Zuschauerinnen zu prägen, anstatt die Serie zur Entschuldigung für unsaubere Lebensführung auf multiplen Ebenen werden zu lassen, aber hey, either way. Und so sehne ich mich so danach, mir auf ein Neues nicht nur meine Person fabelhaft zu schauen, sondern die ganze stumpfe Realität im schimmernden Licht Ping Pong-spielender Dialoge mit Triple-Aufschlag und täglichem Waffel-Frühstück wieder auferstehen zu sehen.

Wenn die Girls mit der Handlung mal ganz entspannt Kaffee trinken

„Live more, laugh more, eat more, talk more, Gilmore“, kündigte Netflix den nun feststehenden Titel des Revivals „Gilmore Girls: A Year in the Life“ an. Meine unkritische Verstrahltheit der Szenerie gegenüber lässt mich euphorisch dem Start (irgendwann vor Weihnachten…) entgegenblicken. Ich nehme jede noch so absurde Rand-Storyline hin – wie damals, als sich zu Taylors Ärger Stars Hollow flächendeckend mit Straßenmusikern aus dem ganzen Land füllte, weil der örtliche Troubadour dort von einem Produzenten entdeckt wurde – wenn dies zu solch ästhetischen Schönheiten führt, wie den Übergang jeder Szene mit einer Gesangs- Klavier- oder Gitarreneinlage am Provinz-Bordstein zu bespielen. Gilmore Girls streut nicht mehr Drama, als wir unserem eigenen Leben zutrauen würden, entwirft keine epischen Bilder oder Szenarien, sondern bedient girlyhafte Begeisterung für Verbalgewitter, ausklingend in sanften lalalas. Schon einmal eine Gilmore-Folge in doppelter Geschwindigkeit abgespielt? – ein überkochender Überforderungskessel der Textdichte. Die Handlung, mir sonst so am Herzen liegend, verliert dabei ihre Rolle als Hauptakteur, steht in der Ecke und ist nicht einmal beleidigt, sondern leicht und freundlich wie alles in dieser Welt mit ein paar rauen, traurigen Spitzen hier und da, an der die Girls sich festhalten und selbstreflexiv die großen Augen unter dem la und la und la aufreißen können. Und eins steht sowieso schon fest: Rory wird sich für Jess entscheiden, ganz klar.

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