Hinterbänkler Blues

Von Sebastian Droschinski, Fotos: Recaimed Marshland

Über Stagnation und Zweifel im Indiefilmer-Getriebe

Ungeschickt wird das Mikro-USB-Ende des Datentransferkabels in die Buchse der Sony AZ-1 gesteckt. Die Videos und Fotos werden auf den Schreibtisch gezogen. Danach in die Timeline des Schnittprogramms importiert. Aufgehängt. Sicherheitslücke. 8.1 Update.
Fuck. Nach dem dritten Anlauf fade ich durch die Bilderflut. Webfest Dublin und Rio wurden auf der kleinen Actioncam festgehalten, dazwischen noch ein paar Impressionen aus Split. Bei einer Stelle bleibe ich hängen: Rio bei Nacht.

Brasilianische Webserien-Macher sitzen um mich herum. Meine Freundin ist bereits schlafen gegangen. Wir sitzen auf billigen weißen Plastikstühlen und trinken Caipirinha aus winzig kleinen Bechern in der Straße. Mein Englisch wird mit jedem Drink teutonischer. Meine Zunge kann die Kurven nicht mehr rechtzeitig nehmen und hängt der Aussprache hinterher. Ich schwafle im Vollsuff irgend etwas von „Solidarity“ und vom Szene-Begriff der deutschen Webserien-Landschaft. Die Brasilianer lächeln höflich, wollen aber lieber über ihr Viertel oder Thomas Müller reden. „It’s a shame that you don’t have it, you know…“, stammle ich noch ein wenig. Einer der Filmemacher hat grade sein Projekt an einen Big Player in Brasilien verkauft, dreht seine Show in leicht verdaulichen Happen in einem einzigen Raum, der im Multicam-Style hergerichtet wird, hat den Zugang zu einem 200-Millionen-Menschen-Markt und ich kack die freundlichen Gastgeber wegen eines 1000-Fans-Netzwerks zu, das diese Schwelle auch erst nach einem BR-Beitrags-Boost gepackt hat, wie eine Videospielfigur, die den Doppelsprung erst erlernen muss. Irgendwann hält mein Ich aus dem Jahr 2015 endlich die Schnauze. „And how do you like brazilian food?“ , unverbindliche Smalltalkfetzen setzen ein und ich filme den herausragenden Hintern irgend einer Barbesucherin.

Ruhig ziehe ich die Datei aus der Timeline und schredder das gesamte Video. Es ist 2016 und ich lösche die Euphorie des Vorjahres. Unangenehm. Sturm und Drang ist immer so wahnsinnig unangenehm. Besoffener Sturm besonders.

Wenn pure Euphorie ihren Reiz verloren hat

Rübezahl ruft mich an. Dennis hat bei einigen Folgen „Kumbaya!“ Regie geführt und war in Toronto beim Webfest: „Basti, die Jungs da drüben kennen dich/uns!“ Erstaunt erzählt er mir, dass einige Filmschaffende und Produzenten da drüben unsere kleine Wilhelmsburger Operation auf den Schirm hatten und haben. Es freut mich. Aber ich bemerke eine Szenenmüdigkeit, wie ich sie immer angeprangert habe – bei Anderen.

Gut Holz, der Nachfolger von Kumbaya! Wird umgesetzt. Drei Folgen haben wir bereits im Kasten und es muss sich weder auf Handlungs noch auf Technik-Ebene vor irgendeiner Produktion verstecken. Wo verschrobener Charme bei Kumbaya! Noch über offensichtliche Schwächen hinweghelfen musste, kann man bei Gut Holz von der natürlichen Evolution sprechen. Ein neues, besseres, stärkeres Pokemon! Der Übermut, der verdammte Übermut ist aber gewichen. Berechnung, Erfahrung und auch ein Stück Kalkül haben das Steuer übernommen. Das Umschreiben des Skripts geht nicht mehr so leicht von der Hand und man überfordert sich nicht mehr wissentlich so sehr. Und das sehe ich als etwas Schlechtes an.

Gerne würde ich die Tonalität des ersten Zaungast Artikels mit einem Flickflack über den Superlativen-Bock noch übertreffen. Aber wir sind alle abgekämpft und müde. Die Verantwortlichen vom jungen Angebot mögen super nett sein (ARD/ZDF lässt die Macher von Vivi&Denny jetzt auch für ihre Plattform eine Webserie produzieren, Chapeau dazu!), Redakteure vom „Kleinen Fernsehspiel“ supersupersuper interessiert, und die kleinen Wässerchen und das Naschi, das man beim NDR bekommt, ganz vorzüglich, doch außer Training beim „OnePager“ erstellen haben erste Flirts und Verhandlungen nichts gebracht. Weitermachen.

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Weitermachen

Filmförderung gibt nix, aber wir können uns im September noch mal melden – falls wir bis dahin das Konzept nochmal vollkommen geändert haben. Weitermachen.

Filmemacher A zieht über Filmemacher B her. Ich steig in die Kritik mit ein. Weitermachen.

Irgendein Troll, der definieren will, was wirkliches Indie-Filme-Machen ist, spamt den Online-Auftritt voll. Weitermachen.

Weitermachen. Weitermachen. Ein Trailer kriegt 160 Klicks. Weitermachen. Höher schrauben. Weitermachen. In die Socke wichsen.

Als Fliege im Netz(werk)

Die Seriale in Gießen ist wieder ein tolles Ereignis. Wir treffen die Boys von MEM wieder, welche die Kumba-Bande sehr lieb hat, Christian ist mit uns in einem Auto eingeschlossen, auch sehr super. Herr Albrecht und Herr Dobrotka haben groß aufgetischt. Ich treffe Joel, Meredith, Lucas und Nicole und ich mag sie alle. Ich mag sogar die Juroren, die unseren Shit nicht mochten (ich bin connected ihr Noobz, kein Geheimnis ist vor mir sicher) und sehe viele spannende, neue Projekte. Ich und die anderen Serienmacher sehen sie. Sonst fast niemand. Auch wenn das Kino voller war, von einem Lauffeuer kann man nicht sprechen. Dafür Häppchen im Grand Hotel. Wir sollen nicht vor der Tür kiffen. Das ist ’n Sponsor. Es kann das Gras sein. Aber ich bin müde. Und wir machen selber ’n Festival… Verdammt!

Ich will mich nicht undankbar anhören. Auf gar keinen Fall. Was das Seriale-Team auf die Beine stellt ist fantastisch. Meinen aller-, allerhöchsten Respekt dafür: das Networking noch ein wenig zu professionalisieren, mit dem Seriencamp einen neuen Verbündeten finden – Ich kann meinen Hut gar nicht oft genug ziehen. Häppchen und international approach sollen uns das Gefühl geben: Verdammt, wir sind wer. Vielleicht, nur vielleicht wäre es cooler, wenn jemand mal sagen würde: Verdammt, wir sind niemand, haben aber hier diese kleinen Spieße mitgebracht, mit denen wir eventuell eines Tages mal den Titanen in die Verse piksen können. Den Aufwand, Windmühlen als Trolle zu verkleiden und auf sie einzudreschen, den kann man sich halt nur so gönnen – mit viel Rückenwind.

Aufstand der Zwerge

Stefan Nowak schreibt einen alles zerfleischenden Essay und der erste Impuls ist „Ja Mann! Die Szene macht sich kaputt und alle sind nicht mutig genug und und und…“ und dann denke ich nach und sehe, dass der gute Mann mit seiner Abrechnung auch mich meinte und auch irgendwie was angreift, das sich nicht umdrehen lässt. Mehr Leute beschäftigen sich mit Storytelling, jedenfalls kommt es einen so vor. Mehr Leute haben Zugang zur Technik, Schnittprogrammen und sei es Freeware und können ein Projekt auf die Beine stellen. Der Verteilungskampf ist doch nicht nur auf den bösen Geist der Industrie sondern auf die technischen Fortschritte zurückzuführen. Wir können produzieren und reproduzieren. Nicht Güteklasse A, aber es ist deine Story. Das ist doch auch, wozu ich Leuten immer rate. Tell your goddamn story. Das Sendebewusstsein ist eben bei allen vorhanden, alle können alles senden, Sender werden unwichtig, Werbeeinnahmen sinken sowieso und warum soll man „Fat Cats“ vorwerfen, dass sie dick bleiben wollen? Der Titan, den ich im letzten Absatz noch piksen wollte, wird gesichts- und konturlos. Und vor lauter Content sehe ich die Räume nicht.

Na wunderbar. The Revolution will not be streamed. Und ich weiß gar nicht mehr, gegen wen oder was man sich positioniert. Ein Disstrack in den Wald. Stefans Wahrheit ist zu einfach. Dennis Albrechts „Feindbild“ zu simple. Sendungsdrang so ordinär und Solidarität innerhalb der Szene auch nur manchen Aktivposten zu verdanken.

Die Geschichten werden erzählt, so – oder so.

Geschichten , wie funktionieren Geschichten, wie ist die Struktur, die Stränge, die sich verbinden, überlappen, Räume, Themen, Aufgang, Abgang. Dies alles beschäftigt mich schon, so lang ich denken kann. Dafür bist du aber ein ganz schön beschissener Storyteller, werden einige sagen. Die Struktur gebietet, dass ich einen Haken schlage. Der Haken funktioniert so:

Christian steht im Alten Land, während die Eiszeit einbricht, er hält fleißig die Tonangel, beschwert sich nicht und muss in der Küche pennen. Dennis und seine reizende Frau helfen mir beim Umzug. Wir fahren nach Schwerin um Merediths Panel beizuwohnen. Csongor ermutigt Nicole, den Sprung mit ihrer Webserie über den großen Teich zu versuchen. Ich bekomme Mails aus dem Ausland, dass sich Menschen einiges von Gut Holz versprechen. In dem Festival, das ich mitorganisieren darf, trudelt ein Film aus der Türkei ein. Der Pilot zur einer Webserie um die Abenteuer einer Libanesin und einer Mexikanerin in Istanbul. Wir sichten das Projekt. Die Achsen springen. Die beiden haben vergessen, eine Atmo zu ziehen und sprechen ihre Texte noch einmal ein, wahrscheinlich haben sie die Audio mit einem Handy aufgenommen und dann auf die Filmspur gelegt. Alles ist unsynchron, verschoben. Als Filmemacher kann man nur mit dem Kopf schütteln. Aber ich fühle mich wieder ermutigt und daran erinnert, warum man überhaupt mit dem Quatsch angefangen hat. Mir geht es gar nicht in erster Linie darum, „ernst“ genommen zu werden, dies wäre irgendwann ’n schöner Nebeneffekt, die Medienlandschaft aufzuschütteln, wachzurütteln, umzustülpen und ihr ein Bein zu stellen. Ich will nicht nach LA. Ich will hier in Hamburg meinen Quark fabrizieren. Ich will meine Geschichten erzählen. Die beiden Mädchen wollten ihre Geschichte erzählen. Sie wussten nicht, wie. Sie haben es aber gemacht. Ich bezweifle, dass beide das Hauptziel haben, ihr Showreel anzufüttern. Wir nennen unser Festival „Wendie“ also Web (englisch WEB… es geht nicht ums Weben) und Indie vermischt. Ich glaube nicht, das Web unsere Rettung darstellt. Ich glaube an das Indie. Und dann wird es fast soziologisch, politisch. Mein Indie ist nicht der Till Schweiger-Indie-Ausdruck. Auch nicht der U.S.-Indie-Ausdruck. Mein Indie ist ein „wir tun es trotzdem“. Als Indie durch die Wand.

„Das ist euer Lied!“

HipHop wird ja ebenfalls in dieser Ausgabe behandelt, daher will ich eine ungeschickte Brücke bauen. Seit geraumer Zeit verfolge ich wieder das VBT (VideoBattleTurnier), so schlimm wie zu BattleBoiBasti/Weekend Zeiten. Nicht wegen der Leute, die es als Sprungbrett ins Musikbiz sehen, nein – Das sind whacke Spackos, yo! (Und ja, ich bin mir bewusst, dass ich nicht das Zielpublikum bin.) Ich schau die Musikclips von den älteren und jüngeren Kalibern, die einfach Bock haben, ein paar Runden im Jahr zu „kicken“ und dann zufrieden in ihr Leben zurückkehren. Um eine Stimme zu haben, brauchst du kein Echo. Oder um Teilnehmer Acou zu zitieren:

„Ich wollte nie Rapper sein
Nur ein paar Texte schreiben
So aus Langeweile halt“

Storybogengetriebene Geschichtswahnsinnige. Natürlich muss es mir so gehen, natürlich muss ich mich entfremdet fühlen zum aufgequollenen Fettsack, den ich in Rio erleben musste (ich rede von mir selbst, in Rio sehen Menschen gut aus). Nebencharaktere mussten gehen, Komparsen zu regulären Charakteren aufsteigen, den Cast durchmischen und am aller- aller- allerwichtigsten: Du musst niedergeschlagen werden für ein Comeback. Mr. T kann man nicht in der ersten Konfrontation umhauen, man muss sich ängstlich zusammenkauern und sich eine neue Strategie überlegen. Ich glaube immer noch an UnsereSerien.de, ich glaube immer noch an den Gestus des Erzählens. Aber mit der selben Strategie gehe ich nicht mehr in den Ring. Comeback bedeutet Veränderung. Veränderung bedeutet, lebendig zu sein. Jede Erfolgsstory braucht einen 2.Akt. Wir hoffen nur, euch nicht auf den Weg zum Grande Finale zu Tode zu langweilen. Wir sehen uns im dritten Akt. Mit mehr Energie than ever. Ich freu mich drauf. Wirklich.

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