Der gefühlte Plattenbau

Von Serge X, Illustration: Franziska Martin

Wumb, Wumb… Die Nadel springt, Yeah! Das hier ist Hip Hop, das hier ist Hip Hop!
An meinen Füßen, Nike Air! Das hier ist Hip Hop, das hier ist Hip Hop!
Und ich zieh die AK! Das hier ist BÄM
RAP, das hier ist..?

Yeah!

…oder Ja Ja, bums alles weg, deutscher Rap ist ne Nuttööö”,SSIO.

Was und wo Hip Hip ist und steht, weiß ja heute jeder. Oder eben niemand so genau. Oldschooler wussten das früher wohl mal und arbeiteten fleißig an der wahren Geschichtsschreibung, siehe weiter unten.  Andere berufen sich auf diese alten Helden und/oder sie sind ihnen einfach scheißegal. Meistens ist Hip Hop vor allem die eigene Schiene. Der eigene Style, den es zu etablieren und verteidigen gilt. Die eigene Story, das eigene Image.

Von Concious über Entertainment, zu Straßen- oder Poprap, die Möglichkeiten sind vielfältig geworden. Alte Großtaten werden in der eigenen Schiene zwar für immer ihren Platz haben, aber eigentlich nur für die alten Hardcore-Fans. Der Großenteil des jungen Fanklientels kratzt das kein bisschen. Und das auch zurecht, denn auch Deutsch-Rap wandelt sich. Wer vor 15 Jahren die Kids erreichte, hat sehr gute Chancen, dies heute nicht mehr zu tun. Alles so wie überall. Lustig wird das ganze dann, wenn die alten Helden dies vergessen und nach Jahren versuchen, sich wieder in der Szene zu etablieren.

Am Besten nennen sie das dann auch noch Comeback.

Aber Rap, gerade Deutschrap kennt kein Comeback. Wenn ein Rapper länger kein Album mehr gemacht, kein Beef, keine Szene-(sprich Szene-Medien-)Präsenz hatte, sollte er zunächst beweisen können, dass er nie weg war und immer noch dope, hart oder zumindest technisch begabt ist. Muss er aber sowieso. Jedes neue Album, jeder neue Track muss: A, den erarbeiteten Status weiter zementieren oder B, ein neues Image bzw. einen neuen Stil glaubhaft vermitteln. Das ist das Geschäft, das ist der Wettbewerb. Und das ist auch Rap. Jede Zeile ein Comeback!

Oder eben gerade nicht. Um sich zu beweisen muss ein Rapper vielleicht seine, aber vor allem eine gute Geschichte erzählen und diese zu verkaufen wissen. Das ist das Rap-Business, das ist auch Musik-Business. Alles mehr bekannt als weniger und auch nix neues… Trotzdem A  zu dem nfang, Was ist jetzt Hip Hop, was ist Deutschrap und was sollen diese ganzen Stories?

Hip Hop ist Ursprung, Deutschrap ist Geschichte und Rapper sind Stories.

Oder Hip Hop war, Deutschrap ist, Rapper werden. Hip Hop schwappte wie einst Punk übers Meer. Diesmal explizit aus den USA. Jugendliche schauen Filme oder hören aus Erzählungen davon, was gerade in New York abgeht. Und dann wird Mitte der 80er ausprobiert, gejamt. Auf den klassischen vier Säulen – Sprayen, Breakdance, DJing, MCing (also rappen) – entstehen kleine Szenen in verschiedenen Städten.

Mit Beginn der 90er, wird auch auf Deutsch gerappt. Neben plötzlichen Chart-Erfolgen einzelner entwickeln sich in dieser Zeit vor allem die Szenen weiter, langsam bilden sich Strukturen und Vernetzungen heraus, eine deutschlandweite Rap-Szene/(Jugend)-Kultur und Rap auf deutsch werden eigenständig.

Gleichzeitig rückt der Rap in den Vordergrund. Musik wird das Aushängeschild der Kultur und wird nun auch als solches vermarktet und verkauft. Dies hat weniger mit Fanta 4 zu tun, als mit den Gesetzen des Kapitalimus. Ausverkaufen lässt sich nur, was sich auch gut verkaufen lässt. Sorry dafür. Das ist die große Erzählung, grob und ungenau, aber darauf läuft’s hinaus. Deutsch-Rap ist Geschichte! Besser erzählt zum Beispiel hier.

Um 2000 herum formt sich Hip Hop in Deutschland endgültig aus. Die Erfindung der großen vier Complete MCs: Savas, Curse, Samy und Azad. Neue Stile dominieren und auf jede Entwicklung folgt eine Neue. Statt Hamburger Mongo Clikke, Berliner Härte von Royal Bunker und vor allem von Aggro Berlin. Ablehnung der breiten Volksfront, von Eltern über bürgerliche Medien bis in die Spitze der deutschen Politik, inklusive. Das Feld weitet sich. Aus Sub- und Jugendkultur wird nicht nur Geschäft, sondern auch Mainstream, keine Szene, sondern viele Stories. Viele, die sich als Szene fühlen, viele Gefühle, die immer noch oder nun auch bedient werden. Popkultur as usual.

Heute, in diesem gefühligen Nebeneinander findet jeder seinen Platz, seine Ecke, den/die Künstler_In, der/die genau das verkörpert, was man glaubt zu sein oder glaubt sein zu wollen. Ob du aus’m Gheddo oder Dorf bist, ist hier unrelevant, guck mal YouTube, da findest du schon wen, der ausspricht, was du schon lange denkst oder was du nicht aussprechen kannst. Lebensgefühl auf Abruf. Notfalls darfst du jetzt auch mit Sido erwachsen werden und den bürgerlichen Arbeitsethos als krasse Haltung feiern. Oder halt die Liebe, wenn du sonst nix findest.

Die einzige Frage bleibt: Wenn Polizistensöhne wissen, wer der Babo ist, läuft dann im Deutsch-Rap zu vieles falsch oder zu vieles richtig?

“Deutsch-Rap ist ein Scherz über den man gelacht hat, bis man festgestellt hat, dass er ernst gemeint war.” (Fatoni & Edgar Wasser)

Die Geschichte gibt einer Sache Bedeutung und Kontur. Sie macht es uns möglich, zu glauben, wir könnten Zugang zu etwas finden, könnten es verstehen. Aus dem Scherz “Rap auf Deutsch” wird Deutsch-Rap. Eine eigene Kultur mit der eigenen Sprache, Teil einer gesamt Kultur. So wird nicht ohne Stolz darauf hingewiesen, dass gerade Deutsch-Rap es möglich gemacht hätte, die deutsche Sprache selbstbewusst zu nutzen und mit ihr zu spielen.

Nicht nur Fußball, auch Rap hat Deutschland wieder zu dem gemacht, was es niemals wieder hätte werden sollen. Wiedervereinigt und identifikationsfähig. Aber auch zu dem Deutschland, das Afd und Pegida so fürchten und hassen. Für Zweiteres sollten wir uns bedanken.

Ersteres ist aber natürlich auch ein Comeback. Eines der größeren. Gespickt mit vielen kleineren, die ja gerade auch wieder ein Comeback feiern. Die nach 1989 geborene Generation mag es zwar nicht immer bemerken, aber genau wie Deutsch-Rap ist die “Berliner Republik” schon immer Teil des eigenen Selbstverständnis (oder Image) gewesen. Straight outta Lichtenhagen and Heidenau.

Und hier tappen wir, die diese Texte schreiben und lesen, in Fallen. Fühlen ein Verständnis für Dinge, die sich naturgemäß diesem entziehen. Fühlen Sidos Block, weil er uns ja netterweise so anschaulich darüber berichtet. Loben die linguistischen Qualitäten Haftbefehls, weil wir sie linguistische Qualitäten nennen können. Außenansichten mit dem whacken Gefühl etwas durchschaut, etwas verstanden zu haben.

Am Ende sind wir oldschool-deutsch und beschweren wir uns dann doch wieder darüber, dass diese Rapper alle so schlimme Wörter benutzen… Schreiben unsere Kritik ins Internet, nicht auf Wände, diskutieren am Tresen, nicht im Battle auf der Bühne. Im Hintergrund läuft How To Pimp A Butterfly und getanzt wird auf 135 BPM. Alles Ok, aber diese angewöhnte  Deutungshoheit bleibt classic Mittelklasse-Credibility.

For those about to rap,

Rock On!

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