Sie sind wieder da

Von Simon Rösel, Illustration: Franziska Martin

Diese Nazis brauchen kein Comeback. Denn sie waren nie weg. Stattdessen haben sie mit den Japanern den 2. Weltkrieg gewonnen und die Landmasse der USA unter sich aufgeteilt: Im Osten „The Reich“ und im Westen die „Japanese Pacific States“. Dazwischen befindet sich eine neutrale Puffer-Zone. Denn obwohl Hitler die Japaner zu Ehrenariern ernannt hat: Kontrolle ist besser.

Dorthin bricht die Protagonistin Juliana Crane aus San Francisco auf. In ihrem Gepäck eine Filmrolle mit dem Titel The Grashopper Lies Heavy. Als sie diese einige Stunden vorher in ihrer Wohnung abgespielte, sah sie eine Welt, die sie nicht kannte: Den D-Day und den Sieg der Alliierten. Nun soll sie die Filmrolle zu jemandem in der neutralen Zone bringen. Auch die Nazi-Offiziere raunen sich gegenseitig zu, dass besonders der Führer sich für diese Rollen interessieren würde. Sie jagen danach, genauso wie die Widerstandskämpfer, die in wenigen kleinen Zellen über das Land verteilt sind. In deren Auftrag fährt in New York der All-American-Boy Joe Blake in einem Lieferwagen los, ebenfalls in Richtung neutrale Zone. Am Ende der ersten Folge trifft er dort auf Juliana.

Ridley Scott wollte den Roman von Philipp K. Dick schon länger zur Serie machen. Bereits sein Garant für Filmnerd-Credibilty Blade Runner basierte auf einer Erzählung des Autors. Mit Showrunner Frank Spotnitz produzierte er den Piloten, der in der Amazon-Casting-Show Pilotseason die Gunst der Zuschauer gewann. So war die Serie ab Herbst 2015 auf Amazon Prime abrufbar.

Zum Glück gibt es Nebencharaktere

Mit der finanziellen Power der Amazon Studios sieht The Man In The High Castle auch ziemlich gut aus. Die megalomanische Nazi-Architektur in New York; Sushi-Stände, Pagoden und Zen-Gärten in San Francisco, dazu die amerikanische 60er Jahre Optik. Die beiden Städte geben sich angemessen dystopisch. In der neutralen Zone hat sich dagegen ein Stück Wilder Westen bis in die 60er-Jahre gerettet. Etwas abgeranzt und alles andere als vertrauenswürdig. Der Serie steht ihr Look durchweg gut

Weniger gut stehen ihr dagegen die wichtigsten Charaktere, Juliana, ihr Freund Frank Frink und der mysteriöse Joe Blake. Ob das jetzt an der Charakterkonzeption liegt oder an der schauspielerischen Leistung, bleibt offen. Jedenfalls fällt es schwer, Juliana die kindliche Hoffnung zu glauben, die sie in die Filmrollen setzt. Frank Frink, der einzige Charakter mit jüdischer Herkunft, gibt den etwas zu notorischen Mahner und Joe Blake ist in seinen Entscheidungen doch sehr gewollt hin- und hergerissen.

Zum Glück gewöhnt man sich an die drei Reißbrettcharaktere, denn die zweite Reihe der Figuren ist rundum großartig. Allen voran der japanische Handelsminister Tagomi. Als Chef, der seine Entscheidungen aus einem Orakel bezieht, irritiert er seine Mitarbeiter und scheint trotzdem mehr zu wissen, als er verraten will. Das stößt bei Chief Inspector Kido auf wenig Verständnis. Der Chef der örtlichen Kempeitai, der mit der Gestapo in jeder Hinsicht (brutal, gnadenlos, hinterhältig) mithalten kann, ist deutlich zielstrebiger, bis er im Laufe der Staffel mit der eigenen Hilflosigkeit konfrontiert wird.

Auch der Nazi-Kommandant von New York, der den vielsagend-nichtssagenden Namen John Smith trägt, wird mit jeder Folge etwas plastischer und gerät zwischen diverse Fronten. Wesentlichen Anteil daran hat der SS-Oberst-Gruppenführer Reinhard Heydrich, der hier nicht 1942 bei einem Attentat gestorben ist und zum Zentrum eines Heldenkults mutiert, sondern mit Heinrich Himmler einen erneuten Krieg vorbereitet, um direkt nach Hitlers Tod, die Japaner anzugreifen. Auf zur Weltherrschaft.

Sie sind wieder da

Mit der bedrückenden Atmosphäre hebt sich The Man in the High Castle sehr angenehm von den klamaukigen Nazi-Comebacks der letzten Jahre ab. Sowohl der Roman Er ist wieder da als auch der Pseudo-Underground-Streifen Iron Sky nervten mit ihrer penetranten Kult-Vermarktung. Gleichzeitig war es genau diese Marketing-Strategie, die beide so erfolgreich machte. Die Amazon-Serie beklebte stattdessen U-Bahn-Sitze in New York mit einer verfremdeten amerikanischen Flagge, sozusagen einem Hakenkreuz Spangled Banner. Das sorgte ebenfalls für Aufregung. Vielleicht, weil es die Frage mit einer gewissen Ernsthaftigkeit stellte: Was wäre, wenn Nazi-Deutschland tataschlich den Krieg gewonnen hätte? Es ist jedenfalls die ständige Versicherung, dass ein Nazi-Sieg nur in der Fiktion möglich war, die das unterschwellige Vergnügen an der Serie ausmacht.

Womit wir wieder bei den Filmrollen wären, mit denen das ganze Parallelwelten-Dasein erst anfing. Das Verwirrspiel mit den unterschiedlichen Realitäten fächert sich mit jeder Rolle etwas weiter auf. Eine zeigt zum Beispiel die mögliche Zukunft der Figuren Juliana, Frank und Joe. Und so weiß man bis zum Ende von Staffel 1 nicht so wirklich, was es mit den Rollen jetzt genau auf sich hat.

Zurück in unserer Welt bleiben bis dahin nur Mutmaßungen und vorsichtige Internet-Recherche. Immerhin schwirrt irgendwo eine Buchvorlage herum, die etwas Entscheidendes verraten könnte. Doch vielleicht bringt ja die zweite Staffel Ende des Jahres etwas Ordnung in das Realitätenchaos.

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