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Share Economy als hoffnungsumwobene Erlösung für uns prekariatsgebeutelte U40er

Von Nina Heinrich, Illustration: Franziska Martin

Kürzlich fragte ich meinen Freund: „Sag mal, sollen wir für die Übernachtung in Catania was über Airbnb buchen? So richtig geil mit großer Dachterrasse?“, „Ja, klar“, kam die Antwort. Ich war verwirrt. Es war eigentlich eine sehr vorsichtig gestellte Frage. „Sicher? Wir sind doch aus ideologischen Gründen gegen Airbnb…“, „Ja, schon“, gab er zu, „aber wenn’s doch billiger ist…“ Man muss dazu sagen: Er war zu dem Zeitpunkt sehr pleite. Mit den letzten paar Talern verschwinden das ein ums andere Mal auch so manche Prinzipien mit aus dem Alltag. Manchmal bin ich richtig froh, dass Uber in meinem Heimatland verboten ist, sonst würde es mir noch schwerer fallen, den üblen neuen peer-to-peer-Kapitalismus nicht zu unterstützen. Um ehrlich zu sein: In Brasilien fuhr ich Uber wie ein Weltmeister. Der öffentliche Nachverkehr ist dort aber auch ein Desaster… Ich weiß, dass Prinzipien so eigentlich nicht funktionieren sollten – etwas nur dann zu tun oder eben nicht zu tun, wenn es einem gerade gelegen kommt. Deswegen möchte ich es einfach dabei belassen, dass ich mich immer mal wieder als schlechter Mensch erweise, der gegen seine eigenen Überzeugungen handelt und unabhängig davon über meine theoretische Abneigung gegen Uber und Co. sprechen.

Der feine Unterschied

Nicht jeder meiner Freunde versteht mein Problem, da das doch alles normaler Markt sei und so. Rein marktwirtschaftlich jedoch agieren die Fernbusse, die mit günstigeren Preisen und mehr Flexibilität dem ehemals gigantischen Monopolisten der Deutschen Bahn eine wichtige Zielgruppe großräumig abspenstig machen: Mobile Menschen zwischen 14 und 40. Die Fernbusunternehmen entwickelten ein Geschäftsmodell, das sich nie anders ausgab als profitorientiert, über hierarchische Stufen verfügt, Arbeitsplätze schafft und Umsatz- und Gewerbesteuer abführt. Die Bahn beginnt deswegen, lächerlich-theatralisch zu straucheln, weil die Busse dem Kunden ein lohnenderes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Ich bin weit davon entfernt, Ahnung von wirtschaftlichen Prozessen zu haben, aber so viel verstehe ich gerade noch. Der von BlaBlaCar aufgekaufte Vorgänger Mitfahrgelegenheit.de oder Couchsurfing als Hippie-No-Budget-Variante des Hipster-Riesen Airbnb haben sich jedoch mit einer vollkommen anderen Prämisse ihr rechtmäßiges Stühlchen auf dem Markt bereitgestellt: Als lediglich Plattformen (for the people!) wollten sie die ewige Reise nach Jerusalem, auch bekannt als Kapitalismus, augenscheinlich nicht mitspielen. Schließlich ist die Nutzung aller Funktionen dieser Internet-Plattformen kostenlos, deren Existenz nur dazu bestimmt, Menschen miteinander zu verbinden und so das Leben von jedem Einzelnen einfacher zu machen. Zusammen sind wir stark. Das ist schon alles?

Du die Schnitte, ich die Milch

Der Gründer der Foundation on Economic Trends Jeremy Rifkin sieht ein neues Wirtschaftssystem anrollen. Zwar wird der altbackene Marktkapitalismus nicht zwangsläufig sofort untergehen, doch unser aller Zusammenleben errichtet sich schon bald gänzlich über so von ihm so genannte „kollaborative Commons“. Rifkin ist in froher Erwartung: Der Besitz wird vom Teilen abgelöst, natürlich möglich gemacht durch die fortschreitende Technisierung. Rifkin ist sich sicher, dass dieses nahende Wirtschaftssystem den durch neue Technologien wachsenden Wohlstand von Industriestaaten effektiver umzusetzen weiß, als der auf Profit und Besitz spekulierende Konkurrenzkampf auf dem Markt. Schon bald würden unsere Nachkommen uns genauso für die unzumutbare 40-Stunden-Woche bedauern, wie wir die lieben Ahnen für eine Arbeit unter Tage, ohne Sonne, Kantine oder Gewerkschaft.

Im schnell gesponnenen Modell erscheint es auch nur logisch: Ich brauche kein Auto, denn ich kann mich über das Internet einfach mit Wildfremden verabreden, die sowieso schon eins haben. Dadurch spare ich sowohl Anschaffungs-, Wartungs- als auch Kosten für Steuern. Der kleine Obolus für Sprit und Aufwand, den ich meiner Internetbekanntschaft zahle, ist natürlich nichts dagegen. Dadurch, dass ich kein Auto besitze und im Verhältnis zu beispielsweise meinen Eltern (also eins pro Kopf) so viel spare, bin ich nicht auf das gleiche Gehaltsniveau angewiesen wie meine Eltern und kann weniger arbeiten. So geht es nicht nur mir, sondern auch ganz vielen anderen Menschen, denn genau genommen reicht ein Auto für fünf Personen. Wenn die fünfte Person viermal pro Fahrt zusätzlich kassiert, sind dessen Ausgaben entsprechend auch deutlich gesenkt. So müssen wir alle weniger arbeiten. „Doch was wird dann aus unserem wirtschaftlichen Wohlstand?!“, wird der brave kleine deutsche Arbeitsethos sofort zutiefst verstört fragen und unruhig auf dem Bürostuhl hin und her rutschen. Naja, Autos brauchen wir ja schon einmal weniger, also auch weniger arbeitende Menschen, die solche produzieren. So mancher Jobsuchender oder Outgeburnter des 21. Jahrhunderts hätte gegen das Prinzip, auch die Arbeitsstunden zu teilen, besser aufzuteilen, damit nicht manche ganz viel arbeiten müssen und manche gar nicht dürfen, bestimmt wenig einzuwenden. Alles gut also? Unsere Gesellschaft ist auf dem richtigen Weg? Vielleicht nicht ganz. Vielleicht hat Rifkins Optimismus ein wichtiges Manko übersehen: die Natur des Menschen.

Unser System basiert auf Preisschildern

Airbnb hat sich nicht deswegen gegenüber Couchsurfing deutlich durchgesetzt, weil das Marketing so viel besser (und es ist gut), beziehungsweise überhaupt vorhanden ist – es hat sich deswegen durchgesetzt, weil Menschen nicht in erster Linie ein unbändiges Verlangen danach verspüren, ihr Wohnzimmer mit wildfremden Travellern zu teilen, sondern weil sie vor allem eins wollen: Geld. Und diejenigen, die lieber für Airbnb zahlen, als für Couchsurfing nicht zu zahlen? Sie haben ähnliche Rechte wie in einem Bed&Breakfast – Stornierungsoptionen, Sauberkeit, gegebenenfalls lernt man den Bewohner nicht einmal kennen und muss sich nicht für Gastfreundlichkeit erkenntlich zeigen -, aber es ist billiger als ein solches. Same old story. Haben wir uns mit Couchsurfing und Mitfahrgelegenheit also eine neue Ära des teilenden Zusammenhalts vorgemacht, die nie wirklich begonnen hat? Dabei haben wir sogar einen Wirtschaftsexperten wie Rifkin glauben gemacht, endlich wäre die Lösung zur Rettung der Zivilisation an den weltweiten Share-Hafen gespült worden. Alles, was immer etwas gekostet hat, kostet auch weiter, nur hat sich der Markt, ob Hotellerie, Gebrauchtwarenhandel oder Taxiunternehmung, durch die Auslagerung ins Netz noch um ein unendlich-faches vergrößert, ist unendlich mal gnadenloser geworden ist.

Was die Null-Kosten-Grenze noch gemütlich passiert: digital produzierter Content. Auch, wenn visionäre digital players wie Netflix, Steam oder das Hamburger pocketstory an Bezahlsystemen für Filme, Spiele und Texte tüfteln, ist man sich noch nicht ganz sicher, wie via Netz mit purem Inhalt Geld zu verdienen ist. Das liegt vor allem am User, der es nicht gewohnt ist, im Internet für noch mehr sein Erspartes loszuwerden als die DSL-Flat, wenn dafür nicht einmal der Hermes-Bote vor der Tür steht. Doch das ist ein anderes Thema, vielleicht für einen Artikel in der nächsten Zaungast-Ausgabe, den ihr auch wieder kostenfrei lesen können werdet (achtung, meta). Die klassischen Share-Kapitalismus-Piraten und schöne-neue-Welt-Ausbeuter, um die es jetzt geht, haben allerdings nicht etwas, das im digitalen Zeitalter sowieso nicht mehr aus dem Netz wegzudenken ist, unter eine längst überfällige Business-Glocke verlagert, sondern Domänen ganzer Wirtschaftszweige gekapert und unter dem Heiligenschein westlicher Marktwirtschaft perfide unterwandert. Aber hey, Hauptsache ist doch, dass die hippe Jugend sich angesprochen fühlt.

Sozial ist anders

Wir leben alle so enervierend bewusst, trennen Müll als gäbs kein Morgen, verteufeln Fleisch, das nicht nur so aussieht und riecht, sondern tatsächlich von Tieren stammt, ziehen unsere eigenen kleinen Senfgürkchen auf dem Balkon und bringen kiloweise Tampons an Spenden-Points für Flüchtlinge – das ist alles total wichtig und gut (nur die Minutensteaks gebe ich nicht her, vergesst es!). Doch warum setzt dieser innige Wunsch, der Welt etwas zurückzugeben, auch wenn es wahrscheinlich vergeblich ist, aus, sobald es darum geht, auf Kosten anderer Menschen unkompliziert ein bisschen Geld zu verdienen oder zu sparen? Auch, wenn das Geschäftsmodell einer Internetfirma unseren Alltag vermeintlich einfacher macht, sind wir es als Liebhaber von Fair Trade-Kaffee unseren Mitmenschen schuldig, zu hinterfragen, wie viel Fairness diese Firma für unsere Welt eigentlich übrighat.

Ich tue schlimme Dinge, mein ökologischer Fußabdruck geht auf keine Kuhhaut, doch zumindest für Catania habe ich schlussendlich ein B&B gebucht. Bei Airbnb war die Auswahl aber auch einfach viel zu groß. Puh, ich sags euch, dieses Internet…

 

 

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One comment

  • Ich halte die Entwicklung hin zum Sharing für ein zweischneidiges Schwert. Zum einen ist das Zusammenrücken gut, zum anderen besteht die Gefahr, dass viele Menschen durch den Schnäppchenwahn ihren Job verlieren. In Kombination mit der zunehmenden kostenlos-Kultur der Digitalisierung bedenklich. Denn die Daten, welche über uns gesammelt werden, werden gebündelt und verkauft um u.a. Börsenalgorithmen zu verbessern. Jedoch das Geld der Börsenmärkte fließt natürlich nicht in die „unteren Schichten“.

    Abo-Modelle, wie von dir erwähnt finde ich aus Unternehmenssicht grandios, wenn du als Unternehmen schaffst Nutzer durch ein Abo an dich zu binden, hast du es geschafft. Aus Nutzersicht finde ich es beängstigend z.B. bei einer DVD oder auch einem Buch hat man einen physischen Gegenwert. Bei Online-Angeboten nicht – irgendwann werden dann die physischen Medien immer weniger werden und die Macht wird sich auf diese Unternehmen verteilen. Das sieht man heute zum Beispiel schon bei Adobe, sicherlich gibt es Alternativen aber keine ist so bequem und vielseitig. Die Folge ist wie du bereits sagtest: Wirtschaftszweige trocknen aus.

    Aber ich finde es nicht schlimm, wenn man diese neuen Zweige ebenfalls unterstützt. Es sollte sich nur in der Waage halten.

    Vielen Dank für den tollen Artikel!
    Sabrina

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