All By Myself – Fluch oder Segen?

Von Dagny Lack, Illustration: Franziska Martin

Ihr kennt das: Es läuft ein Film im Kino, den man eigentlich unbedingt sehen möchte. Leider scheint niemand im Freundeskreis die eigene Begeisterung zu teilen, man findet einfach keine Begleitung. Und dann? Mal ehrlich, meistens verzichtet man auf den Kinobesuch und redet sich stattdessen ein, man könne den Film ja einfach schauen, wenn er dann auf Blu-Ray erscheint. Aber warum? Was hält uns ab? Ist es die Vorstellung, sich nach dem Film nicht mit jemandem über das Gesehene unterhalten zu können? Oder fürchten wir viel mehr die mitleidigen Blicke der Pärchen und Cliquen im Kinofoyer? Die würden sicher denken, man sei eine sozial verkrüppelte Pfeife, die keine Freunde hat, so absurd ist der Gedanke, dass man auch freiwillig mal etwas allein unternimmt. Oder steht uns nur unsere eigene Paranoia im Weg und die anderen fänden vielleicht gar nichts dabei?

In Zeiten von Whatsapp, Facebook, Instagram,Tinder, FireChat und anderen Social Apps, sind wir so gut mit unzähligen Kontakten vernetzt, dass es quasi ein Kunststück ist, niemanden zu finden, der einen ins Kino, aufs Konzert oder  Festival begleitet. Ist Alleinesein aus diesem Grund stigmatisierter als früher? Oder feiert es gerade sein fulminantes Comeback? Sehnen wir uns nicht gerade in einer Zeit, in der wir fast schon übervernetzt sind, mehr denn je nach ein paar ruhigen Stunden voll freiwilliger Einsamkeit? Anders gefragt: halten wir es mit den Zeilen des schluchzenden Eric Carmen: „All by myself / Don’t want to be all by myself“. Oder eher mit Madonna (und ich meine die coole Madonna Ende 80er, Anfang 90er), die selbstbewusst sang: „All by myself / I don’t need anyone at all“.  Um das herauszufinden, habe ich einige kurze Impulsinterviews geführt.

Alex (27) aus Hamburg, ist Anfang des Jahres aus seiner 3er-WG ausgezogen und wohnt seitdem allein.

AlexAlex, Du wohnst jetzt seit einigen Monaten in deinen eigenen vier Wänden, hast aber vorher sieben Jahre lang in WGs gewohnt. Gefällt dir Alleinwohnen besser oder vermisst Du das WG-Leben?

Ich würde sagen, das ist phasenabhängig. Wenn man gerade von zuhause ausgezogen ist und nur das kennt, ist WG-Leben natürlich erstmal super. Aber nach ein paar Jahren ist es dann auch schön, allein zu wohnen und sein eigenes Ding zu machen.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen, alleine wohnen ist besser. Hättest Du mich aber vor fünf Jahren gefragt, hätte ich gesagt, WG-Leben ist das Beste, ich kann mir niemals vorstellen, allein zu wohnen. Allerdings unternehme ich auch mehr, seitdem ich allein wohne. Früher musste ich das Haus ja nicht unbedingt verlassen, um jemanden zu treffen, weil ja eine Tür weiter immer jemand saß, mit dem ich quatschen konnte.

Würdest Du dich allgemein als einen Menschen beschreiben, der gut allein sein kann?

(sofort) Auf jeden Fall! Ich war letztes Jahr allein in Lissabon im Urlaub. Großartig! Dir gibt niemand ein Programm vor, Du bist komplett frei und kannst einfach genau das tun, worauf Du gerade Lust hast. Ich war zum Beispiel zweimal beim Fußball. Das hätte sicher nicht jede Begleitung mitgemacht…(lacht). Aber nach vier Tagen, war ich dann auch ganz froh, wieder zu Hause unter Menschen zu sein. Ich konnte mich aber schon als Kind gut allein beschäftigen und habe auch heute kein Problem damit, mal allein einen Tag an die Ostsee zu fahren oder auf ein Konzert zu gehen. Selbst ins Kino gehe ich ab und an mal allein, wenn ich den Film wirklich sehen möchte und partout niemanden finde, der mitkommen will.

Gibt es auch Dinge, die Du nicht gern allein unternimmst?

(überlegt einen Moment) Game of Thrones würde ich nie allein gucken. Es würde mir fehlen, mich danach nicht über die Folge austauschen zu können. Andere Serien gucke ich gern allein, aber bei Game of Thrones hat es sich irgendwie so eingegroovt, dass ich das immer mit einer anderen Person gemeinsam gucke und da würde ich auch nie allein weiter gucken.

Wir erleben ja gerade die Hochphase der Social Media. Glaubst Du, dass in einer Zeit, wo wir so gut vernetzt sind, dass man immer noch jemanden erreichen kann, der einen irgendwo hin begleitet, allein sein mehr stigmatisiert ist, als früher?

Nein, ich sehe es eigentlich genau andersherum: wenn ich zum Beispiel allein auf einem Konzert bin, kann ich auch gerade mit jemandem schreiben, der zuhause  krank im Bett liegt oder sich am anderen Ende der Welt befindet. Wir sind vielleicht beide in dem Moment allein, aber durch unsere virtuelle Unterhaltung ja trotzdem Teil einer sozialen Interaktion. Und sei es über Facebook, Twitter, Whatsapp oder Instagram, ich habe doch immer die Möglichkeit zu sehen, was andere gerade tun, oder mich mit ihnen zu unterhalten. Das ist für mich Teil eines sozialen Austauschs und Zusammenseins, auch wenn das heute sicher anders aussieht, als noch vor 100 Jahren. Und das nimmt dem Alleinsein doch gerade die Bedrohlichkeit: Ich kann allein in Urlaub fahren, aber wenn mich dann doch die Einsamkeit überkommt, dann skype ich oder facetime mit jemandem. (nachdenklich) Vielleicht ist man aber auch gerade dadurch selten wirklich allein… .

Ayla (23) ist im Februar aus dem bayrischen Regensburg nach Hamburg gezogen. Mittlerweile hat sie sich schon ganz gut im hohen Norden eingelebt.

Ayla Ayla, bist du jemand, der gut allein sein kann?

Ich habe überhaupt kein Problem damit, mal allein zu sein. Ich bin Einzelkind und meine Mama hat immer viel gearbeitet. So wurde ich schon früh zur Selbstständigkeit erzogen und bin zum Beispiel vom Kindergarten allein nach Hause gegangen. Zuhause musste ich dann auch oft für mich selbst sorgen, das heißt, mir was zu essen machen und so weiter. So lernst Du dann einfach schnell, mit Dir selbst klar zu kommen. Ich konnte mich auch immer gut allein beschäftigen, habe als Kind viel gebastelt und gemalt…

Und jetzt, als Erwachsene?

Auch heute liebe ich es, ab und zu ganz für mich zu sein. Ich brauche das. Wenn ich viel unter Menschen bin, kommt immer der Punkt, an dem ich merke: So, jetzt musst Du mal wieder etwas zur Ruhe kommen. Die ständige Präsenz, das ständige Unterhalten… Auf Dauer ist es irgendwann einfach anstrengend.

Hast Du schon mal allein gewohnt?

Nein, ich habe noch nie allein gewohnt. Nachdem ich von zuhause ausgezogen bin, habe ich neun Monate in Regensburg in einer 2er-Wg gelebt und wohne jetzt auch in einer Wg in Hamburg. Wenn man einen Mitbewohner hat, mit dem man sich versteht, ist das wirklich das höchste Gut. Du kommst abends nach Hause, hattest vielleicht einen schlechten Tag und dann ist da jemand, mit dem Du manchmal nicht mal unbedingt drüber reden musst, aber du versinkst dann darin nicht allein.

Unternimmst Du gern mal was allein oder bist Du lieber mit Leuten unterwegs?

In Regensburg habe ich viel allein unternommen. Das war halt meine Heimatstadt und ich wusste, dass ich so oder so wahrscheinlich unterwegs jemanden treffe, den ich kenne. Aber hier…(denkt nach) in den sechs Monaten, die ich hier wohne, habe ich bis jetzt selten etwas allein unternommen. Ich habe immer etwas Angst, dass ich dann die Leute sehe, die alle zu zweit oder in Grüppchen unterwegs sind und mich dann erst richtig einsam fühle. Wenn man in eine neue Stadt zieht, muss man sich erstmal ein neues Kontaktnetz schaffen, das dauert aber eine Weile. Bis dahin hängt man meist erstmal etwas in der Luft… Vielleicht müsste ich mich auch einfach mal überwinden und allein über’n Flohmarkt schlendern oder so. Aber ich bin schon eher ein Mensch, der solche Momente gern teilt. Allein in Urlaub fahren kommt für mich daher auch nicht wirklich in Frage.

Wie bleibst Du mit Leuten in Kontakt? Zum Beispiel aus der Heimat? Da sind Dienste wie Skype und Whatsapp doch sicher unentbehrlich oder?

Ja klar, Skype ist unheimlich hilfreich und wichtig, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Genau wie Whatsapp. Gerade als ich am Anfang neu in Hamburg war. Aber für mich ersetzt es nie den echten Kontakt. Bei Skype ist dann ja auch oft so: Da sitzt dann am anderen Ende eine Person, die würde man zum Abschied eigentlich gern umarmen. Stattdessen klappt man dann den Laptop zu, dreht sich um und ist doch wieder allein. Manchmal fühlt man sich sogar noch einsamer als vorher. Deswegen nutze ich Social Media eher notgedrungen, um Kontakte zu halten. Aber ein persönliches Gespräch ist mir tausendmal lieber. Es ist einfach unheimlich wichtig, reale Momente miteinander zu teilen.

Michael (28) aus Hamburg arbeitet in einer Konzertagentur und nebenher noch drei Tage die Woche in einem großen Einzelhandelsunternehmnen.

MichiMichael, bist Du lieber allein oder unter Leuten?

Generell lieber allein. Das kommt aber auch durch meine berufliche Situation. Nach acht Stunden Arbeit brauche ich immer erstmal zwei bis drei Stunden für mich, um runterzukommen. Gerade im Einzelhandel muss ich nonstop ansprechbar sein, bin also im ständigen Kundenkontakt, ununterbrochen unter Menschen. Das ist teilweise echt anstrengend und da kannst Du dich nie mal kurz verziehen.

Du hast die letzten vier Jahre in WGs gewohnt und bist jetzt gerade auch wieder in eine 3er-WG auf St. Pauli gezogen. Da ist es ja auch alles andere als ruhig… Ist das WG-Leben schon deine bevorzugte Lebensform, oder würdest Du lieber allein wohnen, wenn Du es Dir leisten könntest?

Das kommt ganz drauf an, mit wem man zusammen wohnt. Zweck-WG ist natürlich nie so geil. Aber wenn Geld keine Rolle spielen würde und ich mir auch allein eine schöne Bude in Arbeitsnähe leisten könnte, wäre das etwas, das ich mir durchaus vorstellen könnte.

Du machst gern mal was allein. Gibt es auch etwas, dass Du lieber nicht allein unternehmen würdest?

Hmm… (denkt kurz nach) Also es macht mir überhaupt nichts aus, allein auf ein Konzert zu gehen. Es kommt öfter mal vor, dass ich niemanden finde, der eine bestimmte Band sehen will und dann gehe ich trotzdem. Meistens lernt man dann auch vor Ort jemanden kennen. Ich stöbere auch gern allein durch Plattenläden. Gerade shoppen tue ich am liebsten allein. Ins Kino würde ich eher nicht allein gehen. Und ich würde mir wohl auch niemals allein einen Tisch im Restaurant reservieren. Das ist dann doch komisch.

Warst Du schon mal allein im Urlaub? Und wenn nicht, ist das etwas, das Du Dir vorstellen könntest?

Ich würde jetzt sicher nicht meinen Jahresurlaub nehmen und dann zwei Wochen irgendwo allein verbringen. Aber einen Kurztrip allein kann ich mir schon vorstellen. Bis jetzt habe ich aber nur Tagesausflüge, zum Beispiel an die Ostsee, allein gemacht. Oder bin mal allein in eine Stadt gefahren, wo ich aber dann jemanden besucht habe.

Du arbeitest in zwei Jobs, in denen Du ständig von Leuten umgeben bist. Darüber hinaus ist man durch sein Smartphone auch fast ununterbrochen erreichbar. Empfindest Du diese so genannte Übervernetzung manchmal als Belastung? Wie wichtig sind Social Media und Dienste, wie Whatsapp, Facebook, Skype und Co. für dich, um mit Leuten in Kontakt zu bleiben?

Vor ein paar Jahren hätte ich Dir in Punkto Belastung sicher noch zugestimmt. Aber mittlerweile spielen Social Media wie Facebook oder Twitter kaum noch eine Rolle in meinem Leben. Ich nutze zwar den Facebook Messenger, um mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die nicht in meinem unmittelbaren Umfeld sind, aber sonst…Whatsapp-Nachrichten sind für mich wie SMS. Die nutze ich halt für praktische Zwecke. Und Skype nutze ich gar nicht mehr, habe ich aber früher auch nur, wenn es nicht anders ging, also im Falle einer unüberbrückbaren Distanz.

Was hältst Du von Apps, durch die man sich mit fremden Leuten mit ähnlichen Interessen für gemeinsame Aktivitäten, zum Beispiel Sport o.ä. verabreden kann?

Das käme für mich niemals in Frage. Dafür bin ich in gewisser Hinsicht einfach zu alt. Ich glaube, die Menschen, die so miteinander in Kontakt treten, sind vielleicht einfach Teil einer anderen Generation.

Lena (27) wohnt in Berlin und ist dort viel auf Achse. Im vergangenen Jahr hat sie einige Monate allein gewohnt, mittlerweile lebt sie wieder in einer 2-er WG.

LenaLena, bist Du jemand, der gern allein ist?

Ich bin eher ungern allein. Das liegt aber glaub ich auch daran, dass ich damit einfach nicht so aufgewachsen bin. Zuhause war die Familie bei uns immer so lange zusammen, bis man ins Bett gegangen ist. Und ich hatte auch immer ein eher kleines Zimmer, in dem ich dann nicht so gern allein gehockt habe. Andererseits ist meine Schwester ja unter den gleichen Umständen aufgewachsen und braucht im Gegensatz zu mir viel Zeit für sich. Also hat es vielleicht auch was mit mir persönlich zu tun, dass ich lieber unter Menschen bin.

Du hast im letzten Jahr einige Monate allein gewohnt, mittlerweile hast Du wieder einen Mitbewohner. Ist das WG-Leben deine bevorzugte Lebensform?

Momentan definitiv. Ich finde es immer schön, nach Hause zu kommen und da ist dann jemand mit dem man reden, vielleicht noch etwas kochen kann und so weiter. Es ist ja auch so angenehm unkompliziert. Wenn Du allein wohnst, musst Du Dich ja doch immer verabreden. Gestern Abend hatte ich zum Beispiel keine Lust mehr, das Haus noch mal zu verlassen und habe dann spontan mit meinem Mitbewohner noch einen Film geguckt. Allemal besser als alleine chillen (lacht).

Unternimmst Du denn in Deiner Freizeit mal etwas allein oder kommt das auch eher selten vor?

(Überlegt) Hmm… Nee, eigentlich bin ich auch da am liebsten mit Freunden unterwegs. Vor einer Weile war ich mal allein im Kino und vorher noch etwas essen. Da hat mich erst der Kellner im Restaurant gefragt, ob da niemand mehr dazukommt. Und die Frau an der Kino-Kasse hakte auch noch einmal nach: Wirklich nur eine Karte? War eher eine unangenehme Erfahrung.

Siehst Du einen Zusammenhang zwischen der extremen Präsenz von Social Media und einer Stigmatisierung des Alleinseins in Deinem Umfeld?

Kann ich so nicht sagen. Ich glaube, das hat eher etwas damit zu tun, ob man allgemein jemand ist, der mit dem Alleinsein gut umgehen kann oder eben nicht. Vielleicht ist es eher noch eine Generationsfrage: ich merke, dass es für meine Eltern zum Beispiel schon sehr wichtig ist, einen Partner zu haben und in einen familiären Kontext eingebunden zu sein. Für die ist eine alleinstehende Person noch ein echter Exot. Letztendlich ist aber in meinen Augen wohl vor allem entscheidend, ob man freiwillig oder gezwungenermaßen allein ist.

Als Mitglied einer 4er-WG bin ich auch eher ungeübt in der Disziplin „Zeit allein verbringen“. Vergangenes Wochenende fuhren alle meine Mitbewohner und viele meiner Freunde zur Fusion. Ich war aufgrund eines universitären Projektseminars (ja, am Samstag und ja, es war verpflichtend!) gezwungen, mein Ticket abzugeben und allein in Hamburg in unserer knapp 100qm2 großen Wohnung zurückzubleiben. Mit Grauen blickte ich dem Wochenende entgegen – und war positiv überrascht. Statt in Einsamkeit zu versinken, genoss ich es zur Abwechslung, mal allein am Frühstückstisch zu sitzen, die Wohnung beim Nachhausekommen genauso vorzufinden, wie ich sie verlassen hatte und im Zuge einer wilden Kochsession ungeahntes Chaos verursachen, das niemanden störte. Als mich dann aber irgendwann via Whatsapp Fotos meiner Freunde aus ihrem Camp erreichten, wurde ich doch kurz wehmütig. Dennoch: die Tatsache, dass sie mir Nachrichten und Bilder schickten, zeigte ja letztendlich auch, dass sie an mich dachten und mich gern dabei gehabt hätten. Bei dem Gedanken hellte sich meine Stimmung ein wenig wieder auf. Ich goss mir ein Glas Wein ein und rauchte eine Zigarette. Allein. Und es fühlte sich eigentlich ganz gut an.

 

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