Praxis reloaded?

Die gute alte Ausbildung und ihr Comeback

Text & Illustration: Franziska Martin

„Kind, ohne sicheres Studium wirst du nichts Gescheites!“ So tönt es mir heute noch in den Ohren, wenn ich über das ganze Ausbildungsbrimborium nachdenke, mit dem sich die heutigen Mitzwanziger herumschlagen, inklusive mir. Meine Mutter, selbst Bildungsaufsteigerin, hatte damals diese These aufgestellt und aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass es durchaus viele Dinge vereinfacht, wenn man ein „sicheres“ Studium hat – was auch immer das heißen mag. Das sehen offenbar auch viele andere so: So steigt die Zahl der Studenten an deutschen Hochschulen in den letzten Jahren kontinuierlich an.

Studium und Ausbildung – Zwei Gegenpole?

Doch das Studium hat auch seine Nachteile – gerade in der heutigen Zeit, wo der Ansturm auf Universitäten nicht abzureißen scheint, gleichzeitig aber auch der Ruf nach Fachkräften immer lauter wird, und weil man mit dem Studium zwar wissenschaftliches Handwerkszeug mit auf den Weg bekommt, aber keine konkrete Berufsbezeichnung. Selbst, wenn man hier einmal die Geisteswissenschaften ausklammert, denen ja nicht ganz umsonst der Ruf der späteren Taxifahrer vorauseilt: Wo kommen Mathematiker, Biologen und selbst Juristen genau unter? Natürlich gibt es sie, die rar gesäten Studiengänge, die einem genau sagen, in was für einem Feld man höchstwahrscheinlich später landen wird. Spontan fallen mir da Medizin oder auch Lehreramt ein. Der Regelfall ist aber doch, dass man sich seinen konkreten Beruf nach dem Studium selbst suchen muss. Bei der klassischen Ausbildung sieht das schon ganz anders aus: Hier wird man für einen konkreten Beruf ausgebildet und sammelt auch schon während der Ausbildung Berufserfahrung. Natürlich bedingt die Geradlinigkeit der Ausbildung auch eine gewisse Enge. So ist man im Studium wesentlich freier, was die Wahl von Kursen und damit Spezialisierungen angeht. Allerdings: Gerade in den Bereichen, die sich schnell wandeln und mit technischen Neuerungen berufsbedingt mithalten müssen, wie beispielsweise bei den Medien, wird die Ausbildung immer komplexer. Könnte hier also ein Ansatzpunkt für ein Comeback der Ausbildung liegen?

MÖGLICHES COMBACK DER AUSBILDUNG?

Nach den Zahlen einer Studie, welche die Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegeben hatte, wohl eher nicht: Diese untersuchte die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt bis 2030. Das Ergebnis: Immer mehr Leute streben an die Universitäten, weniger Leute beginnen eine Ausbildung. So bekannt, so gut – oder auch eben nicht. Die Entwicklung an sich ist allerdings auch kein Wunder, denn offiziell ist der Abschluss an einer Hochschule in bestimmten Branchen mehr wert als eine Ausbildung, was sich natürlich auch in der Bezahlung niederschlägt. Insofern ist das Bildungssystem ja auch ein Spiegel des Arbeitsmarkts. Der vermeintlich finanzielle Vorteil beim Studium bedeutet jedoch nicht, dass es dort keine Mängel gibt: Nicht umsonst steigt die Zahl der Studierenden an den Fachhochschulen – da hier Theorie und Praxis stärker verzahnt sind als an den klassischen Universitäten oder bei der Ausbildung. Viele entscheiden sich also mittlerweile für einen Zwischenweg.

VIELE WEGE FÜHREN NACH ROM

Ich selbst kenne viele, die an ihr Studium noch ein Zweitstudium oder eine Ausbildung hängen – weil man in bestimmten Bereichen besser mit einer Ausbildung oder aber einem Studium vorankommt. Genauso habe ich in meinem Freundeskreis auch Leute, die nach ihrer Ausbildung noch eine Ausbildung anfangen oder eben ein Studium. Die Gründe reichen von „Ich will nochmal etwas anderes machen“ bis „Ich will mich da weiter vertiefen“. Wie immer gilt also auch bei der Berufsausbildung die altbekannte und leider dadurch auch etwas abgenutzte Lebensweisheit: Viele Wege führen nach Rom. Trotzdem wird es wohl kein Comeback der klassischen Ausbildung geben, vielmehr wird der Ruf nach einem besser verzahnten System von Studium und Ausbildung immer lauter.

Ich selbst habe übrigens Germanistik an einer Hochschule studiert – und studiere jetzt noch einmal Kommunikationsdesign an einer Fachhochschule, gerade weil ich die Verknüpfung von Praxis und Theorie dort so spannend finde.

Advertisements

Submit a comment

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s