Von Kopf bis Physis

Comeback im Hinterhaus

Von Jan Engelhardt, Illustration: Franziska Martin

Normalerweise werden in meiner Küche Zwiebeln gewürfelt, Chefkoch und so. Ich meine die Internetseite. Grundlagen verschaffe ich mir an diesem Abend allerdings mit theoretischem Wissen aus einem braun umschlagenen Buch mit der Aufschrift „Kunst als Erfahrung“. Noch hurtig die Fassade auftischen – vierter Stock mit Blick auf den Hinterhof. Klassisch! Und dass ich in der Küche arbeite, anstatt zu kochen, wer kennt’s nicht. Ich lese los.

„Verstanden“, sagt mein Geist. Ich verstehe, denk ich noch, bevor die eigentliche Kunst-Erfahrung ihren Lauf nimmt. Eine Stimme. Eine stöhnende Stimme. Mein Fenster ist geschlossen. Es ist eine sehr, sehr, sehr laute, stöhnende Stimme. Ich gebe ihr den Namen Fräulein L, der Lust und Laune nach. Und weil etwas unüberhörbar Weibliches in dieser Stimme mitschwingt. Wenn Fräulein L mit ihrem „Gschmusi“ bei geöffnetem Fenster schmust, dass sich allen mit Ausblick zum Hof eine Sinfonie der Lüstelei darbietet, mit Hall-Effekt der analoger nicht sein könnte – vom Naturell der Einlage ganz abgesehen – dann ist es wahrlich simpel, Texte zur „ästethische Erfahrung“ zu analysieren. Ein Gschmusi ist das aber nicht, denke ich. Erste Prämisse: Wir befinden uns nicht in Bayern oder Österreich. Zweite Prämisse: für ein Techtelmechtel zu öffentlich. Obwohl: auffällig = unauffällig. Aber das gilt wohl eher für das Sehvermögen. Meine Ohren sind eben immer noch sensibel. Und die Nachbarschaft? Also, nicht, dass die Sittenpolizei irgendwann im Hinterhofe gestanden hätte, nein. Aber wenn mein Nachbar, irgendwo links zu verorten, nicht angefangen hätte, von seinem Hinterhof-Fenster wie eine Kuh mitzuöhmsen, so hätte es nur noch einen Hauch von Moment gebraucht, bis ich selbst die Kinderelektroorgel von meiner Tochter ans Fenster gestellt und meinen allerliebsten Demosong angeschmissen hätte.

Hitziges Wettkampfgefecht

Ob Fräulein L jetzt im Hause zuhause ist oder ab und an zur Probe kommt? Das hat sie in Ihrem Stöhn-Akt-Vierteiler noch nicht erwähnt. Manch‘ Eine will ja beim Namen genannt werden, wenn es ums Ganze geht. Richtig so! Würde es aber doch eher passen, dass der Mietersmann zur Brunft gerufen hat. Vielleicht während des Spiels Deutschland – Slowakei? 3 – 0 Selbstbewusstschwein und so. Allerdings lief die Tournee schon vor der Europameisterschaft und auch nach dem Finale spielen Fräulein L und Herr M weiterhin um den Pokal des Sinfoniepornorchesters.

Hohe Temperatur heißt: Alle Fenster auf! Da schwitzt das ganze Haus gleich mit oder sagen wir: Ohrenfieber für Alle. Ist doch immer noch besser als die Dauertagung der Immer-Betrunkenen auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum 25-Stunden-Dönerladen. Da wird nur versucht, dem Hasso beizubringen, dass er nicht so giftig gauzen soll. Zur Strafe wird sich gefälligst abgelegt. „Leg dich da hin jetz, los!“, „Hinlegen, hab ich gesacht, auf jetz!“ Wenn ich auf den Namen Hasso hören würde, säße ich wohl auch da unten – stöhnend.

Schwache halbe Stunden

Aber zurück zum Theater; Ich bin eigentlich ganz froh, Fräulein L und Herrn Mietersmann bisher nur vom Hörspiel zu kennen. Sie beide nicht zu identifizieren, wenn und falls einer von beiden morgens meinen Weg streift, freundlich grüßt und zur Arbeit geht oder eben zur Probe, nur eben in einem anderen Haus, macht die abendliche Aufführung zum besonderen Erlebnis. Fancy, nur so als Stichwort für ästhetische Erfahrungen. Womit wir das erste Mal beim Zurückkommen angelangt wären. Ein anschleichendes Comeback?

Also mal ehrlich, würdest du das Fenster öffnen, wenn Voluptas auf dem Bettlaken titelt und das Bett kein Bett mehr darstellt, sondern einen Liebestempel, in dem selbst Amor den Freitod mit Pfeil und Bogen vorziehen würde, damit er mitmachen darf bzw. kann? Naja, ob er kann, ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall: So hält kein Fensterglas meine Gedanken davon ab, sich am Rahmen vorbei davon zu schleichen, und alles in mir und um mich herum verabschiedet sich ins Nichts. Meine Hand erfasst den Fenstergriff. Offen! Zum dahinschmelzen. Wie der Gratin im Backofen. Nur, dass jetzt die Substanz meiner intellektuellen Energie fließend, schwer gangbar, als purpurerrötender Fluss, abwärts in die unteren Sphären des eigenen Triebmotors steuert. Der Mindesthaltbarkeitszeitraum wird im mitteleuropäischen Raum ja auf maximal 20 bis 30 Minuten geschätzt. Immerhin! Aber für den Rezipienten auch fast 2/3 einer Fußball-Halbzeit. Jetzt denkt der eine oder die andere, die ham doch nicht während des Spiels… Das is doch, also… Nein, ham sie nicht. Das wäre ja ein revolutionärer Akt gewesen und dann hätte ich auch nicht darüber geschrieben – wer will schon Revolution in seinem Block. Ich nicht – ich will nur in Ruhe lesen, eigentlich.

Rückrunde mit Remis

Es war nur wichtig für die Relation der Zeit. In der ich, eingenommen vom Klang der Barden lieblicher Gedichte von Aphrodite über die Magnolien aus dem asiatischen Blumenladen umme Ecke, sozusagen feststeckte im Modus: Komm zurück! Komm zu dir. „Jack, Come back!“, wie schon Kate Winslet so schön winselte.

Mein Comeback in philosophische Welten… Ein Comeback für den Augenblick, für die Kunst und ein Comeback für den Orgasmus! Ich komme! Ich komme zu mir, langsam, denn Sie war dem Höhepunkt nahe. Und als ich meinen Trumpf schon aus dem Ärmel zog, weil ein zweiter Anlauf mich letztlich ganz entphilosophiert hätte, war der Erfolg doch so sicher, dass mein Comeback gelingen würde, folgte, was folgen musste. Ihr Comeback vor meinem Comeback. Das Comeback vom Comeback.

ZigZag-01

Advertisements

Submit a comment

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s