Indie und andere Witze

Von Kristoffer Cornils; Illustration: Franziska Martin

Als ich mit 18 Jahren nach langen rhetorischen Grabenkämpfen aus dem Haus meiner Mutter auszog, nahm mich diese Frau, die während des Geschehens bewegungs- und regungslos auf der Couch saß, kurz in den Arm. „Du sollst schon wissen, dass du hier immer willkommen bist“, sagte sie mit einer Stimme, deren Ton wesentlich versöhnlicher klang als die letzten Monate über. „Ach ja“, schob sie hinterher, bevor ich rührselig werden konnte: „Kannst du mir bitte deine Schlüssel fürs Haus geben? Die bekommt mein Freund.“

Meine Freundin lacht immer über mich, weil meine Anekdoten für gewöhnlich keine Pointe haben. Diese hier aber hat eine, sie ist hart und kommt unvermutet. Nicht nur deswegen erzähle ich sie gerne und auch nicht allein, weil ich dafür gemeinhin die schönsten, geschocktesten und von sich selbst überraschten Lacher ernte. Sondern auch, weil ich mit dem Erzählen dieser Anekdote im doppelten Sinne meine Unabhängigkeit als Mensch unter Beweis stellen kann. Einerseits drücke ich meinem Publikum subtil rein, dass ich mich mit 18 von Mittelschichtsherkunft abgenabelt habe und andererseits demonstriere ich dadurch, dass ich das zynische Timing meiner Mutter als Witz recycle, meine emotionale Abgeklärtheit gegenüber ihrer Trampeligkeit.

Der eigentliche Witz aber ist, dass das selbstverständlich Unfug ist.

Denn natürlich begab ich mich nur von einer Abhängigkeit in die nächste, weil ich mir das Zimmer in der schmuddeligen Studi-WG nicht ohne die finanzielle Unterstützung meines Vaters hätte leisten können. Und wenn ich es für notwendig halte, aus dem Geschehnis einen Witz zu machen – der sich im Übrigen nicht wirklich witzig liest, delivery ist eben die halbe Miete – dann heißt das eben nur, dass ich mich damit über eine erlittene Verletzung stellen will. Weil mir meine Mutter – wenngleich sicher nicht absichtlich – noch mal zeigte, wer in der Situation eigentlich die Hosen anhatte und das meinen dummen, post-pubertären Stolz verletzte. Unabhängigkeit, my ass.

Ich könnte hunderte solcher Anekdoten erzählen und die meisten davon hätten keine Pointe. Diese aber vielleicht schon.

Vielleicht ist die Pointe nämlich ein grundsätzliches Strukturproblem, dem wir alle nie entkommen können, weil wir nie den uns umgebenden Strukturen entkommen können. Wie unabhängig bist du von deiner Familie, dem Urteil deines Freundeskreis oder den Menschen, deren Augen deinen Körper entlanglaufen, wenn du deine Brötchen holst? Wie unabhängig bist du von den beschissenen Brötchen? Wie unabhängig von der Industrie, die hinter den Brötchen steckt?

Okay, das ist banal, ich weiß. Aber sag mir nicht, dass du das nicht am liebsten in einem Witz auflösen würdest.

Als Musikjournalist schreibe ich weitestgehend nicht über sogenannte Mainstream-Musik, nur 2016 habe ich einige Ausnahmen gemacht. Letztens zum Beispiel, als ich auf Kosten eines Major-Labels nach London geflogen wurde, auf dessen Rechnung bei einem Möchtegernnobelitaliener für rund 60€ Antipasti fraß und dann dezent angeschickert mit dem Taxi zum Hotel zurück fuhr, welches für mich vom selben Label gebucht wurde. Für meinen Artikel, den ich nach diesem Wochenende schrieb, erhielt ich schätzungsweise ein Zehntel des Betrags, der dafür aufgewandt wurde, mir ein zwanzigminütiges Interview mit der Band sowie den Konzertbesuch am Abend danach und eine schöne Zeit im Allgemeinen zu ermöglichen. Das Major-Label ermöglicht dem Indie-Journalisten einen kleinen Einblick in seine Welt – und lässt die kontinuierliche Selbstausbeutung etwas schöner scheinen. Alle klopfen einander kurz auf die Schultern, die Gesamtscheißenstrukturen bleiben sich gleich.

Als Musikjournalist möchte ich eigentlich gar nicht in diesen Kategorien denken: Mainstream und Underground, Major und Indie. Weil diese Grenzziehungen eigentlich nur eine ganz andere verwischen: Geld und kein Geld. Denn natürlich könnte ich mit meinen Fähigkeiten ebenso gut auf der, na ja, anderen Seite arbeiten. PR machen, diesdas. Journos wie mich zum Essen ausführen, erklärbärig durch große Mehrzweckhallen spazieren und am Ende die Presse-Clippings einsammeln wie Pfadfinderabzeichen. Stattdessen aber schreibe ich noch fix auf dem Flughafen den Artikel fertig und setze mich, zuhause angekommen, an den nächsten. Der sprichwörtliche Rubel muss ja rollen und das am besten in meine Richtung. Wie unabhängig ist das eigentlich?

Die Pointe bleibt aus, die Cliffhanger-Frage unbeantwortet.

So ist das eben: Meine Unabhängigkeit als Kulturjournalist erkaufe ich mir mit latenter finanzieller Abhängigkeit von denen, über die ich berichte und denjenigen, in deren Auftrag ich berichte.

Also – warum mache ich den Scheiß eigentlich? Und warum sitze ich jetzt hier, verkatert in einem Fernreisebus und klemme 196cm Lebendlänge hinter meinen klapprigen Laptop, um mit versteiftem Rücken einen  Text abzureißen, bei dessen Abgabe ich nicht mal eine Rechnung mitschicke?

Vielleicht, weil Indie und andere Witze erzählt werden müssen, damit wir nicht völlig in und an unseren Abhängigkeiten verzweifeln.

Weil am kritischen Dauergassenhauer vom richtigen Leben, das es im falschen nicht gäbe, zwar etwas dran sein mag. Aber solange noch etwas für ein besseres nichtrichtiges Leben im falschen gemacht wird, können wir über unsere Abhängigkeiten lachen. Das ist schließlich eine Form von Bewältigung, vielleicht auch Überwindung.

Letzten September quetschte ich mich mit einer Plattentasche voll queerem Disco-Fuego auf den nun echt wirklich viel zu kleinen Sitz in einem Fernreisebus, und das für ein halbes Dutzend Umarmungen, einige Centiliter Schnaps, ein paar Reisekostenkompensationsgroschen und ein paar gute Lacher. Vor allem die über diesen Witz namens Indie, dessen Pointe mir noch nicht untergekommen ist und den ich trotzdem für den besten halte, den ich kenne. Gerade weil er mir jedes Mal aufs Neue vor Augen führt, wie unmöglich das ist, Unabhängigkeit.

ZigZag-02

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