Ain’t no Houellebecq Grrrlz!

Von Nadine Mouni Lagab; Illustration: Franziska Martin

Der Autor Michel Houellebecq wird als enfant terrible des französischen Literaturbetriebs gehandelt. Sein aktueller Roman Unterwerfung schlug so hohe Wellen, dass sogar der ehemalige Staatschef Hollande kommentierte: Zwanghafter Pessimismus.

Unterwerfung von Houellebecq, wäre das nicht etwas für die nächste Ausgabe?“ und ich so: „Nöö. Dieser grumpy old man mit seinem chauvinistischen Weltbild und den düsteren Zukunftsvisionen. Viel zu heikel, viel zu polarisierend, bitte nicht….“, was ergo nur bedeuten konnte, dass genau dieser Mann Umbruch auf seiner Stirn tätowiert hat. Und jetzt sitze ich hier, welch Eigentor, und versuche herauszufinden, wie Houellebecq es mit der Religion, Gesellschaft und der Trennung zwischen seiner persönlichen Meinung und der Fiktion in seinen Romanen hält.

Bis hierhin hatte ich ganz bewusst einen Bogen um den Typen gemacht. Ich war abgeschreckt von der öffentlichen Persona Michel Houellebecq, deren giftige Kommentare sich auch in mein Bewusstsein geätzt hatten, gerade, weil sehr viele Leute ihm sehr viel Aufmerksamkeit schenken. Warum eigentlich? Schließlich hatte dieser Schriftsteller genug verbale Entgleisungen in seinem Portfolio: 2001 bezeichnete er den Islam als die dümmste aller Religionen und unterstrich dies in der Figaro (Anm. der Redaktion: die Figaro ist eine französische  Tageszeitung) mit dem Gefühl des Ekels, welches ihn beim Lesen des Korans befalle. Diese Äußerungen relativierte er einige Jahre später – inzwischen hatte er den Koran tatsächlich gelesen.

Muss Literatur politisch korrekt sein?

Die Strategie, zunächst irgendein provokantes Statement in die Welt zu trumpeten, hat durchaus Konjunktur, denn man kann ja alles wieder zurücknehmen. Ein Garant für derartige Ausfälle ist der borstige EU-Kommissars für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft (!), Günther Oettinger. Er ließ die Welt jüngst wissen, dass er seine Tageszeitung lieber auf Papier als auf dem Handy läse und chinesischen Ministern (schwäb.: „Schlitzaugen und Schlitzohren“) eine Vorliebe für von links nach rechts gekämmte und mit schwarzer Schuhcreme gestylte Haare unterstellte. Anders so bei Houellebecq, denn er äußert sich nicht als Politiker, sondern als Literat. Und genau darin liegt die Krux: Literatur zeigt die Welt unverklausuliert, Subjektivität und Fiktion bieten einen sehr viel größeren Spielraum. Daher ist es nur konsequent, als Autor den Skandal zumindest nicht umgehen zu wollen. In Houellebecqs Romanen wird mit dem Feuer gespielt, seine Interviews dienen als Brandbeschleuniger. Doch ist der vermeintliche Tabubruch überhaupt einer oder bereits gesellschaftlicher Konsens?

Zahnlose Tiger brüllen besonders laut

Bevor also der Vorwurf aufkommt, dass hier eines der heiligen Gebote der Literaturwissenschaft außer Acht gelassen werde, welches den Autor entschieden vom produzierten Text scheidet, sei gesagt: Houellebecq spricht nicht nur unglaublich gerne, sondern implementiert sich auf perfide Art und Weise in seine Figuren. Die negative Einschätzung des Islams wird schon durch eine Figur in Elementarteilchen angeteast, und zwar in identischer Wortwahl („dümmste Religion“). Dass Houellebecq sehr viel mediale Aufmerksamkeit zuteil wird, liegt auf der Hand: Nicht nur seine polarisierenden Meinungen sind dafür verantwortlich, sondern ebenfalls die E… äh… tschuldigung, Resurrektion des Autors in der öffentlichen Person Houellebecqs. Am liebsten verkündet er selbst die Botschaften seiner Romane in zahlreichen Interviews. Durch die Etablierung seiner Literatur in der Hochkultur (‚Prix Goncourt‘ und den Frank-Schirrmacher Preis), stößt er stets auf Gehör. Seine Selbstinszenierung – viele Zigaretten, reichlich Alkohol und exzentrische Outfits in poète maudit Manier – garnieren seine literarischen Expeditionen, die in der Presse als prophetisch wahrgenommen werden.

Der wohl schauerlichste Zufall von literarischem Sujet und politischem Ereignis trug sich am Veröffentlichungstag von Unterwerfung zu. Die Satirezeitschrift Charlie Hebdo plante die neueste Ausgabe mit einer Karikatur von Houellebecq auf dem Cover, der auf diesem analog zum erscheinenden Buch voraussagt, 2015 seine Zähne zu verlieren und 2022 den Ramadan zu befolgen. Er selbst eignete sich jüngst in der Rede zum Schirrmacher-Preis den verheißungsvollen Titel eines „halben Propheten“ an. Offen stellte er seine Verachtung für die Medien zur Schau, denen er linke Gleichschaltung vorwirft. Trotzdem produziert sich Houellebecq geschickt als der Anti-Intellektuelle in linken wie konservativen Medien. Das ist gerade deshalb zynisch, weil sein grenzenloses Denken auf destilliertem Kulturpessimismus aufbaut. Unterwerfung daher als Menetekel für gesellschaftliche Utopien im Allgemeinen zu deuten, fällt also nicht sonderlich schwer.

Die Zukunft im Zeichen der Religion?

Obwohl Houellebecq kein Fan der postmodernen Philosophen ist, gehört er unweigerlich dazu, da auch er die große Narrative der Moderne verabschiedet. Seine Literatur lässt sich nicht als schauriger Kulturrevanchismus abtun, obwohl er an Grundfesten der aufgeklärten Welt rüttelt. Dabei schreibt er neuen Realismus jenseits schablonenhafter Kategorien. Um aber doch einmal brav literaturwissenschaftlich Meinungsäußerungen des Autoren vom Text zu trennen:

Unterwerfung entfaltet ein durchaus realistisches Panorama der Gesellschaft. Grob zusammengefasst geht es um den Regierungswechsel in Frankreich im Jahr 2022. Dieser vollzieht sich hauptsächlich aufgrund des Erstarkens von Front Nationale und der nationalistischen identitären Bewegung. Um ein politisches Gegengewicht bilden zu können, unterstützen die etablierten Parteien die Muslimbruderschaft um Ben Abbes, einem charismatischen Führer. Aufgrund der sich verhärtenden politischen Fronten, kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Land, über die in der Presse nicht berichtet wird, um noch stärkeren Zulauf zu den rechten Parteien zu verhindern. Die Koalitionsgespräche zwischen Linken, moderaten Kräften des Landes und der Partei Ben Abbes’ führen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zur Aufhebung der laizistischen Staatsprinzips zugunsten des Islams.

Erzählt wird aus der Perspektive des John Does Frankreichs, François, der als Dozent an der Universität Sorbonne arbeitet. Seine akademische Leistung besteht darin, Joris-Karl Huysmans Werk durch seine Doktorarbeit dem französischen Literaturkanon zugeführt zu haben. Der unempathische Einzelgänger ist „so politisch wie ein Handtuch“, neben Huysman, der für den Protagonisten identifikatorischen Reiz ausübt, interessiert er sich nicht wirklich für irgendetwas. In der Liebe sucht er vor allem libidinöse Befriedigung. Aufgrund der politischen Situation wird er gefeuert – die Sorbonne gehört nun zum Islam. Ihm wird allerdings eine Pension angeboten, die exakt seinem ehemaligen Einkommen entspricht. Einziger Wermutstropfen für den Protagonisten ist der Alkohol, dem er vollkommen zu verfallen glaubt, wenn sein geregelter Tagesablauf wegfiele. Vom Universitätsdirektor Rediger mit theosophischen Anschauungen umgarnt, die ihre Wirkmacht auf François vollends dadurch entfalten, dass er mit den praktischen Vorzügen, also zwei der Ehefrauen Redigers in Berührung kommt, erwägt François nun seine akademische Zukunft: Sein intellektuelles Betätigungsfeld muss weichen, aber wie wäre es wohl, drei Frauen zu haben, die exklusiv für ihn ausgewählt, ihren eigenen Zuständigkeitsbereich haben? Um Escort-Services, Lieferdienste und Mikrowellengerichte müsste François sich dann nicht mehr kümmern.

Tja, so schnell kann eine Gesellschaft also Errungenschaften des Feminismus oder die Säkularisierung hinter sich lassen. Recycelt Houellebecq hier lediglich den sehr alten Gedanken, Wissensdrang mit einem Quäntchen Metaphysik aufzupeppen, um gesellschaftlichen Unruhen vorzubeugen? Definitiv vielleicht. Aber so einfach ist es nicht. Denn Houellebecq schlägt gerne Volten und spielt mit geistigen Traditionslinien. Und trifft wunde Punkte. Im Roman sind es die Linken, die auf dem politischen Parkett ins Schlittern geraten und ihre Werte als Bauernopfer preisgeben. Nicht nur die Angst vor Rechts, sondern auch davor, kulturchauvinstisch zu agieren, zwingen sie immer wieder zu performativen Widersprüchen. Aktuelle Debatten verdeutlichen, wie sehr Houellebecq diesen Nerv getroffen hat. Ob der Niqab nun ein Unterdrückungsinstrument des Mannes ist oder nicht, darüber streitet man sich auch innerparteilich und wendet sich gerne seichteren Themen zu, zum Beispiel dem Veggie-Day.

Michel fickt das Abendland

Houellebecq rechnet auch mit den Intellektuellen ab. Er bietet dem Leser nicht das romantische Bild des Protests im Stile der 68er, sondern die Korrumpierbarkeit der geistigen Elite, die, patriarchaler Logik folgend von der Aussicht auf Frauen, Geld und Macht verführt wird. Der Protagonist François findet es „rührend“, dass die neue Regierung so viel Geld locker macht, damit er und seine Kollegen die Klappe halten. Wen interessieren schon Ideale? Kapitalismus funktioniert auch in dieser Welt. Das Schwadronieren Redigers zeigt, wie schnell der „neue Mensch“ auch mit Religion aus den Sümpfen der Ideengeschichte hervortreten kann, so wie ich jetzt aus dem Text:

Nimmt man die frauenfeindlichen Ausfälle Houellebecqs hinzu, wird’s einem ein bisschen schlecht. Die Frau sei dem Mann von Natur aus unterlegen: Die (mögliche) Schwangerschaft verhindere den Umweg über die geistige Betätigung, ist hier der Sinn des Daseins ja schon vorgegeben. Apropos Ideengeschichte, das hat ein Mann, in diesem Fall Platon, schon vor fast 2400 Jahren in ähnlicher Form behauptet und wurde in modifizierter Form immer wieder reproduziert. Puh, auch wenn der Mann sein Handwerk beherrscht und eine intertextuelle Metaebene zur Unterwerfung der Frau unter den Mann durch einen anderen Skandalroman – eine roughe Version von Fifty shades of grey – in den Text implementiert und deswegen ganz viele Formen der Unterwerfung thematisiert, möchte und werde ich mich nicht unterwerfen.

Was habe ich also durch die Arbeit an diesem Text gelernt? Einerseits kann ich den Nachnamen des Autoren jetzt auf Anhieb fehlerfrei auf der Tastatur tippen. Andererseits glaube ich, hoffen zu können, dass die Realität anders ist. Schreibt nicht mehr so viele selbstreferentielle Hedonisten-Romane, sondern setzt dem Pessimismus etwas entgegen. Überlasst ihm nicht kampflos den Literaturnobelpreis, den der ungeliebte Sohn einer Hippie-Mutter sich so sehr wünscht!

ZigZag-03

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