Digitale Erinnerungskultur – Erinnern leicht gemacht

Von Lisa Eichhorn, Illustration: Franziska Martin

Wie die digitalen Helfer uns das Recht auf vergessen rauben

Digitale Erinnerungskultur ist allgegenwärtig. Schon morgens zeigt mir mein Handy via Facebook an, wer heute alles Geburtstag hat. Facebook-Timelines erinnern mich an Beziehungen, die auf Facebook womöglich schöner aussehen als sie waren. Instagram bietet mir die Möglichkeit, mich an Momente zu erinnern. Auch die Snapchatstory gibt mir tiefe Einblicke in die letzte Nacht auf dem Kiez. Alles soll wiedergefunden werden. Bloß nichts vergessen! Lange genug hat der Mensch darauf hingearbeitet, nichts mehr zu verbummeln, nach Höhlenmalerei, Lehmtafeln, Papyrus und Papier kommt jetzt eben Social Media.

Geschönte Erinnerungen

Für Flaneure wie mich ist die Erinnerungsmaschinerie mehr als praktisch. Ich kann mich in meinem Alltag treiben lassen: Alles andere erledigen Kalenderfunktionen, Gesichtserkennungen, Fotoübertragungen und Co. für mich. Zwei Klicks entfernt finde ich die letzten Jahre kompakt in meinem Facebook-Fotoalbum zusammengepresst. Doch werden unsere Erinnerungen dadurch nicht sogar geschönt? Schließlich erinnern wir uns meistens nur an das Gute, die schlechten Momente werden ausgeblendet. Da wir unsere Social Media-Kanäle schön färben und Profis in der Selbstdarstellung sind, sehen unsere digitalen Erinnerungen vermeintlich auch so aus. Denn wer will schon an die Magen-Darm-Grippe oder die vielen Pannen im Urlaub erinnert werden?

Vergessen schwer gemacht

Peinliche Online-Fotos, Facebook-Einträge, Facebook-Likes, E-Mails… das Internet speichert alles. Keine noch so winzige Information geht verloren. Die digitalen Helfer haben der Gemeinschaft das Recht aufs Vergessen geraubt und ihr stattdessen ein umfassendes Gedächtnis verliehen. Jedoch gibt es Dinge, an die wir uns erinnern lassen müssen, obwohl wir das eigentlich nicht möchten. Eine Freundin erzählte mir erst gestern, dass sie auf Facebook mit der Funktion „An diesem Tag“ schmerzlich an ihren Ex-Freund erinnert wurde. Die Funktion kann man mittlerweile nach Personen filtern, doch um das festzustellen, braucht es erst eine ungewollte Erinnerung. Facebook bietet ebenfalls eine Art Gedenkstätte für verstorbene Mitglieder an. Klar, für die Person, die sie einrichtet, ist dies eine schöne Sache. Doch was ist mit den Freunden oder Bekannten des Verstorbenen? Jeder geht anders mit Trauer und Schmerz um, doch was, wenn ich nicht täglich an den Tod von einem guten Bekannten über Facebook erinnert werden möchte?

Back to the roots

Wahrscheinlich sieht man auch deswegen immer mehr hippe Mit- und Endzwanziger, die analog fotografieren, Plattensammlungen anlegen, Terminkalender führen. „Weg vom Digitalen und zurück zu den Basics“, lautet der neue Trend. Es wird bewusster ausgewählt, woran man sich erinnern möchte. Höre ich eine Platte, verbinde ich mehr damit, als mit der zusammengewürfelten Spotify-Playlist, die für mich nach drei Monaten den gleichen Wert hat wie eine Tütensuppe von Aldi. Ich erinnere mich bewusster. Das gleiche gilt für Fotos: 36 Bilder hat ein Film. Ich wähle bewusster aus, wovon ich später eine Erinnerung haben möchte.

Die Erinnerungsmaschinerie

Die Digitale Erinnerungskultur in den Sozialen Netzwerken ist praktisch, keine Frage. Wie viele Geburtstage oder Veranstaltungen ich ohne Facebook schon verplant hätte, will ich gar nicht wissen. Trotzdem sollten wir uns ein Recht auf das Nicht-Erinnern beibehalten. „Feiert Eure 6-Jährige Freundschaft“, flirrt es auf Facebook. Wer ist das, frage ich mich? Zweimal scrollen und ich weiß mehr. Schade, ich hätte dich gerne vergessen.

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