New Romance

Von Dagny Lack, Illustration: Franziska Martin

Tinder, Bumble, Happn, Ok.Cupid – die Auswahl an Dating-Apps ist so groß wie nie zuvor. Allerdings zeichnet sich ein neuer Trend ab: Immer mehr Services wie Once und Candidate versprechen mehr Romantik in die Welt des Online-Datings zu bringen. Doch wie viel Tiefgang haben die Tinder-Alternativen wirklich? Und brauchen wir diese neue Art der Romantik überhaupt?

Egal ob man die App nutzt oder nicht, wie Tinder funktioniert, dürfte inzwischen jedem bekannt sein. Das Prinzip des weltweit erfolgreichsten Dating-Services ist einfach, aber effektiv: Man verbindet Tinder mit seinem Facebook-Account und muss neben einigen persönlichen Eckdaten (Alter und Geschlecht) seinen aktuellen Standort angeben. Ausschlaggebend ist jedoch letztendlich das Profilbild, da dieses in mehr als 90 Prozent der Fälle über das Match entscheidet. Dann gilt es sich durch die Bilder der anderen User zu swipen, bis einem jemand gefällt. Beruht das auf Gegenseitigkeit, kommt es zum erhofften Match und man kann nun miteinander schreiben und sich im besten Fall treffen.Wie man weiß, sind Tinder-Dates allerdings nicht immer von Erfolg gekrönt. Zwar hat jeder irgendein Pärchen im Bekanntenkreis, welches sich über die App kennen gelernt hat und so als Paradebeispiel dafür dient, dass man via Tinder doch die große Liebe finden kann. Zahlreicher sind jedoch die Anekdoten von mehr oder weniger befriedigenden One-Night-Stands und katastrophalen Blind-Dates mit ungeahntem Akwardness-Faktor. Das liegt vielleicht nicht zuletzt daran, dass die Interessen der Tinder-Nutzer stark variieren. Manche sind lediglich auf der Suche nach einem Ego-Push und sammeln Matches zur Bestätigung des eigenen Marktwerts. Andere wollen nur ein wenig oder viel casual Sex und wenige sind wirklich auf der Suche nach der nächsten Langzeitbeziehung oder gar der großen Liebe.

Wer tindert, hat die Qual der Wahl

Möglicherweise ist es aber auch deshalb so schwer, sich auf ein Tinder-Match einzulassen, weil einem die App schier unendliche Auswahl an potentiellen Partnern suggeriert. Selbst nach einem erfolgreichen Match besteht doch immer die Chance, dass beim nächsten Wischen noch jemand besseres zum Vorschein kommen könnte; dass man etwas verpasst, wenn man sich mit dieser einen Person zufrieden gibt. Denn wer die Wahl hat, hat bekanntlich die Qual. Oder anders gesagt: Wenn man zwischen 30 verschiedenen Eissorten wählen kann, sehnt man manchmal die Zeit zurück, in der es nur Schokolade, Vanille und Erdbeere gab. Nun erscheinen jedoch zunehmend Apps, die eben den Endlosmatchmodus als entscheidenden Makel Tinders identifizieren und daher eine andere, angeblich wertschätzendere, Art des Matchmakings anbieten. Das Motto: Qualität statt Quantität. So agiert zum Beispiel auch Once, ein aufstrebender Dating-Service, der in Europa bereits über eine Million Nutzer verzeichnen kann und in Deutschland seit diesem Mai verfügbar ist.

Weniger Matches, mehr Menschlichkeit

Die aus Frankreich stammende App verspricht mehr Tiefgang: Schon ihr Logo, ein lilafarbener Froschkönig, soll wohl märchenhafte Assoziationen wecken. Statt einer riesigen Auswahl an Matches bekommt man bei Once lediglich einen Partner-Vorschlag pro Tag. Der Clou: Das Matchmaking übernimmt, anders als beim Konkurrenten, kein Computer, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Kuppler haben hierbei allerdings aus Datenschutzgründen keinen Zugriff auf die persönlichen Daten der Nutzer, sondern treffen ihre Entscheidung allein anhand der Profilbilder, bei denen sie nach möglichst vielen Überschneidungen in Setting Stil und Mimik suchen. Wer also im kleinen Schwarzen mit Champagnerflöte posiert, erhält dementsprechend fancy Matches und umgekehrt. Der Nachteil: Dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“ wird so von vornherein eine Absage erteilt.

Alles nur ein Märchen?

Was in der zuckrigen Beschreibung der App nicht erwähnt wird, ist, dass vor dem ach so „handverlesenen Matchmaking“ zunächst ein Algorithmus anhand von circa 40 Kriterien, wie zum Beispiel Alter, Bildungshintergrund, Hobbies und sexueller Orientierung, eine Vorauswahl an potentiellen Partnern trifft. Erst dann werden die Fotos der User an den menschlichen Matchmaker übergeben. So viel anders als Tinder operiert die App dann also doch nicht. Tatsächlich muss man sich auch bei Once nicht mit einem Match am Tag begnügen, denn gegen Geld kann man zusätzliche Flirtvorschläge erhalten. Als „Premium-Member“ kann man sich mit so genannten „Kronen“ die Möglichkeit erkaufen, zwischen den Vorschlägen des Algorithmus’ selbst eine Wahl zu treffen. Eine Tatsache, die die Grenzen zu Tinder verwischen und die rosarote Fassade des Dating-Services fadenscheinig, wenn nicht sogar heuchlerisch, wirken lässt.

Eher fragwürdig ist auch die Tatsache, dass die Mitarbeiter von Once auf Provision arbeiten, da sie nur bezahlt werden, wenn die Gematchten mindestens fünf Nachrichten ausgetauscht haben. Ihre Erfolgsquote liegt allerdings bei gerade mal 33 Prozent. Mit diesem Wissen ist man fast gewillt, auch einem eher unpassenden Kandidaten ein paar Zeilen zu schreiben, damit der Matchmaker zumindest die nächste Miete zahlen kann.

Herzfrequenz statt Bauchgefühl

Um sich von anderen Dating-Services abzuheben, bietet Once noch ein weiteres, abstruses Gimmick: Unter dem Slogan „Listen to your heart“ wirbt die App – no joke-  damit, dass man seine Herzfrequenz messen lassen kann, während man seine Matches studiert. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, so paradox erscheint einem dieses Feature. Müssen wir wirklich erst mithilfe einer App unseren Herzschlag messen, um zu wissen, ob uns eine Person gefällt? Was ist denn nur aus dem guten alten Bauchgefühl geworden?

Zeit für eine neue Romantik

Letztendlich ist Once scheinbar nicht viel romantischer als andere Dating-Services. Nichtsdestotrotz hat Tinder seinen Ruf als „Sex-App“ weg und die Nachfrage nach Alternativen mit mehr Tiefgang und Zauber scheint zweifelsohne zu existieren. Aber warum? Es ist doch mittlerweile gesellschaftlich völlig akzeptiert, zu sagen, man hat seinen Partner bei Tinder, Happn, Ok. Cupid oder, oder, oder kennengelernt. Manche werden Online-Dating sicher immer ablehnen, aber exotisch ist diese Art der Partnersuche schon lange nicht mehr. Trotzdem ist es auch jetzt nur eine von zahlreichen Möglichkeiten, sich zu verlieben. Wir sind ebenso wenig „Generation Tinder“, wie wir „Generation Merkel“ sind. Aber unsere Lebensumstände ändern sich und somit ist es vielleicht auch an der Zeit, dass wir unsere Vorstellungen von Romantik reformieren. Anything goes. Also besteht die wahre Romantik heute vielleicht gerade darin, unter unzähligen Partner-Vorschlägen einer App jemanden zu finden, mit dem man sich gut versteht; Oder aber nach vielen missglückten Tinder-Dates doch eine Person zu treffen, die man wiedersehen möchte; Oder doch den Seelenverwandten inmitten einer Auswahl zu entdecken, die ein wildfremder Matchmaker bei Once für einen getroffen hat.

ZigZag-01

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