Die neue Rory

Von Nina Heinrich; Illustration: Franziska Martin

Wie das Gilmore Girls-Revival A Year in the Life eine veränderte Protagonistin zeichnet und damit den erzählerischen Kern der Serie zum Erlischen bringt

Eigentlich wollte ich ja gar nicht über das Gilmore Girls-Revival schreiben. Eigentlich war ich sehr scharf auf einen Beitrag über die Marvel-Serie Jessica Jones, über die erste Staffel einer Wände, Autos und Aufschneiderjungs zerboxenden Alkoholikerin, die versucht, ihren gedankenkontrollierenden Vergewaltiger zur Strecke zu bringen. Das mache ich nun doch ein andermal. Jüngste Ereignisse auf Netflix, lange angekündigt, lange herbeigesehnt (auch von mir, wie hier zu lesen ist) lenken mein Nachdenken zu einer anderen weiblichen Gallionsfigur des Bewegtbild-Pops, über die ich doch schon geschrieben hatte: Rory Gilmore. So ist das eben mit der Nostalgie. Die Crux der Southpark‘schen Member Berries bringt es auf den Punkt: Zuviel Schwelgen in Erinnerung macht träge, konservativ und verhindert Fortschritt. Also lasst diesen Artikel meine letzten Worte zu der Serie sein, die meine Teenagerzeit stets mit der Frage vereinfachte: „Was würde Rory jetzt tun?“ Diese Rory ist jetzt ’ne Bitch.

„I’m not back!“

Hier beginnen sämtliche Spoiler, vorab jedoch ein kurzer Wrap-Up: Die Drei-Generationen-Geschichte Gilmore Girls lebte ab dem Jahr 2000 sieben Staffeln lang und wurde dann scheinbar abrupt eingestellt, obwohl die Macherin Amy Sherman-Palladino von Anfang an vier letzte Worte geplant hatte, welche die Welt nie erfahren sollte – bis zum 25. November 2016. Denn seitdem sind vier 90-Minüter, die das Leben der Girls für ein Jahr lang weitererzählen, bei Netflix online. So wie bei uns neun Jahre seit Sendeschluss vergangen sind, ging auch in der Serie das Leben weiter. Lorelai ist nun 48 Jahre alt und ihr Look erinnert stark an Fran Drescher. Die nun 32-jährige Rory kehrt nach einem Karrierehoch und danach ausbleibenden Gigs als Journalistin zurück ins Heimatörtchen Stars Hollow. Dem Wunsch, alle Figuren (und die Betonung liegt auf ALLE, puuh…) zusammen zu bringen, kommt Palladino das altbekannte Leiden der Millenials entgegen: Diejenigen, die aus wirtschaftlich stabilem Elternhaus stammen, allen Zuspruch der Welt erhalten, alle Erfolgs-Tore sperrangelweit offen vermuten – um dann doch festzustellen, dass die Welt sie nicht braucht. Mit der im Ort herumstreunenden „Thirty Something Gang“, der sich Rory trotz Heimkehr partout nicht angehörig fühlen möchte, hat Palladino der Realität eine alles nur noch unerträglicher machende Kauzigkeit verliehen. Die Autorin benutzt die Figur Rorys, um den jetzt um und bei 30-jährigen Zuschauern eine größtmögliche Identifikationsfläche zu bieten: im ewig sich selbst umkreisenden Gefühl gefangen, nirgendwo anzukommen. Und nein, es ist nicht nur eine Phase.

Wer ist eigentlich Paul?

Auch für Rory ist es nicht nur eine Phase. Das Jahr geht weiter und die strahlende Streberin von damals wird immer erbärmlicher. Aus lauter Langeweile fliegt sie nach London, um mit ihrem Ex Logan zu vögeln. Logan ist verlobt und sie selbst mit einem gewissen Paul zusammen, der sie eigentlich nicht interessiert. Sie reagiert arrogant und zickig auf die Kritik potentieller Auftraggeber und bleibt deswegen arbeitslos. Zwar könnte Identifikation hier eher gelingen als beim früheren Supergirl, doch fühlt es sich für mich eher so an, als wäre eine gute Freundin, zu der ich immer aufgeblickt habe, auf einmal blöd geworden. Eine Teenager-Vloggerin hätte es in ihrem leidenschaftlich wütenden 40-Minüter „A Year in the MESS“ nicht besser ausdrücken können: „The idea that she just wants Logans dick that badly… I mean, I do! But I don’t see Rory being that way.“ In der Popkultur braucht’s keine Figuren, die alle verdammten Facetten eines Menschen erfüllen, genauso unentschlossen, unberechenbar und undefinierbar sind wie man selbst; Figuren sind Metaphern. Das heißt, auch wenn die entzückende Vloggerin Logan so heiß findet, dass es ihr im Zweifel egal wäre, ob er verlobt ist oder nicht, macht es für sie trotzdem die Grunderzählung von Gilmore Girls kaputt, wenn Rory so handelt.

Rory benimmt sich, als hätte die Figur über die Jahre gemerkt, dass sie Protagonistin einer Fernsehserie ist, die geliebt wird. Sie stellt zwar fest, dass sie versagt, zieht daraus jedoch keine Rückschlüsse auf Probleme in ihrem Charakter, wie man es eigentlich von ihr erwarten würde. Die „echte“ Rory hat durchaus ethische Spitzen zu verzeichnen. Sie hat sich nur deswegen in Hilfsprojekten engagiert, um bessere Chancen für Harvard zu haben, war lange in Jess verliebt und dabei mit Dean zusammen, um, nachdem Jess sich aus dem Staub gemacht hat, vom verheirateten Dean staatstragend entjungfert zu werden. Doch sie hat gelitten. Sie musste für den Anlass, das Richtige zu tun, einen Wimpernschlag lang zweifelhaft handeln. Dafür war sie Rory Gilmore. Für egoistisches, kindisches Verhalten hatte man ihre Mutter Lorelai.

Circle of Life

Rory schreibt im Comeback schließlich ein nicht-fiktionales Buch über das Leben von ihr und ihrer Mutter mit dem Titel „Gilmore Girls“, wobei man sich fragt: Wen sollte die Geschichte von irgendeinem Leben irgendeiner Frau aus einem kleinen Ort in Connecticut interessieren, wenn es nicht zumindest ein Roman ist? Solche Stilmittel sind lazy writing, um in all dem Schmuddel von Rorys Dasein als Thirty-Something einen Pseudo-Sinn zu erfinden. Der Kreis schließt sich und so weiter. Apropos Kreis des Lebens: Die letzten vier Worte sind dann „Mom“, „Yeah?“, „I’m pregnant“. Der König der Löwen lässt grüßen. Vom Disney-Film war ich als Kind auch großer Fan, doch so langsam schlagen mir diese Wiederholungstat-Narrative auf den Mittzwanziger-Magen. Rory wurde natürlich von Logan geschwängert und wird das Kind mit Jess gemeinsam aufziehen – äquivalent zur Lorelais Christopher und Luke. Wenn nicht einmal Rory weiß, wie man bereits dagewesene Muster durchbricht und Dinge – nicht zwangsläufig besser – anders macht als die Vor-Generation – wie sollten wir ganz gewöhnlich-reale makelbehaftete Wesen aus Fleisch und Blut dann dazu fähig sein? Und ja, ich bin „Team Jess“ wie man immer so schön sagt, aber nach dieser Online-TV-Odyssee halte ich Jess für zu gut für Rory.

Bei einer Cast-Reunion noch bevor die Pläne zum großen Netflix-Revival fixiert waren, wurde Rory-Darstellerin Alexis Bledel gefragt, was sie glaube, wen Rory später einmal heiraten würde: Dean, Jess oder Logan? Ihr Antwort: „Gar keinen.“ Sie glaube, Rory würde sich vor allem auf ihre Karriere konzentrieren, um dann als erfolgreiche Journalistin jemand ganz Neues kennenzulernen. Was interessiert Keeper Rory der Mief von gestern? Ja, Alexis, das dachte ich auch. Seufz. Die Zeit ist reif für einen Projektionswechsel. Zukünftig werde ich mich wohl fragen müssen: Was würde Jessica Jones tun? Auch wenn es um Wodka geht. Prost.

ZigZag-05

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