Etwas passiert

Von Jörg Ehrnsberger; Illustration: Franziska Martin

Als Storytelling-Trainer hat Jörg Ehrnsberger den Umbruch lieben gelernt: Denn nur hier entstehen die wahren Geschichten.

In unserem Projekt Literaturwegen sind wir immer auf der Suche nach Geschichten, manchmal auch nach der einen Geschichte, die erklärt, was einen Ort oder einen Menschen oder eine Gruppe bewegt hat, etwas zu tun. Oder zu lassen. Oder darüber zum Nachdenken gebracht hat, etwas zu tun. Oder eben zu lassen. Wir begeben uns auf die Suche und wissen meist vorher nicht, was wir finden werden. Auf der einen Seite spannend, auf der andren Seite – für unsere Auftraggeber, die uns bezahlen sollen – mitunter etwas erklärungsintensiv.

Geschichten sind dort, wo Teilnehmer sie am wenigsten vermuten

Vielleicht vorab: Was machen wir, warum tun wir das genau und wie funktioniert das?
Wir versprechen den Auftraggeber Content, authentische Geschichten, geschrieben von echten Menschen mit einer echten Erfahrung. Die besten Geschichten sind oft gar nicht die, von denen unsere Teilnehmer auch vorab denken, dies wären die geeignetsten Geschichten. Die Geschichten an der Oberfläche sind oft zu glatt. Wir finden die Geschichten meist in Umbruchssituationen im Leben unserer Teilnehmer. Das Anwendungsfeld ist weit, denn – so glauben wir – spannende Geschichten gibt es überall. Wir haben in den letzten 15 Jahren mit Zeitzeugen der NS-Zeit gearbeitet, mit sehbehinderten Besuchern einer Landesgartenschau, mit einem Kinderfußballclub, mit Bewohnern von Dörfern und Großstädten, mit Studierenden. Wir haben auf Theaterbühnen geschrieben, in Schulklassen oder in einem 500 Jahre alten Rathaus. Wir haben nüchtern geschrieben und auch mal im Sonderformat „Drink and Write“ mit etwas Unterstützung. Wir haben in Deutschland, Spanien, Polen und den Niederlanden unsere Projekte durchgeführt. Unsere jüngste Teilnehmerin war acht und unsere älteste 86 Jahre alt.

Und immer finden wir – oder finden unsere Teilnehmerinnen ihre Stories an Momenten des Umbruchs: Eine Tochter einer NS-Zeitzeugen fand auf dem Dachboden ein Buch, das die Familiengeschichte aus den Angeln hob. Eine Schülerin des Fußballclubs schrieb eine Story über ein Tor, das ihre Situation in der Klasse veränderte. Auf dem Boot entstand eine Geschichte über ein Kind, das in einem Weiher ertrank. Alles Situationen eines Umbruchs, viele davon wahr oder von wahren Begebenheiten inspiriert, dem Leben abgelauscht.

Geschichten müsen nicht schön sein, sondern etwas erzählen

Manche unserer Auftraggeber sagen vorab, sie hätten gern „schöne Geschichten“, nette Geschichten, die sich gut lesen lassen und bei denen niemandem auf die Füße getreten wird. Wir sagen: Ja, natürlich, denn uns ist klar, was Sie meinen. Nach dem Projekt ist unseren Auftraggebern dann auch klar, was wir meinen: Schöne, nette Geschichten sind langweilig. Sie erreichen niemanden wirklich, sie sind dann wie ein Werbespot, der sich zwar perfekt anschauen lässt, der aber niemanden berührt und an den sich niemand erinnert.

Interesse entsteht da, wo sich etwas verändert, wo wir beobachten können, wie sich Menschen in für sie ungewohnten Situationen verhalten, in Situationen, wo etwas auf dem Spiel steht. Douglas Adams hat sich vor Jahren schon in seiner fünfbändigen Trilogie Per Anhalter durch die Galaxis den Spaß erlaubt, über Seiten zu beschrieben, wie die Hauptfigur Arthur Dent die Treppe runter geht, sich die Zähne putzt, Zeitung liest und so weiter; Nur um dem Leser zu beweisen, dass es nicht eben spannend ist, wenn nichts passiert.

Jeder hat eine Geschichte

In unseren Workshops, die zwischen einem Tag und mehreren Wochenende dauern, haben wir oft Gruppen mit einem gemeinsamen Interesse. Sei es Fußball, sei es ein Stadtteil- oder ein sonstiges Thema. Wir ergründen mit unseren Teilnehmern, wie Shortstories aus Autorensicht funktionieren, wie man sie konstruiert. Natürlich gibt es keine Patentrezepte, aber es gibt ein paar Bauprinzipien, die wir uns aus den letzten 2000 Jahren der Literaturgeschichte zusammengesucht haben. Von Aristoteles über Goethe bis hin zu Methoden des Creative Writing und Storytellings.

Indem wir uns in ersten Schreibaufgaben den Bauprinzipien von Geschichten annähern, tauchen wir auch immer tiefer in das jeweilige Thema ein. Aus den Ideen der Teilnehmer aus deren Erzählungen entwickelt sich für uns ein Bild des Themas. Manchmal kommen auch Teilnehmer mit sehr konkreten Ideen oder gar fertigen Geschichten zu uns. Aber oft ähneln diese Geschichten dann den Erlebnissen von Arthur Dent: Zwar passiert einiges, aber nicht wirklich viel Interessantes. Deshalb gehen wir mit unseren Teilnehmern immer dahin, wo die Umbrüche stattfinden, denn da passieren die spannenden Geschichten.
Und warum tun wir das alles? Weil wir lernen möchten von den Menschen und ihren Geschichten.

Die Geschichte der Anderen

In einer Welt, die sich fast täglich verändert, in der in den Zeitungen immer große – oft auch nur tagesaktuelle – Prognosen stehen, ob es nun schlimmer oder besser wird, ist es für uns spannend, Geschichten von den verschiedenen Leuten zu sammeln. In ganz verschiedenen Zusammenhängen. In verschiedenen Formaten. In verschiedenen Altersstufen. Zu sehen, was sie sehen. Zu hören, wie sie Dinge und Zusammenhänge beschreiben. In Geschichten steht viel zwischen den Zeilen, auch lässt sich viel hineinlesen – jede Geschichte vollendet sich ja bekanntlich erst im Kopf des Lesers. Bei jeder Geschichte, die wir begleiten, lassen uns die Verfasser auch ein klein wenig in ihr Leben und Erleben eintauchen. Wir unterrichten zwar Storytelling, doch glauben wir, dass bei einem guten Prozess das Lernen in beiden Richtungen funktioniert. So lernen unsere Teilnehmer von uns über das Schreiben und wir lernen von ihnen über das Leben. Und da in Geschichten immer wieder Umbrüche im Leben beschrieben werden, weil man dann am meisten über die einzelnen Charaktere lernen kann, lernen wir auch so enorm viel von unseren Teilnehmern. Sie nehmen uns in ihre Umbrüche mit. Wir lernen von der Zeitzeugin der Nazi-Zeit, von der sehbehinderten Autorin, von der Drittklässlerin, die über ihr letztes Fußballspiel schreibt.

ZigZag-04

Advertisements

Submit a comment

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s