Land in Sicht

Von Simon Rösel; Illustration: Franziska Martin

Wie die Essener Band Festland sich durch einen Umbruch neu erfand.

Als Syd Barrett 1975 in den Abbey Road Studios auftauchte, waren Pink Floyd gerade dabei, ihr neues Album aufzunehmen. Die Band sagte, dass sie ihren alten Freund und Bandgründer zunächst nicht wieder erkannten, so aufgedunsen und offensichtlich verwirrt war er. Vielleicht schwang auch das schlechte Gewissen mit, nachdem ihn Roger Waters und David Gilmour aus seiner eigenen Band geputscht hatten. Doch ein Gutes hatte die Geschichte dann doch, denn diese Begegnung mit der Vergangenheit wurde zur Basis ihres einzigen guten Albums  Wish you were here. Dort verabschiedet sich die Band mit dem elegischen Shine on you crazy diamond von Syd Barrett und wünscht ihn sich im Titelsong dann irgendwie doch zurück. Pink Floyd haben so den Umbruch ihrer eigenen Bandbiographie verarbeitet. Denn ein Umbruch ist für gute Kunst das, was ein Zeilenumbruch für einen Epilog ist. Die richtige Geschichte beginnt danach.

Auch die Band Festland hatte 2012 mit dem Tod von Fabian Weinecke einen Umbruch zu verarbeiten.

Der Essener Künstler schrieb bis dahin die Texte für alle Festland Songs, gestaltete das Bandlogo und malte die Albencover. Auch wenn er selbst kein offizielles Bandmitglied war, hat er die Band doch zu einem wesentlichen Teil mitgeprägt, sowohl in ihrer künstlerischen Aussage, als auch in ihrem Erscheinungsbild, das ja im Idealfall zu dieser Aussage passt. Doch auch, wenn es nach Weineckes Tod noch vier weitere Jahre dauerte und somit ihr letztes Album Welt verbrennt sechs Jahre zurückliegt, haben sie diesen Herbst eine neue Platte veröffentlicht. Die heißt Doch die Winde weh’n und statt der alten Instrumentierung aus Schlagzeug, Bass und Keyboards spielen sie darauf vor allem Geige, Kontrabass und Percussions. Ein Akkustikalbum also – eine der größten Grausamkeiten, die Musiker gemeinhin fabrizieren, wenn sie in einer Krise stecken. Doch während es bei anderen eine reaktionäre Besinnung auf „echte“ Instrumente ist, findet bei Festland eine Weiterentwicklung statt. Und die ist ziemlich gut. Denn die minimalistischen Muster, die Geiger Yoshino, Bassist DDFM und Percussionist Thomas Geyer übereinander schachteln, betten die hinterlassenen Texte von Fabian Weinecke zu Songs wie Geld mit seiner programmatischen Botschaft:

Geld ist nicht unser Gott / Und die Natur nicht unser Freund

Das Tolle an diesen Zeilen ist, dass sie in alle Richtungen austeilen. Gegen geldgeile Karrieristen genauso wie gegen naturverbundene Hippies. Und während sich die verkopften Systemkritiker schon die Hände reiben, dreht sich der Song vom Politischen ins Private: Geld ist nicht unser Gott / Und die Natur nicht unser Freund / Sagst du heut Nacht zu mir / Und hältst mich fest bis zum Morgengrauen. So ist am Ende niemand richtig zufrieden, außer ein paar wenigen, die sich am liebsten nicht entscheiden wollen. Doch es sind gerade die herausragenden Texte, die automatisch die Frage aufwerfen, wie viele davon überhaupt noch existieren. Denn obwohl ein Cover wie das von Kraftwerks Schaufensterpuppen sofort als Festlandstück durchginge, zählt zum Beispiel die Vertonung des Joseph von Eichendorff-Gedichts Auf kühlem Grunde zu den schwächeren Songs. Die besten Weinecke-Texte dagegen, saugen einen förmlich in die Songs und die Musik hinein, vor allem im Eröffnungsstück 1000 Meilen und dem Titelsong Doch die Winde weh’n. Und gerade dann, wenn Festland live spielen, entfaltet sich dieser Sog, der an der eigenen Aufmerksamkeit zieht. Das liegt vor allem daran, dass sie – abgesehen von einem kleinen Gitarrenverstärker –  gänzlich unverstärkt auf der Bühne stehen. Das Publikum sollte also von vornherein ruhig sein, um den Songs überhaupt folgen zu können und die Band nutzt diese angenehme Atmosphäre, um befreit aufzuspielen. Dazu passt, dass der Raum beim Konzert in Hamburg im Wesentlichen mit wohlerzogener Indie- und Kunst-Szene gefüllt war. Wer sollte auch sonst auf ein Konzert gehen, bei dem die Band den ernsten Duktus ihrer Songs mit einer Studio Braun-Komik bricht. Durch pathosgeladene Blicke oder die Geige, die Yoshino wie eine Ukulele spielt und sich damit über Geigenspieler und Ukulelenzupfer zugleich lustig macht.

Gleichzeitig so offensiv feuilletonistisch und doch so toll zu sein ist die große Leistung der Festland-Auftritte.

Und sobald wird sich das auch nicht ändern. Denn obwohl die Weinecke-Texte keine intellektuellen Abhandlungen sind, sondern eine angenehme Naivität ausstrahlen, sind die Songs nicht besonders zugänglich. Das wird zum Teil daran liegen, dass die Stücke teilweise so klingen, als ob Minimalpionier Steve Reich plötzlich Popsongs statt klassischer Hochkultur machen würde. Vielleicht ist es aber auch der Gesang von Geyer und Yoshino, der seltsam körperlos erscheint, da sie die meisten Lieder unisono singen. Ganz so, als ob sie nur zusammen diese Stimme entstehen lassen können, die Weineckes Texte singt. Und irgendwo zwischen diesen geisterhaften Stimmen, der neuen Instrumentierung und den intimen Live-Auftritten liegt wohl das besondere Geheimnis des neuen Festland-Albums verborgen.

Syd Barret wurde nur durch seine Abwesenheit schließlich zur Pop-Legende und Pink Floyd –  nach einer aufregenden, aber kurzen Phase – zu einer verspießten Institution der modernen Popmusik. Für Festland ist das anders. Sie bewegen sich weit unter dem Radar, dort wo es darum geht, überhaupt wahrgenommen zu werden und man plötzliche Stiländerungen eher verzeiht. Zumindest dann, wenn sie so gut funktionieren wie hier.

ZigZag-06

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