Das Andere wählen, das Andere sein

Von Sina Kraushaar; Illustration: Franziska Martin

„I am your worst fear. I am your best fantasy.“

Umbruch. Muss man nicht erst draußen sein, um zu wissen, dass ein Umbruch geschehen muss? Draußen im Sinne von marginal, an den Rand gedrängt, unbemerkt und ohne Stimme…Und bedeutet Umbruch nicht auch, für eine Stimme in der öffentlichen Meinung kämpfen zu müssen? Sich eine Stimme zu verschaffen auf den Straßen, auf Plätzen, in Kirchen oder Parlamenten, obwohl man vielleicht nicht angehört werden soll? Die schlimmste Angst und die beste Fantasie – was hier nicht nur die Titelillustration ziert, inspiriert von einer damaligen Aktivistin, soll als eine Entität gedacht werden. Fast widersprüchlich möchte man meinen, aber dennoch ein manifestes Statement, das sich die gay liberation Ende der 60er auf die Fahnen geschrieben hat.

Die gay liberation nutzte dieses Statement, um die Gesellschaft zu einem Umbruch besonders in ihrem Denken und ihren Zuschreibungen zu bewegen. Die Fotografie einer jungen Aktivistin, die neben ihrem Coming Out ebenso mit den Klischees und Fantasien des heterosexuellen Bürgers spielt, strahlt einen unglaublichen Stolz aus: Ich stehe hier, weil ich weiß, dass ihr mich alle nicht hören wollt, und jetzt stehe ich hier auch noch mit einem riesigen Plakat und bedrohe dich, den WASP (White Anglo-Saxon Protestant); den weißen, heterosexuellen Spießbürger, der es vielleicht gut findet, wenn sich zwei Frauen aus Spaß küssen, aber niemals verstehen würde, dass sie sich lieben, sich respektieren, sich gefunden haben.

Freiheit der Queerness

Die Angst vor dem Anderem – in dieser Zeit die Stigmatisierung des Homosexuellen verbunden mit polizeilicher Verfolgung – erscheint uns heute als intolerante Geschichte in einer Vielzahl von Geschichten marginaler Gruppen. Der Slogan der homosexuellen Bewegung in den USA bedeutete vor allem Aufschluss darüber, welche Dimensionen der weite Begriff „queer“ hat. Queer ist unscharf und nebulös zwischen „best fantasy“ und „worst fear“ in einer von Geschlechterhierarchie geprägten Gesellschaft. Es geht nicht darum, gefragt zu werden, sondern eher darum, zu fordern: Freiheit einzufordern und sich Strukturen schaffen, die diese Matrix wie auch immer man sie betiteln möchte, nicht wiederholen.

David Remnicks Artikel im New Yorker nach dieser dunklen, viel zu langen US-amerikanischen Wahlnacht zeichnet mit seinen Aneinanderreihungen und Metaphern, von denen man dachte, sie wären schon längst Geschichte, das Bild einer amerikanischen Tragödie nach: Rassismus, Misogynie, autoritäre Macht, Xenophobie und White Supremacy. Die endlosen Skandale, die genau diese Matrix der Macht reproduzierten, waren null und nichtig für einige Wähler, solange versprochen wurde, Amerika wieder mächtig, groß, großartig zu machen – the bigger, the better.

„Make America great again“ kann man nicht als Antwort verstehen, sondern als Floskel. Ebenso ist Sarkasmus hier fehl am Platz. In Remnicks Artikel, anders als in den sozialen Medien, spricht kein tief desillusionierter Autor, sondern der pure Ernst und die vehemente Aufforderung dieser Welle des Autoritären nicht nachzugeben und zu kämpfen für die Freiheit in jeglicher Form: „Trump […] will strike fear into […] the many varieties of the Other whom he has so deeply insulted. The African-American Other. The Hispanic-Other. The female Other. The Jewish Other and Muslim Other.“

Angry auf Anders

David Remnick spricht genau hier einige der vernachlässigten Buchseiten der amerikanischen Geschichte an, die vom jetzt gewählten Präsidenten der USA ignoriert, instrumentalisiert und schließlich stigmatisiert wurden, und Remnick fragt sich ganz zu Recht: Soll das nun wirklich in den folgenden Monaten in den Medien versiegen, die ganzen Skandale heruntergespielt werden? Die dunkle Seite der Macht, für die Trump steht, wird mit Samthandschuhen angepackt und ummantelt werden mit einer brüchigen, aber dicken Schicht Normalisierung. Traurig aber wahr. Was kann man dem misogynen, xenophoben und autoritären „angry white man“ entgegensetzen?

Zunächst einmal die Form der umgekehrten Denkweise in Bezug auf den Blick des Anderen. Denn es geht um Sichtbarkeiten und um uns, die sich selbst nicht ausschließen sollten, wenn es um den Blick des Anderen geht. Es geht um Werte wie Empathie, Fürsorge und Hoffnung und vor allem um ein Verständnis für verschiedene Perspektiven. Der Satz „I am your worst fear. I am your best fantasy“ fängt die Grundidee eines jeden Umbruchs ein und sie könnte auch der Tod einer unreflektierten und auf leeren Versprechungen basierenden Macht sein.

„I want a candidate who isn’t the lesser of two evils.“

Es war daher ganz richtig, vor der Wahl mitten im Park der ehemaligen Güterzugtrasse im Westen Manhattans, eine künstlerische Arbeit aus der Vergangenheit hervorzuholen, die auf einmal so gar nicht vergangen schien. Die Arbeit war damals schon subversiv, und ihre Macherin wünschte sich so innig, dass kein weiterer „angry white man“ das amerikanische „weiße“ Haus bezog.

Die Arbeit wurde ihrer Zeit entrissen und aktualisiert, in New York, wo damals schon die gay liberation in der Bar „Stonewall Inn“ im Juni 1969 ihren Anfang nahm und wo man sich bis zuletzt herbeisehnte, dass nun die erste Frau Präsidentin der United States werden würde. Die künstlerische Arbeit, in Form eines Gedichts der Künstlerin Zoe Leonard aus den frühen 1990er wird auf der „High Line“, der bepflanzten Hochbahntrasse reinszeniert. Auf einem riesen Betonpfeiler wurde Leonards Gedicht erneut öffentlich sichtbar und subvertierte all das, was in diesem Wahlkampf zwischen „Make America Great Again“ und „Locker-Room Talk“ passierte. In I want a president geht es im Wesentlichen um die Forderung nach Präsident_innen, die aus der Mitte dieser Minderheiten kommen, kein Typ Frau oder Mann oder x, der vom Tellerwäscher zum Millionär wurde, sondern jemand, der empathisch denken kann, politische Sensibilität besitzt und einsteht für das, was gesagt wurde.

„I want a dyke for a president“

 Die Wiederholung „I want…“ entwirft eine Potenzialität, die bis ins Unendliche weitererzählt werden kann. Die Liste der marginalen Gruppen lässt sich beliebig weiterführen. Allein durch das repetitive „I want“ wird die Geschichte horizontal erzählt und nicht von oben nach unten.

president

Die Parallelität, die diese Arbeit zu unserer Zeit aufweist, ist nahezu erschreckend. Denn leider finden wir uns wohl in einer ähnlichen Situation wieder, die Leonard bereits 1992 aufzeigt. Zoe Leonard schrieb I want a president zu einem Zeitpunkt, als die amerikanische Lyrikerin und Autorin Eileen Myles mit ihrer „Openly Female“Wahlkampagne als unabhängige Kandidatin gegen George Bush, Bill Clinton und Ross Perot kandidierte. Leider würde Leonards Hoffnungsträgerin aber nicht als amerikanische Präsidentin in die Geschichte eingehen. Ihr Gedicht allerdings wurde damals vielfach publiziert, in einem Magazin für Queer Culture, zwischen ihren Künstlerfreunden und schließlich neu aufgelegt als Postkarte des feministischen genderqueer Journals LTTR. In diesem Jahr rezitiert der Künstler und Performer Mykki Blanco ihren Text in einem Video, weltweit abrufbar.

Zeichen setzen

Diese künstlerische Form des Protests ist ein produktiv-umgekehrtes und der Zeit entlehntes Zitat, das kein Erbe und die Errungenschaften von bisherigen Diskursen und Protesten rezitiert, sondern Möglichkeiten eröffnet, zukünftige Missstände zu erkennen und konzeptuell ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Geschichte keine einzige Wiederholung ist, sondern durch Kontexte und Strukturen bestimmt ist, die aktiv verändert werden können.

Es geht um die Handlungsfreiheit als Subjekt, um Gleichheit in jeder öffentlichen Sphäre vom täglichen Broterwerb bis zum Kinogang, und natürlich um die Forderung nach Akzeptanz jeglicher Gesinnung, in der Liebe oder Sexualität, egal wie sie ausgelebt wird. Es geht darum, Grenzen zu verflüssigen. Gerade diese Zeit fordert uns, jung bis alt, als Freiheitskämpfer_innen  im öffentlichen Raum, sie fordert uns, unsere Gesinnung, egal ob auf Sexualität oder prekäre Arbeitssituation bezogen, unser Innerstes und Privates nach außen zu kehren und somit einen politischen Akt vollziehen. Nur noch ein letzter Satz, ein viel zu kurzes Statement:

Martin Schulz, go for it!

(Für andere Meinungen bin ich offen, siehe Kommentarleiste)

ZigZag-02

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