Die Kunst der Kommunikation

Text & Illustration: Franziska Martin

Ein Plädoyer für einen Umbruch beim Zuhören.

Gestern Nachmittag wollte ich mir noch schnell ein Croissant beim Markt um die Ecke holen und stand wartend vor einer kleinen portugiesischen Imbiss-Bude.
Der Inhaber, der die wartende Schaar von Leuten vor mir mit Pommes beglückte, wirkte auf mich sehr freundlich. Die verhärmt wirkende Frau daneben jedoch guckte in die Luft und machte keinen Anstand, auch nur einen Finger zu rühren. Als ich sie ansprach, funkelte sie mich an und wedelte mit den Armen in Richtung Besitzer. Ein Verhalten über das ich mich nachträglich ärgerte – bis mir schließlich aufging, dass sie wahrscheinlich kein Deutsch sprechen konnte.

Das Kommunikations-Orchester

Die Fähigkeit zu kommunizieren, mit den Augen, mit den Händen oder ganz klassisch mit der Stimme, ist in unserer Gesellschaft quasi eine Grundvoraussetzung, um am öffentlichen Leben teilzunehmen. Klar, denn der Mensch ist ja auch ein kommunikatives Wesen, werden jetzt diejenigen sagen, die in der Schule und im Leben gut aufgepasst haben. Und so ist es ja nur selbstverständlich, dass sich bei uns auf der Arbeit, im Privatleben und auch im öffentlichen Raum vieles um das geschriebene oder gesprochene Wort dreht. Menschen reden, tratschen, schreiben. Aber der Ton macht die Musik. Was jedoch passiert mit denen, die aus verschiedenen Gründen nicht kommunizieren können, sei es, weil sie die jeweilige Landessprache nicht beherrschen oder sonstige Beeinträchtigungen haben?

Stottern, Angst und Mut: Der Film „Stutterer“

Ein Oscar-prämierter Kurzfilm, der genau dieses Phänomen beschreibt, heißt „Stutterer“ und wurde von Benjamin Cleary gedreht. Hauptdarsteller Matthew Needham spielt hier den scheuen Typographen Greenwood, der, wie der Titel schon vermuten lässt, unter einem Sprachfehler leidet. So versucht Greenwood jegliche Gespräche mit fremden Menschen zu vermeiden und bringt sich selbst die Gebärdensprache bei. Wie ein roter Faden zieht sich die missglückte Kommunikation zwischen Greenwood und dem Unternehmen Umbrella Broadband durch den Film: Die Herren und Damen vom Unternehmen sind schlichtweg nicht geduldig genug, um sich die Zeit zu nehmen und zu warten bis Greenwood einen vollständigen Satz gebildet hat. Neben seinem Vater ist die Facebook-Freundschaft mit einer Dame namens Elli die einzige Kommunikation, die Greenwood pflegt. So still und isoliert er von außen jedoch wirken mag, so sehr spielen sich in seinem Inneren Welten ab. Und genau das ist die große Stärke des Films: Die Worte und Gedanken, die sich in Greenwood abspielen, werden ausgesprochen und offenbaren seine Kreativität und Aufgewecktheit. Seine große Angst vor der Konfrontation mit anderen, aber auch sein Mut, seine Situation zu verändern werden gezeigt. Davon, die Facetten zwischenmenschlicher Kommunikation darzustellen, lebt der Film. Die Fallstricke der Kommunikation in der Kunst finden sich auch im Alltag wieder. Aber nicht nur einzelne Menschen, auch Institutionen, Parteien und Medien geben ihre Melodie zum Kommunikations-Orchester unserer Zeit.

Öffentliche Botschaften

Kommunikation im öffentlichen Raum, beispielsweise in Form von Plakaten und Info-Tafeln, erschlagen einen manchmal förmlich mit Informationen. Dies betrifft nicht nur die klassische Werbung, die um die Aufmerksamkeit verschiedener Zielgruppen buhlt. Auch Politiker und ihre Parteien versuchen sich zur anstehenden Bundestagswahl 2017 schon jetzt zu positionieren. Die SPD wirbt zurzeit zum Beispiel mit einer betont unaufgeregten und deswegen durchaus sympathischen Kampagne namens „Meine Stimme für Vernunft“. Die Plakate zeigen Slogans wie „Unser Land braucht Zuversicht. Keine Panikmache.“ oder auch „Unser Land braucht Sicherheit. Keine Brandstifter.“. Inzwischen auch Teil der Parteien-Lanschaft: die viel diskutierte Alternative für Deutschland (AFD). In den Anfängen noch ansatzweise liberal, jetzt im rechten Flügel zu verorten, hat sich die AFD gefühlt in Sekundenschnelle zu einer der populistischsten Parteien Deutschlands entwickelt. Ihre Mitglieder können Plakate spenden, auf denen stenographische Botschaften wie „Grenzen sichern. Bürger schützen. Innere Sicherheit wiederherstellen!“ oder aber auch „Ja zu Vater, Mutter, Kind – Familie braucht Schutz“ geschrieben steht. Was aber Schutz bedeutet, entscheidet jeder für sich.

Zwischentöne und die berühmt-berüchtigte Kernbotschaft

Politische Kommunikation ist ein Feld für sich – und doch lassen die einzelnen Plakatslogans durchaus erahnen, wie und zu welchem Zweck Sprache benutzt wird, um sich politisch für den Wähler zu positionieren. Was und wie sagt die jeweilige Partei etwas, welche Werte und Familienbilder offenbaren sich? Welche Wählergruppe möchte die Partei ansprechen? Es lohnt sich, da genauer hinzusehen und auf die Zwischentöne zu achten.

Aber nicht nur bei Plakaten von Parteien, auch bei jeder anderen Kommunikation zwischen verschiedenen Gruppen und Menschen ist es wichtig, genau hinzuhören. Sonst entgeht einem vielleicht die Kernbotschaft. Auf die Zwischentöne hätte ich auch bei der Frau mit den funkelnden Augen mal besser achten sollen. Manchmal ist eine Botschaft, die ankommt, nicht das, was sie scheint.

ZigZag-06

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