Lasting Loop

Wie das Cliffhanger-Prinzip in Erzählungen urmenschlichste Ängste und Wünsche bedient

Von Nina Heinrich, Illustration: Franziska Martin

Albtraum von jeder Seriendramaturgie ist das Auserzählen. Wenn ein Strang dem Drehbuch für einige Zeit entwischt, flattert dieser trotzdem weiter vor sich hin, hat noch seine Daseinsberechtigung im Universum der Erzählung. Es gibt also ein Tool, das den friedlichen Abschied von der Geschichte unbedingt verhindert und die Spannungskurve im letzten Augenblick mit aller Macht wieder nach oben zehrt: den Cliffhanger. Er versetzt in tiefe Unruhe und löst dennoch Vertrauen aus, denn er scheint zu versprechen, dass es schon irgendwie weitergeht. Er ist das Gegenteil von Endgültigkeit, einlullendes Vehikel für ein beständiges Gefühl, die Welt würde sich drehen, und dafür, wie angenehm es sein kann, die Fortsetzung nicht zu kennen.

Vom Sterben

Keine Serie setzte den eigenen Tod des „The End“ so sprichwörtlich um wie Six Feet Under, indem sie durch eine Odyssee der Kamerafahrt in die Zukunft zeigt, wie jede einzelne Figur der Staffeln stirbt, die Protagonisten einer Geschichte aus dem Leben der Zuschauer scheiden lässt. Vielleicht vermag nur die vollständige Auslöschung des Erzählungskosmos‘ wirklich etwas zu beenden, die Storylöcher zu vergeben, sich wieder dem eigenen sehr aktuellem wie sehr unabgeschlossenem Ereignis-Morast zuwenden zu können. Solange es Existenz gibt, gibt es Reibung, Handlung, Verpflichtung, Vermutung, Ko-Existenz und damit Cliffhanger. So waren einige der letzten Worte des Die Dinos-Protagonisten Earl: „Ich hab‘ kapiert, dass es ein Fehler war, diese Wachsfrüchtefabrik einfach in den Sumpf da zu klotzen. Klar, Wachsfrüchte sind zwar irgendwie wichtig, aber Schwarmkäfer auch.“ Die Saurierspezies stirbt und damit erst die Erzählung selbst.

Vom Beginn

Der Cliffhanger dagegen versichert, egal, wie vernichtend und dramatisch eine Folge endet, es geht weiter – eine Erzählweise, die nicht unbedingt Rezeptionsgewohnheiten von anno sonst wann bedient, aber durchaus Common Sense darstellt, seit die Faszination des ungewissen Hängens, Hauens und Zauderns auf die menschliche Psyche deutlich geworden ist. Bevor die Romanfigur Thomas Hardy vor über hundert Jahren in A Pair of Blue Eyes als mehrteiliger Zeitungsabdruck einfach verzweifelt an einer Klippe hängend zurückgelassen wurde, sahen Autoren keinen Sinn darin, aufzuhören, solange das bittere Ende nicht erzählt ist.

Vom Drama

Erinnern wir uns an die klassische Drei-Akt-Struktur eines Dramas: Exposition, Entwicklung und Auflösung. Danach sollen alle Antworten gegeben sein, die es braucht, um den Konflikt ziehen zu lassen. Die serielle Dramaturgie lässt die Lösung nur langsam und leise, aber hoffnungsvoll anbahnen, um dann im vermeintlich letzten Augenblick der Harmoniebedürftigkeit ein bitteres Schnippchen zu schlagen. Etwas kommt dazwischen: Ein Unfall, ein Ex, ein Geheimnis, eine Kündigung, ein Versagen, ein Irrtum, eine Begegnung, eine Rechnung, eine Schwangerschaft, etwas. Die Lust an der Serie ist die Lust am nie enden wollenden Problem. Nichts ist prickelnder, als die rauen Felswände in ihrer überhaupt nicht konfliktlösungsfreudigen Art an den Handflächen und den Abgrund unter sich zu spüren – solange man weiß, dass man ja doch nicht fällt. Das wäre ja auch wieder nur ein vermaledeites Ende.

Vom Zoff

Wie viel Spaß ein komplettes Minenfeld des emotionalen Ballasts machen kann, solange sich die ganz persönliche Betroffenheit eher außen vorhält, beweist die Popkultur am laufenden Band. Wer die mittelschweren Stolpersteine auf dem Leidensweg eines Protagonisten mit Aufmerksamkeit verfolgt, testet auch an den Widerständen im eigenen Leben hier und da mal ganz gerne rum. So gibt es wohl kaum eine ehrlichere Form des Austauschs, die herausfordert und provoziert, als den Streit, reine zwischenmenschliche Dysfunktionalität, was gewissermaßen reizvoll sein kann. Comedian Iliza Schlesinger macht aus dem unbeliebten „Streit anfangen“ eine produktive, eigentlich sogar sehr kreative Tätigkeit ähnlich einem Zaubertrick oder einer Showeinlage in der Geschichte ihres perfektesten, rundesten Fantasie-Breakups inklusive Krokodilstränen, Street Fight, Publikum und Pointe. Nicht selten versteht man auch die Welt nicht mehr im Handlungskosmos der Protagonisten einer Serie, die den Konflikt gewissermaßen mit zurück gekrempelten Ärmeln, angespanntem Bizepse und viel Elan an den verwaschenen wie brüchigen Haaren herbeiziehen. Wir wollen sie doch, die Reibung, nur so macht man Feuer. Und Cliffhanger.

Wieder vom Sterben

Mal angenommen, es gebe noch einen weniger blutigen Weg, eine Geschichte zu beenden, als alle zu töten… wobei, was solle das schon sein? Die Cliffhanger-Philosophie hält sich noch immer am besten mit Shakespear’scher Narrative: Es geht um nichts, um nichts weiter als das Weitererzählen – oder eben nicht. Borderline-intelligente Nihilisten als Protagonisten, Sein oder Nicht-Sein. Hätte Ophelia ihrem männlichen Unterdrückerumfeld auch mal Paroli geboten, wäre sie vielleicht nicht als eine der berühmtesten Wasserleichen der Literatur geendet, sondern hier und da noch in den Genuss eines Cliffhangers gekommen. Was im Gegensatz zu alten Bühnenstorys die Seriendramaturgie jedoch neben „bis der Tod uns scheidet, ob wir wollen oder nicht“ vermittelt, ist ein Gefühl für Konsequenzen und Anhäufung von Verfehlung.

Von der Revenge

Aus dem Konsum von Geschichten – dieser passiert nicht nur dann, wenn wir ein Buch lesen oder einen Film gucken, sondern auch, wenn wir gelangweilt am Bahnhofskiosk nur die Klappentexte überfliegen, aufmerksam dem Text eines Songs lauschen und im Kopf eine Szenerie dazu entwerfen, oder uns von Bekannten eine mehr oder weniger pointierte Anekdote erzählen lassen – sind wir es gewohnt, dass jeder Erzählstrang auf die Konsequenz hinarbeitet. Wir rechnen damit, dass die Plotstruktur mit dem Ergebnis der Verfehlung nicht zu lange hinterm Zaun hält, denn sie ist nicht die Moral von der Geschicht‘, sondern der Endgegner. Erst hier entsteht der Konflikt, die Reibung, die Lösungsnot, der Cliffhanger. In der Serie wird dieser prickelnde Moment der schieren Bodenlosigkeit jedoch viel nachhaltiger zelebriert, nicht so wenig überraschend im All-In-Style verschleudert, sondern als sich von hinten anschleichender Turning Point. Wie das möglich ist? Die Serienstruktur hat alle Zeit der Welt, die Konsequenz einer Verfehlung um fünf bis zehn Cliffhanger-Momente zu verschieben, und für den siedend heißen Rückfall in alte Szenen zu sorgen, wenn das Schicksal auf die Protagonisten zurückgreift; jenes kribblige Backlash-Gefühl vergleichbar mit dem Öffnen der jährlichen Nebenkostenabrechnung. Apropos Abrechnung.

Vom Fake

Alle feinen Definitionstürme, die sich hier um den Begriff ranken, sind nicht weniger konstruiert, als das pseudodramatische Setting eines ach so in Atemnot versetzenden Cliffhangers. Wie bei einer dieser seltsamen Sandburgen-Ausstellungen, ist der Schauwert ganz und gar an Ort und Bedingungen seiner Entstehung gebunden, lässt sich nicht herumreichen und erlangt schon gar nicht irgendeine Form von Eigenständigkeit. Das Modell der begrenzten Auswahl von Arche-Plots, an der sich jede Geschichte bedient und nur in Farbe und Form variiert, kann auch die Serien-Narrative nicht umschiffen. Was ihr bleibt, ist nur die Bindung, das tiefe identifikatorische Zugehörigkeitsgefühl zu den Figuren, die sich auf Langstrecke einstellt. Der Cliffhanger berührt nicht, weil umwerfend Neues erzählt wird, sondern weil das Schicksal der Figuren einen den Zuschauer bewegenden Status erreicht hat. Was bindet, ist also nicht das, was erzählt wird, sondern, dass es in einem bekannten Kosmos geschieht. Abgesehen davon ist der Cliffhanger so vor allem eins: ein Verkaufsargument.

Vom Ursprung

Nicht die Geschichte wird in erster Linie verschachert, sondern das Erzähluniversum selbst lädt zum Binge-Watching-Exzess ein – der Cliffhanger schließt die bittere Naht zwischen den Episoden und der Realität. Banale Creative Writing-Regeln als Fazit zu säen, kann doch auch etwas Erlösendes haben, oder nicht? Ein Gefühl, dass der Cliffhanger einem niemals geben wird. Was sich die Schreibschulen allerdings auch nicht ausgedacht haben, ist jene masochistische Gier nach Befriedigung der Neugier, nur um diese gleich wiederherzustellen. Die allzu menschliche Angst vor dem Ende hat die Popkultur-Industrie nur schnell für sich zu reklamieren gewusst.

Vom Ende

Und wie beendet man das Ganze nun? Mit einer Kugel im Bauch, Sex, dessen Teilnehmer überraschen oder dem Beginn eines Telefonats? Im schlimmsten Fall bleibt damit zu rechnen, dass das dicke Ende so schnell gar nicht kommt oder nicht annähernd so überwältigend ist. Wenn die Fortsetzung nicht am Rande der Klippe wiedereinsetzt, tritt der eigene Grund fürs Dranbleiben schnell in den Hintergrund, kuschelt sich irgendwo im Unterbewusstsein ein. Prokrastination. Konsequenzen werden eben doch nicht so heiß geschlürft wie gebacken. Neue Cliffhanger erscheinen, deren Auflösung spät bis nicht folgt oder ähnlich wenig Einsicht und Erleuchtung bereithält. Denn wie gesagt: Der Cliffhanger ist ein Tool. Mittel zum Zweck. Den Kern der Geschichte trägt er nicht. Trotzdem tut es gut, etwas nie ganz zu beenden, denn…

ZigZag-01

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