Not in my name oder Werte auf dem globalen Armageddon

Ey! Wechsel mal die Seite. Obskure Reggae-B-Seiten, Armagideon Time, Alter? Scheiße. Wir wollen doch, dass das hier irgendwer versteht. Also bitte zurück zur Eiszeit, zurück zur zoomenden Sonne und bitte vor allem zurück zu: „… but I have no fear“.

Von Felix Hawerkamp, Illustration: Franziska Martin

Stellen wir uns vor, ein Künstler, nennen wir ihn Richard Prince, einer von abertausenden Künstlern, der Werke aus Popkultur-Müll und Internet-Trash erschafft, kommentiert auf einem Twitter-Pic der Tochter eines Mannes, der aus Populismus-Müll und Internet-Trash Politik erschafft. Prince fotografiert seinen Kommentar und druckt es samt Pic auf Leinwand, um es zu verkaufen. Dieses Werk kauft nun besagte Tochter, doch Richard Prince ist davon gar nicht angetan und zieht seine Autorenschaft zurück, genauso schnell, wie er sie sich vorher aneignete. Zu guter Letzt folgt die Rückgabe der Kaufsumme, der endgültige Liebesentzug.

Stellen wir uns auch noch vor, dieser Vater, nennen wir ihn Donald Trump, der aus Populismus-Müll und Internet-Trash Politik erschafft, ist Präsident des mächtigsten Landes der Welt.

Ist das wirr? Ja. Was ist hier passiert? Keine Ahnung. Und warum erzählst du das dann? Weil alle gerade von Haltung sprechen und mich das verwirrt.

Wen man auch fragt, anscheinend ist etwas falsch gelaufen. Dieser Mann darf nicht sein, zumindest nicht Präsident. Die Katastrophe, Weltuntergang. Allgemeines Entsetzen, allgemeine Reaktion: Eine Kette ungünstiger Umstände. Aber zurück zum Anfang.

Mean talking blues

Seit dem Ende des Endes der Geschichte, also damals, als entführte Flugzeuge in die Säulen des westlichen Liberalismus stürzten und etwa 3000 Menschen ermordeten, hat sich die Idee eines vereinten Globus unter den Abfangschirmen Demokratie und Marktwirtschaft zerschlagen. Im Zweifel musste es so kommen, stellt dieses uneinige Paar doch den direkten Widerspruch aller liberalen Denkmuster dar. Eine Ideologie, die zugleich auf den Pfeilern Gleichheit und Ungleichheit steht, läuft wahrscheinlich andauernd Gefahr, auseinandergerissen zu werden. Sei es durch Guantanamo, gängige Abschiebepraxis, diverse Kriege in diversen heißen Wüsten, Lohndumping, Griechenland, populistische Unternehmer und unternehmerische Populisten. Die Beispiele sind bekannt.

Trump ist nur der neuste, riesige Mittelfinger von Widerspruch. Ein demokratisch gewählter Präsident, dem die Demokratie am Arsch vorbei geht. Ein fieser free market-Prolet, anti-egalitär, aber auch ein übermaskulines Versprechen à la Putin oder Erdoğan. Herrscher, legitimiert  durch Untertanen, Menschen, die fest daran glauben, dass die Welt so ungleich, unerbittlich und ach so leistungsgerecht aufgeteilt gehört, wie sie eben ist.

Eben auch durch all die Demokraten und Liberalen, die sich nun aufmachen, diesen Schandfleck vom Angesicht ihrer pluralistischen Gesellschaft zu wischen. Lange wurde geschraubt, gedreht, die Platte zurückgespult, in der Hoffnung, dass sie dann besser klinge. Doch hier gibt nichts mehr zu reformieren. Trump kann nicht einfach entfernt werden. Er ist ein Produkt dieser Gesellschaft, die zu verteidigen wir nun aufgefordert werden. Kein Ausrutscher. Nicht das A und O, weder der Erste noch Letzte seiner Art.

Trump, der verdiente Lohn? Ist die Welt am Abgrund?

Stellt euch vor, ihr steht am Rand der Klippe. Ihr greift, was ihr noch greifen wollt, die wohl gehütete Moral, den festen Glauben an all das Gute in der Welt und eure unerschütterliche Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen. Ihr seid bereit zu kämpfen, gegen den Weltuntergang, gegen die Angst.

Formation

Die Angst ist groß, aber Angst hatten wir doch schon genug. Es hilft kein Beten mehr. Hier wird jetzt was getan. Spuck in die Hände. Und schau mal, Bruder! Schau mal, Schwester! Wir sind nicht allein. Es machen doch alle mit: Alicia, Jake und Maggie und Emma, Scarlett, James, Micheal und holy mary! Madonna. Alle, wirklich alle, haben sie jetzt etwas beizutragen.

Künstler aller Länder, die Welt schaut auf euch. Spielt nicht für das Schmuddelkind, singt ihm nicht eure Lieder. Man ist nicht käuflich, also nicht jetzt gerade. Die Vorbildfunktion rechnet sich wieder. Ganz sicher. Also wenn zugesagt, bitte wieder absagen und wenn 800 Millionen zuschauen, dann macht doch mal etwas nicht zu eindeutig Vages. Nippelblitzer sind zwar nicht mehr zeitgemäß, aber uns wird etwas einfallen. Wichtig ist nur, da kommt etwas rüber.

Ein kräftiges Hurra, die Ersten der ersten Welt bilden die erste Reihe. A-Klasse. Sie sind uneigennützige Role-Models in guten, wie in schlechten Zeiten, bereit auch unsere Ideale zu bewerben. Das Spiel mit dem politaktiven Popkulturverweis beherrschen sie, die Künstler, denn die Fallen im Spiel von Ironie und Moral schnappen nur zu, wenn man auch wirklich an sie glaubt. Doch sie glauben an sich selbst. Die Eingeschränktheit ihrer Macht ist ihnen zu eindeutig. Ihre Macht ist ihre Marke. Sie stellen klar: „Not in our name!“

„Nicht in meinen Namen, die tief ausgefräste Rille auf der A-Seite, der Gruß der Anständigen, die Formel für die Unentschiedenen. Auch gut, bloß: Ob Beyoncé über Black Power, Feminismus, Tierbabys oder Liebesleiden singt, macht das wirklich einen Unterschied? Singt sie das Richtige zur rechten Zeit und was wird dann morgen richtig sein?

Richtig, die Unterhaltungs-Industrie macht nur vor, was sie uns nachmacht. Sie ist nicht amoralisch, sie hört uns zu, versteht, was unsere Herzen fühlen könnten. Für uns interpretiert sie, was wir uns wünschen. Sie ist für uns da, auch morgen, wenn wir schon wieder ganz Andere sind. Eine Industrie, genauso flexibel wie unsere Werte.

Aber wir hören zu. Lassen uns erretten aus Liebeskummer und Rassismus und haben einen besseren Tag. Ein besseres Leben, wenn vielleicht auch kein gutes. Wir brauchen die Bestätigung, dass Alles Gucci am frühen Morgen ist und sei es auch von Givenchy. Für diese Freiheit haben wir hart gearbeitet. Oder zumindest unsere Eltern. Oder deren 08,50-Angestellten. Ist Mama stolz, so sind wir es auch. One Nation under a groove.

Die Untergangspropheten blasen zum Angriff, aus allen Ecken des politischen Spektrums, in Ex-Printmedien und Internet. Die Anständigen und die Boshaften. Die einen für eine Welt, die so bleibt, wie sie ist, die anderen dafür, dass sie so bleibt wie sie war.

Die A-Seite dreht sich weiter, das permanente Rauschen der totalen Wahrheiten.

Stellt euch an die Klippe und gerade, wenn der Stein langsam bröckelt und ihr im Begriff seid zu fallen, fragt euch: Haltet ihr den Widerspruch aus? Gegen Trump sein, damit alles so weiter läuft wie bisher? Wenn nein, seid ihr dann für Trump oder deshalb gerade nicht?

Ha Ha Ha ha Armageddon

Wellen aus Morgentau und Dunst werfen sich aufs Schlachtfeld. Es scheint, als wären die Menschen schon vor dem Wasser hier gewesen. Sogar schon vor dem ersten Licht. Es hüllt ihre Silhouetten in dunkles Blau.

Hier die Anständigen, dort die, die es weniger sind. Waffenrasseln, Schulterzucken, die Fronten stehen klar.  Aus sieben Fanfaren ertönt ein lautes Fuck You und die Massen stürmen los. Prallen in vollem Schwung aufeinander. Atom bindet sich an Atom. Im Blutregen werden sie eins, so, wie sie es schon immer waren.

Ist doch schön sowas.

Und es ist ja noch nicht alles aufgenommen, protokolliert und archiviert. Das Geschichtsbuch hat wieder leere Seiten. Platz für deine Notizen. Zeit, die Dinge zu überdenken. Höre die B-Seite. Es wird nicht wehtun.

zigzag-04-kopie

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