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Get lost in Translation: Heute (27. April) ab 20 Uhr im Golem mit der Hafenlesung #10

Von Nadine Lagab, Illustration: Franziska Martin

Der Hamburger Hafen geizt ja nicht gerade mit Charme. Im richtigen Halblicht beleuchtet scheint das abstrakte Gebilde aus Kränen und Containern etwas von der weiten Welt zu erzählen. Wer an eben dieser Hafenpromenade auf überschwemmungsgefährdetem Terrain das Golem betritt, gelangt hier in eine Interzone und wird nur vom jäh erklingenden, sonntäglichen Geschrei der Verkaufsstände auf dem Fischmarkt wieder in die Realität gezerrt. Die Hamburger Institution für
alternative Kulturen macht seinem Namen alle Ehre und wie von Zauberhand tauchen mystische Zwischenräume hinter Bücherregalen voller geheimer Zeichen auf und menschenähnliche Kreaturen, Cyborgs oder Irrlichter, formieren sich, um Dinge von Bedeutung zu erschaffen.

Besucher der dort gestrandeten „Hafenlesung“ könnten den Eindruck gewinnen, Babel’sche Sprachverwirrung sei ausgebrochen, denn hier verlesen Autoren ihre
Texte ausschließlich in Originalsprache. Anschließend werden diese dem Publikum qua
Übersetzung ins Deutsche zugänglich gemacht. Die vom Autorenkollektiv Found in Translation konzipierte Lesereihe findet alle drei bis vier Monate stets an einem Donnerstag statt und sorgt dafür, dass Lauteigenschaften der Sprache zunächst unvermittelt wirken können. Metrik und Klang erzeugen so eigene Bedeutungsräume und die ZuhörerIn kann den Worten nachspüren. Als Leuchtfeuer für Diversität wird Sprache bei den Lesungen zur sinnlichen Erfahrung.

Hafenlesung #9

Man spricht nicht nur in Zungen, es ist auch Gattungsvielfalt geboten: vom schnörkellosen Dinggedicht über anrührende Erlebnisprosa bis hin zu experimenteller Textur. In der Dezember-Ausgabe 9 gab es beispielsweise die synästhetischen Experimente der multilingual dichtenden Kinga Tóth zu bestaunen, deren Texte von Soundeffekten untermalt wurden. Verstärker, Verzerrer und Loops vermischten Wort und Ton, sodass sich langsam ein klangliches Gebilde aufblähte, nur um anschließend wieder zu implodieren. Tóths „Sound Poetry“ ist Exempel für eine neue Politik der Wahrnehmung, die sich stets im Entstehen befindet und nicht nur auf kontemplative
Introspektion setzt.

Mit Elke Erb betrat auch eine Grande Dame der deutschsprachigen Lyrik die Bühne und las quer durch die Jahrzehnte ihres Schaffens. Um die Ecke musste man bei diesem Vortrag an so mancher Stelle denken, denn Worte zu verdrehen, heißt letztlich nur, ihnen an ungewohntem Ort wieder zu begegnen.

Raed Waheshs empathischer Vortrag ließ Schmerz spürbar werden – auch ohne Übersetzung. So musste er die Schrecken des Krieges und der Flucht aus Damaskus durchleiden. Seine Prosa umkreiste dabei das Verschwinden. Wo ist noch Platz für die Erinnerungen, die eigene Geschichte, wenn der Ort zerbombt in Trümmern liegt, der all dies beherbergte? Was wird aus der eigenen Identität, gejagt von neuen Erinnerungen, die alles zu verdrängen scheinen?

Es geht bei der Hafenlesung also um ziemlich viel: um sprachliche Wucherung, um
Verständigung, auch um Hermetisches. Man muss nicht alles verstehen und kann doch zwischen den Zeilen lesen. Denn es geht um kulturellen Austausch. Um Neues und Anderes.

Heute Abend geschieht im Golem die Ausgabe 10 – mit den Lyrikerinnen
Bela Chekurishvili aus Georgien, Orsolya Kalász aus Ungarn (Peter-Huchel-Preisträgerin 2017), Anna Glazova aus Russland, Donna Stonecipher (USA) und Ricarda Kiel aus München/Leipzig sowie die Prosa AutorInnen Anupa Srinivasan (USA) und der Hamburger Hartmut Pospiech.

Und eines sei noch gesagt: Es gibt echt gute Häppchen.

ZigZag-02

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