Von der Unerträglichkeit des Wartens

von Fiona Eicks, Fotografie: Franziska Martin

Die Semesterferien im Frühjahr sind jedes Jahr aufs Neue eine ausgesprochen produktive Zeit. Ich habe zwar eine meiner Hausarbeiten ins nächste Semester schieben müssen, aber dafür habe ich von fünf verschiedenen Serien mindestens eine Staffel geguckt! Da liegt die Frage nahe, ob meine Seriensucht denn keine Grenzen kennt. Auch den gängigen empörten Kommentar “Dafür hätte ICH gar keine Zeit!” habe ich bereits zu Genüge gehört. Doch das wirkliche Problem liegt woanders: Warum schaffe ich es nicht, den Cliffhanger einfach Cliffhanger sein zu lassen, die Spannung auszuhalten und einfach mal abzuschalten?

Warten ist so oldschool

Damals, als ich meine Lieblingsserien noch im Fernsehen geguckt habe, war es vollkommen selbstverständlich, eine Woche auf die nächste Folge und somit die Aufklärung eines Cliffhangers warten zu müssen. Oft liefen (und laufen) die Serien zudem erst Wochen nach der Erstausstrahlung in den USA im deutschen Fernsehen, sodass auch hier Geduld gefragt war. Es gab nur eine Lösung: Warten.

Es gibt allerdings kaum noch Situationen, in denen man warten muss – und zwar einfach warten, ohne, dass man sich irgendwie anderweitig beschäftigt. Warten, im reinsten Sinne des Wortes. Einfach Sein, und nichts tun, und die Zeit vorbeilaufen lassen. Wenn ich auf den Zug “warte”, dann ist das auch nur eine schlankere Formulierung für “ich beantworte E-Mails”, “ich schreibe Nachrichten bei WhatsApp”, “ich telefoniere mit meiner Mutter”, “ich höre Musik”, “ich lese ein Buch auf meinem Kindle”… Dank Smartphones, Social Media und Instant Messenger muss man nicht mehr auf Antworten von Freunden und Kollegen warten – genauso wie sie nicht mehr auf unsere warten müssen.

Jetzt, bitte!

Damit geht eine bestimmte Erwartungshaltung einher: Wenn jemand oder etwas immer verfügbar ist, dann will und kann ich es auch sofort haben oder wissen. Der Cliffhanger findet im realen Leben kaum noch statt, weil man immer schneller Antworten und Lösungen auf alle offenen Fragen bekommen kann. Aber warum fällt es einem so schwer auf Antworten zu warten und wie können wir mit Cliffhangern umgehen? Gehen wir nochmal zurück zu den Serien.

Man ist es nicht mehr gewohnt, auf die nächste Folge oder Staffel warten zu müssen, weil wirklich alles auf Netflix, Amazon Prime, Sky und Co verfügbar ist. Von vielen Serien, die ich neu anfange, gibt es bereits drei bis fünf Staffeln. Das bedeutet im Klartext, dass ich tagelang diese Serie bingewatchen kann, ohne lange offene Fragen ertragen zu müssen. Die Momente, in denen ich nach einem Cliffhanger wirklich in der Luft hänge werden dadurch aber so selten, dass sie sich unerträglich und fremd anfühlen. Ich meine, hallo, Game of Thrones, wie zum Teufel soll ich es eigentlich bis Mitte Juli noch aushalten?!

Cliffhanger versus Fantheorie

Und da sind wir bei einem weiteren Phänomen, was das Aushalten eines Cliffhangers wortwörtlich zu einer wahren Kunst macht: Fantheorien. Mit dem Phänomen der Fantheorien gibt es eine Bewegung, die sich dem Nicht-Warten-Können hingegeben hat, indem sie die Cliffhanger selbst mit einer Geschichte füllt. In seinem wunderbaren YouTube-Kanal Nerdkultur erklärt Marco Risch, dass der Ursprung der Fantheorien der ultimative Plottwist der Filmgeschichte war, der schon gar keine Spoilerwarnung mehr brauche: Darth Vader ist Lukes Vater.

Es scheint, als ob dank Google, IMDb und Wikipedia keine Frage unbeantwortet bleiben muss. Warten müssen ist SO 20. Jahrhundert, die Lösung für den Cliffhanger ist nur einen Buzzfeed-Artikel weit entfernt.

Fragen, Antworten und Spoiler

Wann also muss ich wirklich einen Cliffhanger aushalten? Wie überwinde ich die Unerträglichkeit des Wartens?  Die Antwort darauf ist so logisch und naheliegend, dass es mich verblüfft hat, nicht früher darauf gekommen zu sein: wenn ich es will. Das Problem des Cliffhangers im 21. Jahrhundert hat nämlich zwei Seiten: Der Cliffhanger ist zum einen unerträglich und zum anderen ein Heiligtum.

SPOILER ALARM: Der Cliffhanger ist das letzte Mysterium des Internetzeitalters. Und als dieses letzte Mysterium wird er bewahrt und behütet wie wenig anderes im weltweiten Netz. Artikel über Filme und Serien werden sorgfältig mit Spoiler-Warnungen versehen, damit niemand, der es nicht will, die lang ersehnte und erwartete Lösung erfährt. Wenn ich mit Freunden über eine Serie spreche, wird vorher gefragt, wer denn schon wie weit geguckt hat, damit bloß nicht die Antworten auf die tollsten Cliffhanger verraten werden.

Die wiederentdeckte Freude am Hänger

Denn ein guter Cliffhanger ist eine wahre Kunst. Ein erzählerischer Kniff von der Tragweite eines Jon Snow zwischen Jen- und Diesseits oder einer Daya mit einer scharfen Pistole in der Hand in der letzten Staffel von Orange is the New Black ist die Königsklasse. Sobald man das erkannt hat und sich der Geschichte bedingungslos hingibt, schafft man es auch, seinen Cliffhanger nicht nur auszuhalten, sondern regelrecht genießen zu können. In einem Zeitalter, in dem man kaum noch warten kann und dank Google keine Fragen mehr unbeantwortet bleiben müssen, ist das Gefühl, richtig überrascht zu werden und die Erleichterung, endlich die Antworten zu kennen, mit nichts zu vergleichen. Und wenn wir das verinnerlicht haben, dann sind Cliffhanger plötzlich ein wahrer Genuss.

Nun muss ich mal mein Smartphone zur Seite legen und nicht mehr auf die zwei kleinen blauen Häkchen bei WhatsApp gucken. Lassen wir uns doch einfach mal wieder überraschen und hören auf, uns auch im wahren Leben alle möglichen Szenarien und Theorien zu überlegen, wie es weitergehen könnte. Das einzig sichere ist: die Geschichte wird weitergehen. Und das ist schon ziemlich cool.

 

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