Ohne Drehbuch ist auch ganz schön

Von Marianne Blaschke, Fotografie: Franziska Martin

Cliff-häng – aaahhh

Cliffhänga – kurz gesagt: mit voller Spannung im jetzigen Moment auf die kommenden Ereignisse blicken. Sind wir aber dann eigentlich noch im jetzigen Moment oder verschwinden wir mit unseren Gedanken nicht schon längst im Künftigen? Typischstes Beispiel ist eine Daily-Soap. Die Kamera fährt langsam auf eine Person deren Gesicht sich je nach Situation schlagartig verhärtet und traurig, glücklich, schockiert oder verwundert bis zum Ende gezeigt wird. Diese Minuten sind es, die einen auf die künftige Folge vorbereiten oder schon etwas vorweg nehmen. Diese Minuten, die, wenn wir ehrlich sind, oft einen Tick zu lang sind und einen auch mal peinlich berührt denken lassen „Oh man, was für ein Quatsch.“

Wir sind ohne Drehbuch

Warum finden wir eigentlich so viel Gefallen daran, das Leben anderer zu sehen? Jetzt mal unabhängig von Serien. Sie bedienen ja nur die Nachfrage und damit unser Verlangen.  Nach was suchen wir denn? Nach einem Ideal oder der traurigen, doch etwas beruhigenden Gewissheit, dass es nicht nur in unserem eigenen Leben manchmal drunter und drüber geht. Oder es anderen sogar noch schlechter geht. Damit sind wir, zwar mit all unserer Intelligenz gesegnet, doch sehr einfach gestrickte und hinterhältige Wesen. Zumindest in diesem einen Punkt. Brauchen wir in unserem Leben auch ab und zu diesen Cliffhänga-Moment? Eine kleiner Vorspann oder anders gesagt: Die Vorbereitung auf die kommende anstehende Episode? Vielleicht. Aber wir haben ja kein Drehbuch. Wir wissen nicht, wie es weitergeht oder ob etwas Neues kommt. Vielleicht haben wir manchmal so eine Art Bauchgefühl, eine innere Stimme oder leisen Gedanken, was sich in einer bestimmten Situation, einer wichtigen Entscheidung oder bei wichtigen Personen bemerkbar macht. Woher sie genau kommen, ist unklar – genauso, ob sie immer das richtige Gefühl geben. Aber einige Menschen können darauf vertrauen und fahren sehr gut damit durchs Leben. So einen ganz persönlichen Cliffhänga zu haben, ist schon was Feines.

Im Nachhinein der beste Moment

Eigentlich echt ein schöner Gedanke, dass es gerade dafür einen Begriff gibt. Dinge die gerade noch am Entstehen sind, die sich gerade entwickeln und die bleiben können. Aber so richtig da sind sie eben auch noch nicht. Diese Momente die im Rückblick immer richtig gut sind und die man am liebsten damals viel mehr genossen hätte. Aber die Unsicherheit darüber, wie alles kommen wird, macht uns manchmal ungelenk in solchen Situationen. Wir denken zu viel, leben zu wenig und verlieren uns in Planungen, Abgaben und Verpflichtungen. Keine Frage: alles wichtig. Aber was macht denn unser Leben lebenswert? Ok, die Frage ist jetzt echt heftig und zu schwer zu beantworten und auch viel zu individuell. Ich versuch mal einen Ansatz: Vielleicht sind es die Verpflichtungen gepaart mit Auszeiten davon. Sich bewusst machen, dass alles, was wir tun, sicherlich einen Sinn hat und wichtig ist, aber  um es wirklich genießen zu können, sollten wir auch mal abschalten und uns fallen lassen. Nicht in eine dumme Situation, sondern in unser eigenes Gefühl dazu. Wenn man seinem eigenen Cliffhänga-Moment vertraut, weiß man vielleicht, dass man angekommen ist. Nicht am Ziel. Dafür ist es zu früh. Aber irgendwie vielleicht bei sich selbst.

Jeder von uns ist ein Künstler

Künstler haben oft solche Momente. Denn die Kunst entwickelt sich immer weiter – ob bei der Malerei oder in der Musik. Es kommen neue Dinge dazu, andere Sachen sind vorbei, verschiedene Gedanken, verschiedene Meinungen – alles ist im Fluss. Da könnte man sich fast fragen, warum es dafür überhaupt einen Begriff gibt. Wenn alles noch im Ungewissen ist und man selbst mittendrin. Warum packt man das in eine Kiste und sagt: „So du bist jetzt ein Cliffhänga.“ Gute Frage. Aber manchmal braucht man genau das: Die Beschreibung von etwas, das noch gar nicht richtig da ist, noch nicht fest steht oder vielleicht kein Ende hat. Etwas, das ohne Logik einfach gerade so ist, wie es ist, womit wir uns gut fühlen und das uns wissen lässt: Egal, was kommt, es wird kommen. Spätestens dann, wenn die nächste Folge beginnt.

ZigZag-06

 

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