Netz-Poetik

Der Cliffhanger ist ein Wesensmerkmal der Politik.
Wenn’s gut läuft.

Von Marie Rogg, Illustration: Franziska Martin

„Ein Cliffhanger ist ein Trick, einen Handlungsfaden in einer Folge einer Serie bewusst nicht zum Abschluss zu bringen, sondern dem Geschehen am Ende eine besondere, oft dramatische Wendung zu geben, die die Spannung noch erhöht, aber erst in der Fortsetzung aufgelöst wird.“

Läuft’s weniger gut, fehlt der zweite Teil. Weder ist das Ende dramatisch, noch wird es wiederaufgenommen. Erwartungen werden nicht animiert. Der Zuschauer schaltet aus.  Doch was, wenn er mitschreiben darf? Wie ausdauernd ist die Öffentlichkeit, wenn sie ihre Inhalte erzählt? Digitalisierte Gesellschaften erfinden sich durch Storytelling neu. Die Förderung dieser Bereitschaft ist Aufgabe der Politik.

There is a light that never goes out

Noch vor ein paar Wochen plante ich den Beginn dieses Essays mit der Demokratie auf der Klippe, gefolgt vom unspektakulären Fall: Tod aus Selbstverständlichkeit – kein Hanger nur noch Cliff. Heute finden die Worte wieder zusammen und mit ihnen die Möglichkeit der unerwarteten Wendung. Das liegt auch an der Neubesetzung der Dramaturgie. Es gibt mehrere Anwärter. Ihr Verhältnis ist unser Thema.

Ich gehe also von der Demokratie als Cliffhanger aus. Ihr Kern ist der Prozess. Prozesse müssen am Leben gehalten werden, ihre Vitalität nimmt unterschiedliche Struktur und Farbe an. Nun ist der Bürger kein Zuschauer im demokratischen Prozess. Er ist Koautor der Geschichte. Er reagiert auf erfahrungsbasierte Stimuli und im Idealfall wählt er Repräsentanten, die etwas als Dramaturgen taugen. Sie arbeiten sich hin zu seinen Erfahrungen, Werten, Wünschen und Ängsten, sodass er ihnen engagiert immer neue Impulse setzt.

The queen is dead

Seit den neunziger Jahren verändert sich diese Beziehung. Paradoxerweise war es die Politik selbst, die den Job des Dramaturgen verkaufte und sich damit als zunehmend obsolet verriet. Der englische Traum glitzerte neu und unabhängig, kreativ verschwanden die Pixel aus der globalisierten Wirtschaft. Der Bürger gefiel sich nun joggend. Geschäftig verpasste er, dass mit den Alternativen auch er verneint wurde, dass diese Staffel ihn, seine Agens, seinen Humanismus verzockte. Er wurde zum Körper einer Koalition, die Gesellschaft als Evolution begriff. Indem er lief, um zu überleben, erkor er Ausdauer zum Leitprinzip. Nur ungern daran erinnert, schaltete er bei Wahlen eines Tages aus.

Dachte man. Das müsse sich ändern, sagte man. Wohl auch, weil einem nichts Besseres einfiel, wurde der Demokratie-Verfall beziffert. Lippenkräuselig vorgetragene Würdigungen von Wahlbeteiligung knapp über sechzig Prozent sind bekannt. Yeah. Die Demokratie raste, so schien es, unaufhaltsam Richtung Klippe (die Maut ist kein –Hanger!). Profilverlust und Pegida gesellten sich zu schrumpfenden Parteien und sinkendem Vertrauen in Mitbürger und Politik.

Bigmouth stikes again

Und jetzt. Endlich. Tusch. Denkste, Gähn: Was ist mit Schulz? Mein Erklärungsversuch gilt weniger (s)einer Person als den Wirkräumen digitaler Selbstvermittlung. Voraussetzung dieser Betrachtung ist neben Hoffnung auch Vorsicht, denn Technologien sind immer beides: Ermächtigung und Zins. Algorithmen sind menschen-, meist männergemacht. Sie kodieren Ideologien. Strukturell und vielschichtig sind sie programmiert, um Rendite zu generieren. Das Internet ist nicht neutral. Feedbackschleifen sind Kalkül. Auch das erklärt den Personenkult.

Und dennoch soll die Ermächtigung im Zentrum stehen. Eine Erweiterung von Staatsbürgerschaft, weniger Status als Erziehung dazu, sich selbst als verursachende Kraft zu verstehen. Der legale Staatsbürger-Status und seine etablierten zivilen Pflichten werden dabei nicht aberkannt. Sie bilden jedoch auch nicht den Kern. Die Notwendigkeit aller, nicht einer legalen, ökonomischen, politischen, kulturellen oder sozialen Identität als Bürger soll hierfür die Prämisse sein. Als umfassender Kontext, als mehr oder weniger konkrete Erfahrung bedeutet Bürgerschaft Selbstwirksamkeit.

Selbstwirksamkeit ist das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Teilhabe durch Mitgestaltung. Wenn auch im Kleinen, wird Selbstwirksamkeit durch das Internet zur zunehmend universell verfügbaren Sinneserfahrung. Online hat jeder, der Teenager, Konsument und ja, auch der Nazi, die Möglichkeit sich zu ver-äußern: zu sammeln, zu dokumentieren, zu horchen, zu kommentieren, zu fragen und zu antworten. Das sind Spielräume für Anerkennung und Resonanz. Hier soll es nicht um den Nazi gehen. Das Netz als politischer Raum geht nämlich weit über ihn hinaus und wenn wir nicht anfangen, eine politische Agenda als positives Selbstbild zu gestalten, bleibt auch in Zukunft unklar, was wir fordern und fördern wollen.

Jene Resonanzräume sind Verben, Tuwörter. Ihr Wert ist nuancierter als richtig oder falsch. Sie beschreiben ein Vermögen, das ich hiermit als Kern von Bürgerschaft, als Gral des politischen Cliffhangers etablieren will: Gestaltung. Ein Vermögen, das, und darum geht es, gelernt werden kann. Das radikal kultiviert wird im Netz, allerdings bisher ohne nennenswert politisch-institutionellen Rahmen.

Some girls are bigger than others

Weniger zaghaft sind die Nutzer selbst, wie die Schulz PhenoMeme zeigen. Neben der affektiven Aufwertung von Politik, verweisen sie auf Lernprinzipien, die weit über Schulbildung hinausgehen: Je größer das Wissen über einen Gegenstand, desto größer ist das Interesse daran. Und je engagierter das Feedback, die Anerkennung, der Dialog, desto wahrscheinlicher die Motivation, damit fortzufahren. Die Frage, die man sich stellen muss, ist also weniger, was hat Schulz an sich, sondern: Macht Ausdruck politisch?

Ausdruck, in welcher Form auch immer, bedeutet das Vertrauen, zu lernen, sich zu äußern, weil das zählt. Das Internet als fortdauernd performative Ausstellung des positionierten und damit politischen Selbst belebt den Cliffhanger als Ziel. Als Tauschwert längst programmiert, muss es nun darum gehen, Selbstwirksamkeit als Gebrauchswert zu inszenieren. Stärker denn je demonstrieren Menschen ihre Solidarität heute über Symbolik. Demokratie bedeutet, Bürger darin zu schulen, sich als solche wahr-zu-nehmen, sich mündig und gefragt zu erleben. Eine Politik der Gerechtigkeit muss dazu befähigen, Zugehörigkeit und Vertrauen in das eigene, kritische Tun von Lifestyle und Versagensangst zu trennen. Ohne Schnappatmung. Veränderung ist kein Zustand, sondern Übergang, sozialer Wandel Prozess nicht Programm.

ZigZag-01

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