Ein Mann, ein Berg

von Simon Rösel, Illustration: Franziska Martin

Da hängt er nun. Jede Sehne gespannt. Das Bodyöl glänzt noch durch den Requisitenstaub, der die fettarme Muskelmasse bedeckt. Um ihn herum kreist der Hubschrauber. Ein ums andere Mal versucht er dem Helden die letzte Sicherung zu nehmen, ihn in den Abgrund zu stürzen und doch noch mit den Millionen Dollar, zumindestens aber mit dem Leben, davon zu kommen. Doch natürlich ist der Held stärker als er. Hier am Berg bewältigt er sein Trauma, das am Anfang des Films in ihn hineingeschrieben wurde, als er Sarah, die Freundin seines Kollegen Tucker nicht vor dem Sturz in die Tiefe retten konnte. Die Vorahnung verrät schon: Das wird ihm nicht noch einmal passieren. Stattdessen müssen all die Gangster dran glauben. Einer nach dem anderen. Aufgespießt auf Stalagmiten, klassisch erschossen und ein ums andere Mal, der Sturz in die Tiefe mit lang gezogenem Schrei. Sie sind selber Schuld, schließlich haben sie sich mit dem größten Actionheld der Filmgeschichte angelegt. Sein Name: Sylvester Stallone. Sein Film: Cliffhanger. Doch fangen wir am Anfang an.

Rocky, Rambo, Rambazamba

Sylvester Stallone hat sich hochgekämpft. So wie seine berühmteste Figur, der italienische Boxer. Er hatte nichts. Außer einem IQ von 161 und einer Teillähmung im Gesicht. Nach Jahren als Nebendarsteller bei Woody Allen und Soft Porn-Dude, hatte er das Drehbuch bei einem großen Studio untergebracht. Er bestand darauf die Hauptrolle selber zu spielen und der Film bekam den Oscar. Danach folgten Rocky II, Rocky III, etwas Sozialkritik mit Rambo, etwas weniger Sozialkritik dafür mehr Action mit Rambo II, Rocky IV, Rambo III, Rocky V. Dazwischen ein paar Abstecher ins Komödienfach und natürlich mehr Action. In dieser Zeit wurde er für die guten Preise (Oscar, Golden Globe) nominiert, während er die schlechten (Goldene Himbeere) wirklich gewann. Er ist Kult gewesen, bevor das Wort zur Beschimpfung wurde. Nur wegen ihm pushen sich Amateursportler mit einem schlechten Classic-Rock Song zu Höchstleistungen.

Doch wie das so ist: Das Publikum verliert mit der Zeit das Interesse, die Einnahmen gehen zurück und damit auch das Interesse der Studios, die bekannten Franchises weiter zu melken. Da kam so ein Cliffhanger gerade recht.

Sau viel Kohle

Cliffhanger ist nicht der schlechteste von Stallones Filmen. Natürlich auch nicht der beste. Vielleicht wäre es fair zu sagen: es ist der durchschnittlichste. Und wie bei jedem anderen Menschen, lernt man auch Sylvester erst im Alltag richtig kennen. Und dieser Alltag heißt Cliffhanger. Ein herrlich seelenloses Machwerk aus Hollywoods Gelddruckmaschine.

Anfang der 90er Jahre befand sich das klassische Actionfilm-Schema gerade auf seinem Höhepunkt. Was ungefähr heißt, dass die Filme auch ohne Superhelden langweilig waren. Damals waren super-böse Antagonisten der heißeste Scheiß, also präsentiert Cliffhanger einen skrupellosen, geldgierigen, international gesuchten Schurken, der seine Freundin erschießt, nur damit auch der letzte Zuschauer versteht, wie unfassbar böse er ist. Regie führt der Stirb Langsam 2-Regisseur, womit der Plot wohl kaum weiter erklärt werden muss. Falls doch: es geht um viel Geld und statt einem urbanen Schauplatz findet die Hetzjagd in den Bergen statt. Dabei muss Sylvester schneller sein als die Schurken, um sein eigenes Leben, das seiner Freunde und von ein paar zufällig anwesenden Basejumpern zu retten. Und das, obwohl er privat doch an Höhenangst leidet. Zwischendrin spricht er diese lässigen Dialoge, von denen jeder Satz ein kumpelhafter Knuff in den Arm ist. („Ich muss sagen, du bist ein echtes Stück Arbeit.“ „Ich muss sagen, du bist ein echtes Stück Scheiße.“)

Der Film ist perfekt zum Geldverdienen. Leider ist er nicht gut. Und trotzdem nicht schlecht genug, um als nachträglicher verklärter Kult, doch noch eine Anhängerschaft zu finden. Zudem wurde der Film seinerzeit mit dem teuersten Stunt der Filmgeschichte beworben. Für eine Millionen Dollar schwang sich Stuntman Simon Crane von einem Flugzeug zum anderen. Der Stunt gelang nicht komplett, doch mit ein, zwei cleveren Schnitten ließ sich auch das Problem in den Griff kriegen. Bei einem Einspielergebnis von $225 Millionen hat sich die Investition dann doch gelohnt. Schlussendlich ist Cliffhanger genauso wie dieser Text: sanftes Dahingleiten über eine Fun-Fact Sammlung.

 

ZigZag-04

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