Vornehm geht die Welt zugrunde

Dystopische Schreckensszenarien werden für den Zuschauer besonders bedrohlich, weil sie sich schon jetzt in dieser Form abspielen könnten, denn „The Future is now“

Von Nadine Mouni, Illustration: Franziska Martin

Black Mirror ist eine britische Serie, für deren Konzipierung der Satiriker, Autor und Ex-Videospielekritiker Charlie Brooker verantwortlich ist. Die Serie setzt sich mit Phänomenen aus dem Bereich Medien und Technik auseinander und lässt dabei nie deren gesellschaftliche Voraussetzungen außer Acht.

Von Paranoia und Doppelgängern

Kennt ihr auch dieses seichte Gefühl paranoider Angst, weil mal wieder fünf Sekunden, nachdem man beiläufig mit dem Partner über die praktischen Seiten eines Stabmixers philosophiert hat, eine perfekt auf diesen, doch eher im Geheimen formulierten Wunsch, zugeschnittene Werbung auf dem Handy aufploppt? Immer mehr Menschen quält die Vorstellung von permanenter Überwachung und immer neue Verschwörungstheorien schießen wie Pilze aus dem Boden, die sich dann rasend schnell und flächendeckend im Netz kultivieren. In gewisser Weise vervielfältigen wir uns ja auch ständig in Form eines digitalen Ichs. Was die Sache nicht minder unheimlich macht, ist einerseits der Umstand, dass es in der Datenmatrix nicht nur einen Wiedergänger gibt, sondern zahlreiche Datenversionen von uns existieren, auf die wir scheinbar keinen bewussten Einfluss mehr haben.

Es ist uns aber auch zu unserer zweiten Natur geworden, Social Media als Inszenierungsfeld zu bespielen und dort eine Persona zu kreieren, deren strahlend matter Teint das Gesicht unseres fleischlichen Ichs nicht nur in den Schatten stellt, sondern auch so wirken lässt, als sei das Original nur eine verpixelte Replika unserer Selbst.

Auftakt der dritten Staffel von Black Mirror: Blick in den gesellschaftlichen Ruin

Der Auftakt der 3. Black Mirror-Staffel spiegelt dem Zuschauer genau dieses Zerrbild der Realität wider, denn die Protagonistin wandelt metamäßig für die Bildschirm-Schwester als Leihendarstellerin ihres Selbst in einer simulierten Zuckerwattewelt umher: Die Stoffe sind hier zwar fließend, das Lächeln aber ziemlich in Stein gemeißelt.  Aber ja, auch einen Steinwurf weiter, übern Teich, bei den Amis, wo man sich das Szenario noch am besten vorstellen kann, dass jeder jedem ein Rating verpasst – ist man hier eben sowieso ein Quäntchen zu nett und strahlt ziemlich gebleacht – wird diese Vorstellung zur pastellfarbenen Hölle.

Die Protagonistin würde nämlich wirklich alles tun, um als 4,5 (von 5,0 möglichen Sternen) endlich an ihre Traumwohnung zu kommen, denn Sternchen dienen hier als offizielle Währung. Nicht jeder Hinz und Kunz sollte eben in der von Securitys gehüteten Bungalowanlage mit gut gesprenkelter Rasenfläche wohnen dürfen, nur der vermeintlich besonders sozial Verträgliche. Tja, und da liegt eben der Hund begraben, denn unsere Protagonistin muss einige Kröten schlucken, um an dieses Ziel zu gelangen, das sie – Achtung, Spoiler – nie erreichen wird. Und ganz ehrlich, wer trägt denn nicht den kleinen Soziopathen in sich? Der wird bei unserem Sterntaler auf dem Weg zur Hochzeit ihrer BFF unleashed, zu der sie ein etwas unausgewogenes Verhältnis á la hässliches Entlein vs. böser Schwan pflegt. Dort möchte sie ganz viele Sterne abgreifen, die sie als Trauzeugin einer Beverly Hills-Prinzessin definitiv bekommen würde. Aber es lauern einige Fallstricke auf dem Weg. Der Flug fällt aus, genauso wie ein Servicegespräch am Airport sehr unfreundlich, was unser Mädchen auf ein von der angehimmelten Jugendfreundin nicht akzeptiertes Maß downgraded.

Eine Abwärtsspirale der Frustration über die verwaltenden Mühlen der Dienstleistungsgesellschaft zieht die Protagonistin in ihren Sog, bis sie auf ihrer Odyssee nur noch Hilfe von einer Außenseiterin bekommt. Diese zeigt ihr einen alternativen Lebensstil auf, der sie gleichermaßen abstößt wie unbewusst anzieht. Die Ankunft bei der Hochzeit – von der sie längst ausgeladen ist, weil ersetzbar durch einen repräsentativeren Humanoiden – ist ihr so zwar sicher, aber ihren Wunsch nach Glanz und Gloria, den sie sich durch eine einstudierte Rede mit gekonnt platzierten Krokodilstränchen erfüllen wollte, kann sie sich abschminken. Einzig mögliche Konsequenz nach all der erlebten Demütigung: Alles in diesem Traumambiente in Technicolor kaputt zu schlagen und die Maske durch von heißen Tränen verschmierten Mascara und vollkommen zersaustem Haar zu ruinieren. Wie lebendig sich doch der (gesellschaftliche) Tod anfühlen kann! Auch, wenn die nächste Station dann erstmal eine Gefängniszelle ist. Dort landet unsere Hauptakteurin, sich die Seele aus dem Leib fluchend und trifft auf einen Gleichgesinnten. Romantisch … könnte man meinen, würde man die beiden nicht dabei beobachten, wie sie sich gegenseitig auf das Härteste beleidigen. Tja, und das zeigt uns dann wohl auch diese Episode: Der Mensch ist eben doch nur ein domestiziertes Tier und leidet unter den Fesseln der Gesellschaft, die in diesem dystopischen Schauplatz mit einem gezwungenen Lächeln quittiert werden. Und das, obwohl diese besonders fest geschnürt sind.

Social Media

Schöpfer der Anthology-Serie Charlie Brooker beschreibt sich selbst als „chronische[n] Bedenkenträger“, der versuche, immer optimistisch zu bleiben. Man könnte mutmaßen, dass er den worst case ausloten muss, um halbwegs entspannt und positiv in die Zukunft blicken zu können. Diesen Verdacht legen zumindest die Horrorszenarien nahe, die Brooker sich für neue Technologien im Medienzeitalter ausdenkt. Aber er sieht auch das Potential dieser Werkzeuge und findet, dass beispielsweise Social Media eigentlich eine wunderbare Möglichkeit zur globalen Vernetzung darstellt. So, wie es auch die Marketing-Strategie dieser Plattformen vorgibt. Seine Hoffnung, dass diese Medien nicht zur Vereinzelung und dem gefühlten Verlust der Persönlichkeit durch glatt gebügelte Profile führen müssen, nährt seinen frommen Wunsch für dir Zukunft: „Wir wissen schlicht noch nicht, wie man diese Dinge richtig benutzt und ich hoffe, dass wir künftig lernen, wie wir mit modernen Medien besser umgehen.“

Man sollte wohl noch hinzufügen, dass die Benutzer selbst entscheiden, in welche Richtung es mit den sozialen Medien geht. Werden sie als großflächige Werbetafel oder zum kulturellen Austausch genutzt? Wenn jedes Kind bereits im Alter von 10 Jahren zwischen 300 bis 400 verschiedene Marken unterscheiden kann, stellt sich auch die Frage, inwieweit die Fetischisierung von Labels die eigene Selbstwahrnehmung und -darstellung beeinflusst. Definiere ich mich als Marke und ist Social Media meine Bühne? Oder kann ich den von der Werbeindustrie generierten Selbstoptimierungsidealen entsagen? Ein bisschen seltener durch die Augen eines Konsumenten zu schauen, der sich nicht in selbige, sondern in seine Filter-Bubble sticht, wäre jedenfalls wünschenswert. Und Brooker hält uns in seiner Serie eben diese Konsequenzen aus egomaner Selbstbeweihräucherung ohne demokratische Partizipation vor die Nase: Zwang als gesellschaftlicher Konsens und Ellenbogenmentalität, gefüttert von Daten, die den Marktwert eines Menschen bestimmen.

Von Menschen und Maschinen

Brooker wagt sich mit der neuen Staffel zwar an so ziemlich alles heran, was dem Technophoben Albträume bescheren kann. Er zeichnet aber auch ein utopisches Panorama, in dem auf Körperprothesen verzichtet werden muss, um dort Platz für den Gedanken an Unsterblichkeit zu schaffen. Gemeinsam ist allen Folgen, dass die alte Vorstellung von der menschlichen Kontrolle über die Maschine dekonstruiert wird. Denn der Mensch hat eine zweite Natur geschaffen, in der die Maschine bereits jetzt jeden Bereich des Lebens durchdringt und – noch viel entscheidender – ein Eigenleben führt, ja sogar eine eigene Evolution durchlebt. In Black Mirror wird diese Erkenntnis aufverschiedene gesellschaftliche Bereiche angewandt: auf das Altersheim, das Jugendzimmer, den Kriegsschauplatz, den Gaming-Bereich. Was hier noch Realität abbildet, ist relativ und genau das macht die Serie so sehenswert.

Vermutlich geht es schon im Herbst mit Staffel 4 weiter und es dürfte nicht minder spannend werden. Ein Highlight ist schon jetzt bekannt: Jodie Foster übernimmt für eine Folge die Regie. Wagt also den Blick in die Glaskugel!

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