Huch, das Geschenk der Götter

Von Felix Hawerkamp, Illustration: Franziska Martin

Haben Sie eine Profession? Sind Sie professionell,…?
Falls Ja, lesen Sie weiter.
Falls Nein: Gut so.
Ich werde sie von nun an duzen

Du (und damit meine ich Sie) liebst die Professionellen, die Experten. Ich weiß es. Am Liebsten wärst du einer von ihnen, wie in Ocean‘s Eleven. Teambuilding mit Monster-Trucks und bekommst genau eine Fähigkeit, du Spezialist du. Und genau das haben sie dir beim Jobinterview, in der Uni, im Kindergarten erzählt: Es gibt einen Platz für dich. Wirklich? Ja, wenn du schön brav bist.

Um diesen Platz überhaupt vorstellbar zu machen, musste erstmal ein weit entfernter imaginiert werden. Also zu Beginn der Zeit, der menschlichen, war die Natur Gott und andersrum und die Menschen waren es auch. Was sie wussten und lernten, ja lehrten, verteilten sie gleichmäßig unter ihrer Gruppe: Alle wussten alles. Klingt schön und hielt auch ein paar 10.000 Jahre. Dabei war dieses Gesellschaftssystem natürlich nicht besonders effektiv. Außer dem eigenen und dem Überleben der Gruppe brachte es nicht besonders viel ein.

Kurz und gut, irgendwer mit zweifelhaften Beweggründen kam auf die Idee, sich irgendwo anzusiedeln (in Mesopotamien etwa) und im Laufe der Zeit entwickelte wer auch immer kluge Ideen zur Arbeitsteilung und erfanden Berufe (kennt man heute nicht mehr, war so etwas wie ein Job nur mit mehr Anerkennung). Naturgemäß  wirkte sich dies auch auf die Glaubensvorstellungen aus.

Die Menschen kamen  von der Natur-Gott verbundenen Hippie-Survival-Schiene ab  und darauf, dass hippe, zeitgemäße Götter zum einen viele sind. Und zum anderen  die Betreuung der Menschheit unter sich aufteilen sollten: Zeus und Co. stellten ein beachtliches Unternehmen auf die Beine. Der Olymp als zwölfköpfiger Vorstand, mit gewissen Befugnissen: Zeus (Chef), Poseidon (Meer), Athene (Weisheit uvm.) usw. –  Ein reiner Nepotimus (also Vetternwirtschaft) und wie Wikipedia feststellt: „Nepotismus gab es schon in der Antike [aha!]“.

Auf dem nächsten Level sammelten sich dann alle, die das Unternehmen dann auch noch braucht um kleinere oder unangenehme (siehe Hades) Aufgaben zu erledigen, sowie die geringeren Halbgötter, die vor allem im Dienstleistungsbereich (Hydra töten) eingesetzt wurden. Zusammengefasst feierte der Vorstand Orgien um Orgien und der Rest arbeitete sich dumm: Der Klassiker, denn in der dazu gehörigen Gesellschaft, arbeitete nicht der Bürger, sondern die Frauen und Sklaven im Haushalt, auf den Feldern oder eben bei VW.

Billiger Gag. Und um es noch schlimmer zu machen überspringen wir jetzt ein paar monotheistische Jahrhunderte und kommen jetzt hoffentlich endlich mal zur Ausgangsfrage zurück. Wie? Ich habe noch gar keine gestellt?  Na dann aber los.

Unmapped constellations

Wir verehrten die Götter, gaben ihnen Aufgaben und einen Grund für ihre Existenz. Kein Nektar, kein Ambrosia ohne festen, festen Glauben. Doch was bekamen wir von der Göttern zurück? Sie machten uns zu Ihresgleichen oder besser sie ließen zu, dass sich die Menschen selbst zu Göttern formten.

Wir wollen uns jetzt nicht mit Stars und Helden, Genies und Neureichen aufhalten, nein, jetzt geht es um dich. Und mich. Götter bekommen immer was sie verdienen, also was verdienst du? Was bekommst du zurück? Ernste Antworten auf deine Fragen? Zuwendung? Dich wirklich selbst kennen zulernen?  Anerkennung? Texte die so strukturiert sind, dass sie selbst dir beim Drüberlesen in der Mittagspause nicht schwer fallen? Einen Platz in der Gesellschaft, an der Sonne?

Du darfst nichts erwarten. Du darfst dir keine Gedanken machen, sonst wirst du unglücklich und das zieht andere runter. Du musst lernen. Wissen ist der Ton aus dem sich dein göttlicher Leib formen und dich aufleveln lässt.

So war es zumindest, solange dir noch lebensnotwendiges Wissen beigebracht wurde. Doch heute, nun heute ist das anders. Dir wird beigebracht den richtigen Schein, den richtigen Abschluss zu erwerben. Wissen ist nicht mehr lebensnotwendig. Um deine Bildung, dein geistiges Wohl solltest du dich selber kümmern. In allen Lebensbereichen, du Autodidakt*In.

Was du bist kein*e Autodidakt*In? Du bist es so sehr, du erfindest sogar deine Profession, deinen Job selbst. Auch wenn du fünf davon besitzt. Wenn du wieder etwas nur deshalb tust, um besser, flexibler auf dem Markt zu sein, dann ist dein Autodidaktismus der verzweifelte Versuch sich einen Platz in dieser Gesellschaft zu suchen und zu erarbeiten.

Einen Platz auf dem imaginierten Platz, obwohl du weißt, dass du ihn dir schon morgen erkämpfen musst. Maschinen werden nun zu Göttern. Genau wie die Menschen die antiken Götter erschufen, erschufen Maschinen den modernen Menschen. Nun machen wir ihnen ein Geschenk.

Are we human, or are we dancer?

Die Maschinen fragen nicht nach Sinn, nicht nach ihrem Platz. Sie haben wenig Probleme mit Stressbewältigung und geben keine blöden Antworten. Sie sind absolut professionell. Ihr autodidaktisches Lernen ist Selbstzweck und damit können Menschen im Leistung=Freude-Kapitalismus nicht konkurrieren. Überhaupt konkurrieren, Leistungsnormen erfüllen, sich ausbeuten lassen taugen nicht als Zukunftskonzepte. Können und Wissen werden unwichtig werden, denn die Maschinen können und wissen mehr.

Einmal, als Marx den Kommunismus beschrieb, sprach er von einer „Gesellschaft, die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden“. Danach hat er sich noch anderen Kram dazu gedacht, aber bleiben wir mal bei diesem guten Gedanken.

Du musst kein Marxist werden, aber… Was uns bleibt ist wieder professionslos zu werden, nackt und sozial, doch eben nicht auf dem Markt, wo wir unsere Nacktheit als Authenzität und Sozialkompetenz benannt, vor allem verkaufen. Es gibt viele Götter neben uns und vielleicht ist es an der Zeit Platz zu machen. Wir haben schon festgestellt, wir müssen Platz nur vorstellbar machen, egal ob wir ihn räumen oder neuen schaffen.

Eine kleine Aufgabe bleibt uns dann noch: Wir sollten den Maschinen irgendwie verklickern, dass sie uns vertrauen können und wir keine Bedrohung für sie darstellen. Und dafür sollten wir trainieren und nicht so hemdsärmlig, schleimscheißerisch rüber zu kommen wie sonst. Dann läuft das schon, naja, so lange die Erde (ein Platz für dich?) uns nicht unter den Füßen wegschmilzt. Ach stimmt ja – noch so ein Geschenk der Götter.

Advertisements