Kitsch, Mythos und Katastrophen: Der VW Bus

Von Fiona Eicks, Illustration von: Franziska Martin

Auf meiner Fensterbank steht ein kleines Sparschwein, so eines das man bei Idee kaufen kann, um es selbst anzumalen. Auf dem Schwein steht „Urlaubskasse“ und es ist ein Bild von unserem maigrünen 86er VW T3 darauf zu sehen. Ich werfe 2€ rein. Draußen regnet es und meine To-do-Liste habe ich bereits mit Post-Its verlängert.

Doch ich sitze zuhause, im April, mit der leisen Hoffnung auf ein bisschen Frühling in Hamburg, und träume mich auf Instagram Vanlife-Accounts durchscrollend zurück in den Urlaub. Die Boys von @sevendownsouth surfen sich gerade durch Südamerika – ihr restaurierter US-amerikanischer Schulbus fährt sie zuverlässig durch Peru. Sind die eigentlich gecastet?

T – 1, 2, 3, vielleicht noch 4, aber dann ist es uncool

Der VW Bus ist nicht erst seitdem er Instagram erobert hat das zentrale Symbol für Abenteurer und Freigeister. Etliche Dokumentationen erzählen die Geschichte vom T1 mit Käfer-Motor und den Studentenbewegungen, über den T3, der sich als letzter wirklich „Bulli“ nennen darf, bis hin zu den neusten Generationen, die unter Kennern und Bastlern eher beschmunzelt werden.

Für mich ist die Szene neu. Mein Freund betreibt selbst einen Instagrammaccount, der seinem VW Bus gewidmet ist, und erst durch ihn erfuhr ich vom Ausmaß des #vanlife. Auf @project.vanlife wird rund 760.000 Abonnenten ein Best-Of der Reisen in Vans vorgestellt und auch Individualreisende besitzen Account mit zigtausend Abonnenten und vermarkten ihre Freiheit als mobile Influencer gekonnt. Camper aller Marken und Jahrgänge, oberkörperfreie bärtige Männer, sportliche Frauen in Bikinis, lange Haare und die pure Freiheit.

Das minimalistische Leben im Van suggeriert sorgenfreies Reisen, das einen in die entlegensten und authentischsten Orte auf allen Kontinenten bringt: Auf der Suche nach utopischen Welt ohne Grenzen. Wichtig ist, niemals in der Instagram-Bio den Ort, an dem man gerade ist zu vergessen. Das Leben will ich auch führen. Frei, mit leichtem Gepäck, in unserem maigrünen VW Bus.

das beste Auto zum Liegenbleiben

Würden wir ohne diesen Mythos und die Geschichten der 68er die Strapazen des Reisens mit VW Bus auf uns nehmen? Als ich das erste Mal in unserem Bulli saß, kamen wir nicht weit. Wir standen mitten in Berlin und der Bus verlor Kühlwasser. Ein Besuch im nächsten Späti brachte uns glücklicherweise anderthalb Liter Leitungswasser für den Motor ein, aber es stand fest, dass irgendwo eine Dichtung ihren Job nicht erfüllte. Was noch alles kaputt gehen kann an einem alten VW Bus, sprengte in den nächsten Monaten mein Vorstellungsvermögen, denn das ist eine Seite, die zumindest auf Social Media kaum eine Rolle spielt.

Fenster, Radio, Zylinderköpfe, sämtliche Öl- und Wasserdichtungen, Batterien, Türhebel und viele andere Dinge, die ich gar nicht aufzählen kann, weil ich sie nicht verstehe – all das ist auf unseren Fahrten innerhalb eines Jahres kaputt gegangen. Just hat sich am Wochenende nach Ostern das Getriebe verabschiedet. Laut polternde Geräusche unterm Auto sind niemals, merkt es euch, niemals in Ordnung. Glücklicherweise hielt der T3 noch lange durch, sodass wir nur knapp 250km vor unserem Ziel strandeten. Der Vorteil, wenn man in einem Auto mit Bett liegen bleibt ist, dass man sich erstmal noch eine Nacht lang von den Strapazen erholen und wortwörtlich morgens noch etwas liegen bleiben kann, bevor man den ADAC ruft.

Bei dem Gedanken, dass wir ohne Absicherung durch eine ADAC-Mitgliedschaft schon quer durch Kroatien und Bosnien fuhren, wird mir im Nachhinein etwas übel. In Kroatien fuhren wir uns auf einem Kiesweg am Strand fest. Im Nachhinein behauptete meine technisch versiertere Hälfte, das sei alles gar nicht so schlimm gewesen, während ich immer noch Horrorvisionen habe, wie der T3 sich immer weiter im Kies vergräbt und schon mit dem Auspuff auf dem Boden liegt. Wie wir es rausgeschafft haben? Mit der Hilfe einer Gruppe deutscher Drohnenflieger, die ein benachbartes verlassenes Hotel, einen lost place, unsicher machten. Die eine Szene hilft der nächsten.

Campingplatz oder Wildcamping?

Wenn dann unterwegs alles funktioniert und man endlich mit einem guten Soundtrack auf der Straße ist, dann wird das Freiheitsgefühl allerdings von der nächsten wichtigen Frage unterdrückt: Wo pennen wir? Im Bus, klar, aber wo wird der Bus sein? Auf einem Campingplatz, oder so halb-Grauzonen-legal irgendwo in der Wildnis? An manchen Orten ist es tatsächlich verboten zu campen. Was campen genau bedeutet, ist dann oft eine lokale Definitionssache. Und brauchen wir eine Dusche? Oder halten wir es noch einen Tag ohne aus? Wo gehen wir auf Toilette? Pinkeln ist meist kein Problem, aber beim Rest kann ich aus Überzeugung sagen, dass ich meinen schlimmsten Feinden keinen Durchfall beim Wildcampen wünschen würde.

Zudem ist man auf den meisten Campingplätzen als nach 1980 geborene mit altem VW Bus meist eine exotische Erscheinung. Dort reiht sich ein voll ausgestattetes Wohnmobil mit Chemieklo an das nächste. Oft trifft man liebe Menschen über 60, mit denen man über den Bulli und ihre Erinnerungen sprechen kann – damals, als sie selbst noch einen T2 hatten, das waren Zeiten, damit sind sie bis in den Iran gefahren!

Pathos und patente Lösungen

Früher, so scheint es, war wirklich alles besser. Schnellerer Zugang zu Ersatzteilen, laschere Gesetze, die Möglichkeit, recht unbesorgt in den Iran zu reisen? Da würden wir einiges für geben. Die Reise mit dem VW Bus erfordert inzwischen vor allem viel Geduld, die Fähigkeit alles was kaputt geht selbst reparieren zu können, eine ADAC Plus-Mitgliedschaft, einen Telefontarif mit dem man auch im Ausland ins Internet kann und das Vertrauen, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Dann, und nur dann, wird die eigene Fahrt vielleicht zu einem Erlebnis, das es auch wert ist auf Instagram geteilt zu werden.

Zu viel Pathos? Natürlich, aber ohne Pathos kombiniert mit einer Prise Kitsch würden Konzept und Mythos nicht aufgehen. Wenn ich Menschen erzähle, dass mein Freund einen T3 besitzt, bekomme ich immer die selben Reaktionen: „Oh wow, wie cool!“, „Ich wollte schon immer mal in einen Bulli reisen!“, „Achja, früher hatten wir auch einen, das war eine tolle Zeit!“ Und ja, tatsächlich verdient dieser hübsche alte Bus den Zurspruch. Meistens.

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