KREUZFAHRT – TRAUM ODER ALBTRAUM?

Von Jonas Amelong, Illustration: Franziska Martin

Kreuzfahrten sind so beliebt wie noch nie. In den vergangen zehn Jahren ist die Anzahl der Passagiere in Europa laut Statista um ca. 70 Prozent gestiegen. Alleine in Deutschland reisten allein in 2016 über zwei Millionen Menschen mit einem weißen Koloss über die Weltmeere. Doch was reizt die Menschen so sehr daran sich auf die Fährten von Rose und Jack zu begeben?

Kreuzfahrten bieten vor allem eins: Ein Rundumsorglospaket das seinesgleichen sucht. Alle paar Tage ein neues faszinierendes Ziel ohne Reise- und Packstress, ein vielseitiges Kulturprogramm für Jung und Alt, unterschiedliche kulinarische Köstlichkeiten – jeder Wunsch wird erfüllt. Gerade für Familien mit Kindern bieten Anbieter wie Mein Schiff oder AIDA ein entspanntes und stressfreies Reisen. Während Kreuzfahrtschiffe früher den Ruf hatten hauptsächlich für die älteren Generationen da zu sein, sind die Reisen heute endgültig in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Der durchschnittliche Passagier ist laut der Süddeutschen Zeitung gerade mal 50 Jahre alt und somit nur knapp älter als der Durchschnittsdeutsche.

Kreuzfahrtschiffe liefern das Heimische im Exotischen und Fremden. Ein Stück zu Hause auf den Weltmeeren und all das zu einem nahezu perfekten Preis-Leistungs-Verhältnis. Eigentlich nicht schlecht, oder?

Natürlich gibt es Zielgruppen für die, die Reise mit dem Kreuzfahrtschiff eine wunderbare Option ist. Gerade für ältere Menschen ist es eine großartige Gelegenheit die Welt trotz körperlichen Einschränkungen zu erkunden. Doch sein wir mal ganz ehrlich: Kreuzfahrten sind vor allem etwas für Menschen, die sich ganz fest in ihrer eigenen Komfortzone eingemummelt haben. Neues ist nur dann okay, wenn es in geregelten Bahnen abläuft. Eigeninitiative und Selbstverantwortung sind für viele Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs während der Reise Fremdwörter.

DAS GROßE SCHIFF UND DAS GELD

Nicht nur rein optisch wirken die gigantischen Schiffe wie aus der Zeit gefallen. Arbeitsbedingungen und ökologisches Bewusstsein ähneln längst vergangenen Jahren. Die großen Reedereien haben sich ein kapitalistisches Ökosystem aufgebaut, das seinesgleichen sucht.

Die Passagiere bereisen zwar ferne Länder. Doch das Geld bleibt bis auf wenige Ausnahmen in den Händen von AIDA & Co. Ein Großteil der Tagestripps werden bereits auf dem Schiff gebucht. Die Einheimischen bekommen laut Tourism Watch, einem Informationsdienst für Tourismus und Entwicklung, nur einen Bruchteil von den Ausgaben der Passagiere ab. Leidtragender ist der lokale Tourismus, der unter den enormen Menschenmengen leidet, aber davon nicht ausreichend finanziell profitiert.

Städte wie Venedig oder Dubrovnik haben bereits reagiert. In der italienischen Grachtenmetropole ist etwas außerhalb ein neuer Anleger geplant: Sodass Kreuzfahrtschiffe künftig nicht mehr direkt am historischen Stadtkern vorbei schippern, sondern außerhalb Halt machen müssen. Auch in der kroatischen “Game-of-Thrones”-Stadt sieht man Kreuzfahrttouristen, die kaum Geld dalassen, inzwischen äußerst kritisch. Laut dem Telegraph wird deswegen geplant die maximale Anzahl an täglichen Besuchern von 8.000 auf 4.000 zu reduzieren, um der chronischen verstopften Innenstadt Einhalt zu bieten.

Kein Wunder also, dass auch die Arbeitsbedingungen am Bord deutsche Standard um ein weites unterschreiten. Die extrem günstigen Preise (viele Anbieter haben Durchschnittspreise zwischen 90 bis 160€ pro Tag, einzelne Kurztrips sind bereits ab 200€ buchbar) müssen schließlich ermöglicht werden. Neben Steueroptimierung durch Fahnenflucht in Länder wie Malta oder Bermuda ist das nur mit extrem günstigen Lohnkosten möglich. Arbeiter aus den Philippinen oder Indonesien schuften für Dumping-Löhne. Auch den “höher qualifizierten” Angestellten geht es laut einem Bericht der ZEIT finanziell oft nicht viel besser. Köche, Barkeeper oder Kabinenstewardessen kommen selbst mit Boni nicht ansatzweise in die Nähe des deutschen Mindestlohns.

DAS GROßE SCHIFF UND DIE UMWELT

Während in den Zeitungen ein PKW-Abgasskandal den vorherigen ablöst, liegen die wahren Umweltverbrecher weiter heiter in unseren Häfen und dampfen fröhlich vor sich hin. Von Rußpartikelfilter und Katalysator keine Spur. Während die Kolosse in Hafennähe auf Schiffsdiesel setzen, wird auf hoher See fast ausschließlich Schweröl eingesetzt. Schweröl hat einen Schwefelwert, der laut ZEIT 3.500 mal so hoch ist wie der für PKWs. Unfälle mit dem Schiffstreibstoff haben verheerende Wirkungen und zerstören Flora und Fauna. Auch deutsche Hafenstädte haben heute schon enorm unter dem erhöhten Kreuzfahrtbetrieb zu leiden. Messungen in Warnemünde oder Hamburg vom Naturschutzbund NAbU ergeben eine Luftverschmutzung, die zu einzelnen Zeitpunkten bis zu 80 Mal so hoch ist, wie an stark befahrenen Straßen. Immerhin ist Besserung in Sicht. Ab 2020 müssen die Schwefelanteile im Treibstoff von 3,5 auf 0,5 Prozent reduziert werden. Jedoch werden noch Jahrzehnte vergehen, bis Kreuzfahrten wirklich nachhaltig gestaltet werden können.

Mit dem glamourösen Flair früherer Tage haben moderne Kreuzfahrten heute nicht mehr viel zu tun. Auch wenn die Reedereien alles versuchen diesen glorreichen Anstrich zu bewahren. Die durch optimierten Dumping-Dampfer mögen zwar ihren Passagieren den Urlaub ihrer Wünsche garantieren. Die Erfolgszahlen der letzten Jahre sprechen ohne Zweifel für sich. Doch gibt es nicht nur Gewinner bei dieser Welle des Triumphes: Die Umwelt wird gefährdet, der lokale Tourismus enorm bedrängt und die Gesundheit von Anwohnern und ihren Mitarbeitern riskiert. Gewinne werden privatisiert, Schäden sozialisiert.

Das Problem ist sicher nicht die Reiseform an sich. Kreuzfahrten haben ihre Zielgruppe und werden sie mit hoher Sicherheit auch immer haben, ganz unabhängig von persönlichen Vorlieben. Das Problem ist das System, dass die Anbieter in den letzten 20 Jahren aufgebaut haben. Ein System, in dem Urlaubern vorgegaukelt wird, sie könnten sich eine teure Kreuzfahrt leisten. Dabei ist das nur möglich, weil die Kosten auf die Umwelt und die Lebensverhältnisse der Mitarbeiter umgelegt werden. Für die nächsten Jahre ist eher davon auszugehen, dass der Boom weiter geht und die Zahl an neuen Schiffen weiter steigt. Die Auftragsbücher bei den Schiffbauern sind schon jetzt voll.

Es ist also zu hoffen, dass demnächst mehr Städte Vorbildern wie Venedig oder Dubrovnik folgen, um der Kreuzschifffahrt Einhalt zu bieten. Denn erst mit entsprechenden Umwelt- und Arbeitsregulierungen und somit steigenden Preisen kann das Kreuzfahrtgeschäft nachhaltiger gestaltet werden.

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