Nacktheit: Do it!

von Lisa Eichhorn, Illustration von Franziska Martin

Free-the Nipple, kreischt dir ein Foto in deinem Instagram-Feed entgegen und doch bist du nicht bereit dazu, dir die Klamotten vom Leib zu reißen und abzunudisten? Hab Mut!

Die Ursprünge

Bereits im Mittelalter badeten die Menschen in weiten Teilen Mitteleuropas in Seen und Flüssen nackt, wenn auch häufig nach Geschlechtern getrennt. Erst im späten 18. Jahrhundert begann die wirksame Tabuisierung der öffentlichen Nacktheit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts feierte sich dann die Freikörperkultur in Deutschland mit „Schulen für Körperkultur“. Eine davon war das das „Lichtschulheim Lüneburger Land“, eines der gewagtesten reformpädagogischen Projekte seiner Zeit: Dort lehrte man unter anderem die Freude am Nacktsein. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 hatte das ein Ende: Die Schule wurde geschlossen.

In den Folgejahren wurde Nacktheit politisch instrumentalisiert. Vom Klassenkampf bis zur abstrusen Verherrlichung des “arischen“ Körperkults. Dann in den Anfängen der Wendezeit gehörten die Nacktbadestrände im Osten der Republik zum easy going – im Westen wurde es dagegen zugeknöpfter und spießiger.

In den wilden 1970’ern folgte die Endtabuisierung in der Bundesrepublik Deutschland. Ab da galt: Überall wo es nicht explizit verboten war, durfte man nackt sein. Und das nutzten die Leute auch aus. Der Trend hielt allerdings nur zwanzig Jahre, dann wurde Deutschland wieder prüde. Nackte waren out! Bikinis und Badeanzüge kehrten zurück und Hosen verdrängten Miniröcke…

Es gibt keinen Grund dich zu schämen

Und heute? Heute werden uns täglich gottähnliche Geschöpfe auf Instagram oder in der Werbung präsentiert. Auf dem Display wird optimiert was das Zeug hält, obgleich schon in der realen Welt gezupft, geschminkt und gepinselt wird. Beschönigen, pushen, tricksen, lautet hier das Motto. Doch es gibt Orte an dem Menschen alle gleich sind: Der FKK-Badestrand und die Sauna. Pure und unverfälschte Nacktheit ohne Schamgefühl. Zumindest in der Theorie. Denn Scham ist ein zentrales Thema beim Thema Nackt sein. Schließlich sind Schwabbel, Hänge-Brüste und schlaffe Hintern out. Gewollt ist der Fitnessbody.

Andere wiederum sind mit dem Thema Nacktheit einfach nicht so aufgewachsen „Nacktheit war bei uns zu Hause nie ein Thema, meine Eltern waren immer angezogen…“, erzählt mir ein Freund. Wie mit der eigenen Nacktheit umgegangen wird, ist also auch von der eigenen Erziehung abhängig. Ein anderer, der im Osten aufwuchs entgegnet: „Bei uns ist das bis heute noch total normal, wenn ich meine Eltern besuche gehen wir im Sommer auch manchmal zusammen FKK baden, damit hat bei uns zu Hause keiner ein Problem.“

Im Osten ist die Freikörperkultur auch heute noch etablierter, als im Rest der Republik. Das mag unter anderem daran liegen, dass Nacktsein und FKK in dem damaligen restriktiven System eine der Möglichkeiten von Ungezwungenheit und Opposition war, die dem Staat entgegengesetzt werden konnte.

Nacktsein nur als Nacktsein zu sehen, scheint kompliziert zu sein.

Man sollte endlich aufhören, Nacktsein zu sexualisieren oder als Befreiungsschlag zu sehen. Sondern einfach als Normalität. Und Schluss mit dem Body Shaming: Sei mit dir im Om, heißt es – fick dich Om! Wenn ich nackt nicht im Einklang mit mir selber bin, wann denn dann? Auch ein Stück Stoff wird daran nichts ändern können.

 

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