Meer

Illustration und Text von Franziska Martin

Wenn ich an die See denke, ans Wasser, mit all seiner Weite und Tiefe, kommen mir sofort alte Seemannsgeschichten in den Sinn. Und ein Moby Dick, der auf eine Gelegenheit wartet, der Welt zu zeigen, wer jetzt der letzte Überlebende der alten Legenden ist. Ich laufe am Strand und lasse die einzelnen Sandkörner über meine Füße rinnen, laufe ins Meer – erfrischendes Blau. In meinen Gedanken baue ich ein Holzboot, lasse die Sicherheit, die Sicherheit sein und fahre los. Nachts scheinen die Sterne und neben mir taucht ein Blauwaal und singt vergnügt ein Gute-Nacht-Lied. Irgendwann komme ich dann an eine Insel, die sehr nett aussieht. Aber ich denke mir, dass ich eigentlich lieber weiterfahren würde. Und so fahre ich mit meinem selbstgebastelten Holzboot von Amerika nach Europa, von da nach Afrika und dann nach Asien. Neuseeland ist mir dann doch zu weit ab vom Schuss, deswegen lass ich das lieber sein. Irgendwann nach langer Zeit, mittlerweile habe ich schon Falten und graues Haar, komme ich dann wieder an der schönen Insel vorbei und werde sesshaft.

Möwen kreischen um die Wette und holen mich aus meinen Gedanken: Ich stelle mir vor, wie sie schreien „Ich hab den größten Fisch gefangen!“ „Nein, ich!“ Geben sich Möwen auch Namen? Kinder stehen am Strand und sind fasziniert von der blauen Weite. Ich atme ein und der vertraute Salzgeruch breitet sich in meiner Nase aus. Verborgen unter Millionen Wassertropfen ist eine blaue-grüne Welt zu finden mit all ihren Schattierungen und Bewohnern, von denen ich nicht einmal die Hälfte der Dinge weiß, die es über sie zu wissen gibt. Tiefseetaucher müsste man sein. Und die Welt durch eine Schwimmbrille betrachten, bis man glaubt, selbst Flossen und Schuppen zu besitzen. Tauchen war ich bis jetzt nur einmal: unheimlich und faszinierend diese Welt. Wenn man etwas aus der Ferne betrachtet, wirkt es ganz anders als in der Nähe. Die Realität verschwimmt mit der Vorstellungskraft und andersherum.

Als Kind habe ich mir Häuser ausgedacht, die direkt am Meeresgrund zu finden waren. Mit Leuchtfischen als Lampen und Algen als Efeu. Über den Sauerstoff, den Menschen ja bekanntermaßen brauchen, habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich dachte, man wechselt einfach vom Land ins Wasser, je nachdem worauf man gerade Lust hat. Eine ganze Meereswelt habe ich mir ausgedacht mit Brücken und Wegen. Aber wenn ich es mir genauer überlege, würde die Sonne mir unter Wasser doch schon ziemlich fehlen. Und der Wind, die Bäume und alles was das Leben hier an Land so ausmacht.

Gedankenvoll blicke ich auf den Ozean, den vor mir schon so viele Menschen gesehen haben. Und den nach mir noch viele sehen werden, wenn ich schon längst eine Erinnerung einer Erinnerung geworden bin. Das hat die See wohl an sich, dass sie einen manchmal so schön melancholisch macht. So melancholisch, dass man sofort zur Gitarre greifen und sehnsüchtig Lieder singen möchte. Und  auf der anderen Seite so abenteuerlustig, dass man am liebsten selbst zum Matrosen mit wehendem Haar werden würde, der die Geheimnisse des Meeres erkundet. „Leinen los!“, flüstert es in mir. Gibt es hier eigentlich Holz?

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