Freigeschwommen I

Von Dagny Lack, Illustration von Franziska Martin

Viele können sich sicher noch gut daran erinnern, wie es war, schwimmen zu lernen. Manche haben dazu einen Schwimmkurs besucht. Andere haben vielleicht im Sommer am Baggersee oder im Freibad unter Aufsicht der Eltern oder eines großen Geschwisterteils geübt. Es war nicht leicht und doch hat sich selten etwas so sehr gelohnt.

Rückblickend ist es schwer zu verstehen, wie mühsam die immer gleichen Bewegungen damals erschienen und was für Schwierigkeiten einem die richtige Koordination von Armen und Beinen bereiten konnte. Ansporn für all diese Anstrengungen war, zumindest für mich, stets die rotweiße Plastikkugelkette, die am Großensee in Trittau die Absperrung zwischen dem Nichtschwimmer- und dem Schwimmer-Bereich markierte. Schon damals war klar: Schwimmen bedeutet Freiheit. Wie sehnsüchtig schauten ich und meine, zum Teil beschwimmflügelten, Leidensgenossen den anderen Kindern und Jugendlichen zu, die jenseits der Absperrung in die damals scheinbar endlosen Weiten des Sees hinausschwammen. Völlig unbekümmert, meist ohne auch nur noch einen Blick gen Ufer zu werfen. Wir hingegen wurden von unserer Angst „unterzugluckern“ und den Rufen unseren Eltern, die uns ermahnten, „nicht ins Tiefe“ zu gehen, zurückgehalten.

Jenseits der Absperrkette

Und dann irgendwann kam er: Der Sommertag, an dem ich zum allersten Mal unter der leidigen Absperrkette hindurchschlüpfte und mich plötzlich in dem Teil des Wassers befand, in dem man nicht mal mehr mit den Zehenspitzen den Boden berühren konnte. Vielleicht rief mir meine Mutter noch halb freudig, halb besorgt zu, vorsichtig zu sein und nicht zu weit raus zu schwimmen. Ich erinnere mich nicht mehr genau, zu aufregend war die Situation. Ich wiederholte die bis zur Perfektion einstudierten Arm- und Beinbewegungen, die sich jetzt jedoch völlig anders anfühlten, nun, da ich wusste, dass es drauf ankam. Im Nicht-Schwimmer-Teil hatte einem das Wasser maximal bis zur Brust gereicht, der sichere Grund war immer direkter Reichweite gewesen. Jetzt aber konnte ich ihn weder sehen, noch fühlen, sondern merkte im Gegenteil, wenn ich die Beine in die Tiefe streckte, wieviel kälter das Wasser dort unten war. Diese Tatsache rief einem auf unangenehme Art und Weise ins Gedächtnis, wie viele Meter man im Falle des Ertrinkens unter der dunklen Oberfläche herabsinken würde. Doch dann schwamm ich los. Es war ein ganz besonderes Gefühl: um mich herum war nichts als Wasser und über mir die Sonne, die glitzernde Muster auf die Seeoberfläche malte. Zwischendurch durchfuhr mich ab und zu ein Schreck, wenn sich plötzlich eine Seepflanze um meinen Fuß schlang, oder ein schleimiges Blatt mein Bein streifte. Doch alles in allem merkte ich, dass ich auf mich vertrauen konnte.

Die Wichtigkeit des in-die-Tiefe-gehens

Schwimmen ist, neben Laufen und Fahrradfahren lernen, zweifellos einer der wichtigsten  Initiationsriten, die man so als Kind durchlaufen kann. Die grenzenlosen Momente der Freude, Freiheit und Selbstbestimmung, die es einem ermöglicht, sind einfach einzigartig.

Viele von uns erleben viel später, als Erwachsene, Situationen, die dieses Gefühl erneut in uns hervorrufen. Der Weg dorthin ist manchmal ähnlich mühsam, wie der Prozess des Schwimmenübens. Oft beinhaltet auch er eine Grenze, die durchschritten werden muss – selbst wenn diese nicht von einer rotweiß bekugelten Kette markiert wird, sondern unsichtbar ist. Dafür muss man sich mitunter von den Warnungen seiner Eltern abkehren und, entgegen aller mahnenden Worte, ins unbekannte Tiefe gehen. Man muss sich von den Vorstellungen anderer freischwimmen, um zum einen zu spüren, wie es ist auf sich selbst gestellt zu sein. Vor allem aber, um zu merken, wo man hin und wer man sein will. Denn solange man hinter der Absperrung bleibt, wird man es nicht herausfinden.

Advertisements