Dein Kanal

Von Nina Heinrich, Illustration von Franziska Martin

„Wir sind absolute YouTube-Fans bei uns in der Redaktion“, hieß es auf einem Webserien-Festival-Panel in Hamburg vor ein paar Monaten. Die Worte stammten von einer Redakteurin, die für „Wishlist“ zuständig ist – eine Webserien-Produktion der Öffis. Im ewig leeren Innovationsecho der deutschsprachigen Medienlandschaft kam mit dem Projekt „funk“ überraschender Wiederhall. Nicht etwa aus der Röhre, sondern lethargisch scheppernd aus Laptop und Iphone-Boxen. Finden kann man die Inhalte von funk auf YouTube, der alte, neue Kanal für die Content-Lawine, und auf der eigenen Homepage: Ein weiterer, lose zusammengeschusterter, Webseiten-Friedhof wurde so geschaffen, doch nur der Form halber. Eigentlich sollen die flott geschnittenen Geschichten über Apps und Teenager und Liebe und Party auf dem wohl einzig denkbaren Internet-Kanal für Bewegtbild ihr Publikum erreichen.

YouTube selbst hat sich zu Zeiten seiner Gründung als Anlaufstelle für Home Videos stilisiert. Das „You“ im Namen soll signalisieren, dass es nicht um Firmen, Selektion und Exklusivität gehe, sondern um den User. Um dich und mich. Schlicht: Eine provokative Absage an professionelle Inhalte. Dass YouTube in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen ist, dass die Contentmaschine „Weltweite Zivilbevölkerung“ als billiges Mittel nutzt, um gewinnbringend Werbepartner zu befriedigen, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Der oben erwähnte Selbstverweis der Redaktion von „Wishlist“ zum „YouTube“-Fan jedoch, lässt auf eine persönliche Verbindung schließen. Monopolitisches US-Internet-Unternehmen, hochprofessionelle Senderstrukturen und rebellischer, Community-driven Online-Content, wie passt das zusammen?

Funk und Youtube

Laut der Pressesprecher-Garde von funk ist das ganz einfach: Wir gehen dahin, wo sich das Publikum aufhält, das wir erreichen möchten. Ihr sagt, junge Menschen haben sich von linearem Fernsehen abgewandt und schauen nur noch YouTube? Dann SIND wir eben YouTube … So wurde das funk-Logo auf lange schon bestehende, florierende YouTube-Kanäle gepresst und mit erfahrenen Redaktionsteams und Quoten-, beziehungsweise Traffic-Druck versehene Webserien ins Netz und in die weltweite Festival-Landschaft für das Format geschleust.

So agieren ARD und ZDF als besserwisserische Spielverderber gleich auf zwei Ebenen. Sowohl den Selbstdarstellungs-vernarrten Teenagern vor der Webcam als auch der nerdigen wie mittellosen freien Szene der Webserienproduzenten rufen die Sender unüberhörbar entgegen: Werdet endlich erwachsen! Verdammt nochmal, professionalisiert euch. Dieses ganze amateurige Web-Gewimmel hält doch kein Mensch aus. Wir haben GEZ.

Private Sender beschweren sich seit Urzeiten, dass die öffentlich geförderte Medienproduktion den Prinzipien der freien Marktwirtschaft widerstreben würde. Und tatsächlich ist das Prinzip der öffentlich-rechtlichen Sender eine einzigartige Gelegenheit, Inhalte mit Blick auf Relevanz statt auf Passgenauigkeit mit potentiellen Werbepartnern zu produzieren. Die Kritik von denen, die für diese Marktunabhängigkeit zahlen, lautet häufig, dass „Relevanz“ im Auge des Betrachters läge und die Inhalte keinen Anspruch auf objektive Informationsarbeit legen könnten. Das Problem lässt sich wohl so einkreisen, dass die Programmmachenden immer noch Menschen sind. Solange Inhalte redaktionell aufbereitet werden, wird es immer eine Agenda, eine Richtung, Färbung und gewisse Anstößigkeit geben. So funktionieren Medien. Doch wie verändert sich der Blick auf den Auftrag zur Daseinsberichtigung beim Befüttern der Plattform YouTube?

Unterhaltung als Teil des Sendeauftrags

Die Sender selbst rechtfertigen ihr Vorgehen damit, dass genau wie Information und Bildung auch die Unterhaltung ja Teil ihres Sendeauftrags wäre. Inwiefern die funk-Zielgruppe öffentlich-rechtlich produzierte Inhalte in ihrer YouTube-Historie benötigt, sei ganz und gar dahingestellt. Entscheidend ist viel mehr die Frage, ob die Finanzierung medialer Inhalte über öffentliche Gelder nicht eine ganz grundsätzliche Ethik in der Produktion und Distribution einfordere. Aber wie jede Person, die sich auf dem Glatteis der deutschsprachigen Filmlandschaft schon einmal ausprobiert hat, festgestellt haben wird, bedeutet Kulturförderung in Deutschland vor allem Wirtschaftsförderung. Allen voran Film und Medien. Denn diese sind entscheidende Wirtschaftszweige. Und auch ARD, ZDF und all die regionalen Landesrundfunkanstalten sind schlussendlich auf eine gewisse Breitenwirksamkeit angewiesen. Dabei ist es gut, dass es Druck gibt, um nicht an den Zuschauern vorbei zu produzieren. Die Mittel dazu sollten jedoch nicht den gleichen wie der freien Wirtschaft entsprechen.

Der Weg des geringsten Widerstands

Mit der Streuung von funk-Inhalten auf YouTube werden die 42 Millionen jährlich, die dem „Projekt Nachwuchs“ zur Verfügung stehen, für den Weg des mit Abstand geringsten Widerstands eingesetzt. Anstatt Mühen, Schweiß und Öffentlichkeitsarbeit in die Errichtung einer gedeihenden und von US-Monopol unabhängigen Plattform für den deutschsprachigen Raum digitaler Medienproduktionen zu stecken, haben unsere guten alten Öffis sich diesem Goliath kampflos und reflektionsfrei ergeben. Damit wurde auch die Chance vertan der freien Szene eine Möglichkeit zu bieten, ihre mit Leidenschaft produzierten Inhalte zu verbreiten – ohne dass ihre Uploads von einem gesichtslosen Algorithmus versteckt würden, nur weil sie für YouTube keine wirtschaftliche Strahlkraft mitbringen.

Zu hoffen bleibt, dass die freie Szene als Gegenstück zu Produktionsfirmen-Riesen zukünftig mehr als das wahrgenommen wird, was wir als eigentliche Öffentlichkeit begreifen und in dieser Form auch Unterstützung erlebt. Nur so kann die immer wichtiger werdende Online-Storytelling-Landschaft auch nur annähernd die Bandreite der Themen abbilden, die den zeitgenössischen Alltag bestimmen.

Medien, das sind wir alle.

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