Freigeschwommen II

Von Dagny Lack, Illustration von Franziska Martin

Wer schon einmal gegen die Strömung eines Gewässers angeschwommen ist, weiß, dass das unglaublich anstrengend ist. Die Beine und Arme ermüden viel schneller, als sonst. Gleichzeitig hat man oft das Gefühl, kaum voran zu kommen. Und die enorme Kraft des Wasserstrudels, die immer wieder versucht, einen in die entgegengesetzte Richtung zu drängen, wird mit der Zeit unerträglich. Manchmal ist man vor Erschöpfung fast versucht, nachzugeben und sich einfach kampflos treiben zu lassen. Doch schon Konfuzius wusste, dass man gegen den Strom schwimmen muss, um zur Quelle zu gelangen. Mit anderen Worten: Der Weg des geringsten Widerstands bringt einen in den seltensten Fällen zu sich selbst.

Im Folgenden kommen unterschiedliche Freischwimmer zu Wort: Sie haben einige Anstrengungen auf sich genommen, um dahin zu kommen, wo sie jetzt sind.

Als kleines Kind ist Dima (Anfang 20) mit seiner Familie aus Russland nach Hamburg gezogen. Vor ein paar Jahren hat er sich als homosexuell geoutet. Ein Ereignis, das sein Leben komplett verändert hat.

Dima, wann hast Du zum ersten Mal realisiert, dass Du schwul bist?

Dima: Das kann ich so eindeutig gar nicht sagen. Man spricht immer vom inneren und äußeren Coming-Out. So mit fünfzehn, sechzehn fing ich zwar an, mich gelegentlich mit Typen zu treffen. Doch jedes Mal, wenn ich etwas Neues in der Richtung ausprobierte, bereute ich es danach. Vor allem der religiöse Konflikt machte mir zu schaffen. Ich bin christlich erzogen und besonders mein persönlicher Glaube ist mir sehr wichtig. Doch wie sollte ich an Gott glauben und gleichzeitig schwul sein? Damals schien es mir schwer, das zu vereinbaren. Daher redete ich mir lange ein: Das ist eine Phase. Eine Weile kannst Du das jetzt machen. Aber dann musst Du wieder auf den „richtigen“ Weg zurückkehren, eine Russin heiraten und Kinder bekommen. So war damals in meiner Vorstellung. Dann hatte ich mit siebzehn, achtzehn mein erstes offizielles Date. Mit dem Jungen hatte ich eine wundervolle Zeit und war fast an dem Punkt, dass ich dachte: Es geht also doch. Gott wird mir verzeihen. Aber dann folgte wieder der Rückschlag. Denn an diesem Punkt kam meine Familie ins Spiel.

Inwiefern?

Dima: Von da an lebte ich in Angst. Ich brachte ja nicht nur mich selbst in Gefahr, sondern auch den Menschen, den ich liebte. Die ständige Frage „Was passiert, wenn meine Brüder oder meine Eltern es herausfinden?“ war immer in meinem Kopf. Und dann noch das Gefühl, dass ich in Gottes Augen schuldig war. Das führte schließlich auch immer wieder zum Zerbrechen meiner Beziehungen. Die Gewissensbisse holten mich jedes Mal wieder ein, es konnte so einfach nicht funktionieren.

Wann hat Deine Familie dann tatsächlich davon erfahren?

Dima: Mit achtzehn hatte ich dann meinen ersten richtigen Freund. Mit ihm war ich so glücklich, dass ich es zum ersten Mal schaffte, vor mir selbst dazu zu stehen. Und so viel Mut zusammen zu nehmen, um ihn zu mir nach Hause einzuladen -, vor meinen Eltern natürlich als mein „bester Freund“ getarnt. Tatsächlich fühlte ich mich an seiner Seite stark genug, dass ich dachte: Mittlerweile wäre es sogar egal, wenn sie es herausfinden würden.

Als es dann wirklich dazu kam, war es natürlich doch etwas anders.

Hast Du Dich dann vor Deinen Eltern geoutet?

Dima: Nein. Das ist vielleicht das größte Problem an der Sache. Hätte ich damals den Mut gehabt, ihnen die Wahrheit zu sagen, hätten sie sich vielleicht durch meine Notlügen nicht so hintergangen gefühlt. Stattdessen hat mein Bruder es meinen Eltern erzählt. Ich hatte mich eine Woche zuvor vor ihm als bisexuell geoutet. Als ich meinen Freund mitbrachte, hat es bei ihm natürlich Klick gemacht. Wenn wir oben in meinem Zimmer waren, kam er immer unter Vorwänden herein, um zu kontrollieren, was wir machten. Mein Freund übernachtete dann einige Tage bei uns und in der Zeit wurden mein Bruder und mein Vater immer wütender. Schließlich eskalierte die Situation und sie stellten mich zur Rede. Ich sagte zu meinem Freund: Pack alle wichtigen Sachen zusammen, geh zur Bushaltestelle, ich treffe Dich später da. Er wollte mich natürlich nicht zu meinem Bruder und Vater gehen lassen. Aber es musste sein.

Und dann?

Dima: Dann ging ich zu meinem Bruder und meinem Vater. Für sie stand fest: ich sollte sofort abhauen und am besten auch Deutschland verlassen. Ich sagte ihnen: „Ihr werdet mich nie wiedersehen.“ Ich kam dann einige Zeit bei meiner besten Freundin unter. Doch ich ließ das alles nicht so richtig an mich heran. Ich war wie eine Maschine – ich war mitten im Abitur und es gab so viel zu tun, dass in dem Moment wichtiger schien, als das.

Auf Deinem Abiball hast Du Dich dann auch freiwillig geoutet…

Dima: Die meisten meiner Mitschüler hatten es eh schon geahnt. Es war vor allem ich selbst gewesen, der es sich einfach nicht eingestehen wollte, schwul zu sein. Ich kam dann mit meinem Ex-Freund zum Ball und wir tanzten vor allen Schülern, Lehrern und Eltern, also quasi vor der gesamten Dorfgemeinschaft miteinander. Meine Familie war zwar nicht da, aber es war für mich trotzdem einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens. Dass ich einfach unbeschwert und ich selbst sein konnte.

Mittlerweile hast Du ja auch wieder Kontakt zu Deiner Familie. Wie kam es dazu, dass Ihr Euch wieder annähern konntet?

Dima: Das war ein schleichender Prozess. Meine Mutter wollte die ganze Zeit weiter Kontakt zu mir haben. Also begann ich, mich mit ihr und gelegentlich auch meiner Schwester zu treffen. Die beiden das erste Mal wieder zu sehen, machte mich so froh. Als mein Vater erfuhr, dass meine Mutter und ich uns heimlich trafen, erlaubte er mir, wieder als Gast zu Besuch zu kommen. Irgendwann war ich auch zu Weihnachten wieder eingeladen und es kehrte wieder so etwas wie Normalität ein. Mein Vater hat sich dann auch vor der ganzen Familie an seinem Geburtstag bei mir entschuldigt. Das bedeutete mir unheimlich viel. Über die Jahre haben wir unsere Beziehung dann wieder intensiviert. Es ist nicht alles weggewischt. Er hat teilweise Ansichten, mit denen ich nicht übereinstimme und er kann wiederum meine Homosexualität nicht nachvollziehen. Aber wir können uns irgendwie wieder mehr so sein lassen wie wir sind.

Was würdest Du heute jemandem sagen, der sich nicht traut, sich zu outen?

Dima: Ich kann sagen, dass es für mich wie eine Wiedergeburt war. Mein Coming-Out war bis jetzt die krasseste Erfahrung, die ich gemacht habe. Und trotz allem, was passiert ist, war es zweifellos auch das schönste Erlebnis überhaupt. Für viele ist es ein langer Weg, ein unglaublich langer Weg. Aber jeder kleine Schritt bringt einen näher zu sich selbst.

Und wenn ich heute zurückblicke, kann ich sagen, dass sich die ganze Zeit, in der ich in Ungewissheit lebte und mit mir selbst nicht im Reinen war, viel schlimmer anfühlte, als alles was danach passiert ist. Wenn Du dich outest, wirst Du an Ecken stoßen. Aber Du wirst auch immer so viele Menschen treffen, die Dich unterstützen und Dir Liebe geben, weil es für sie das normalste von der Welt ist.

Vor etwa einem Jahr haben Laura und Nils (beide Mitte 20) gemeinsam die Band Grundeis gegründet und widmen sich seitdem voll und ganz der Musik.

Momentan bilden die Band und Musik den Mittelpunkt Eures Lebens. Doch ursprünglich habt Ihr beide ja etwas ganz Anderes gemacht. Laura, Du hast vor kurzem Dein Jura-Studium abgebrochen und Nils, Du hast eigentlich Wirtschaftsingenieurswesen studiert. Beides hat mit Musik nicht viel zu tun. Wie kam es, dass Ihr erst diesen Weg eingeschlagen habt?

Laura: Ich wusste, dass meine Eltern so etwas wie ein musikalisch-künstlerisches Studium oder ein Jahr Leerlauf nach dem Abi nicht toleriert hätten. Ich wollte damals vor allem frei sein und hielt das Jura-Studium für den einfachsten Weg, weil ich so weiterhin finanzielle Unterstützung von meinen Eltern bekam: Sie erkannten meine Ausbildung an und ich konnte gleichzeitig mein Leben leben. Mir war das Studium eigentlich recht egal. Ich habe zwar phasenweise gelernt, wenn eben Klausuren oder Hausarbeiten zu schreiben waren, doch andere Dinge waren mir viel wichtiger. Die Musik, mein damaliger Freund …

Nils: Ähnlich war es bei mir auch. Ich glaube, dass in dieser Hinsicht auch das Aufwachsen in einer Kleinstadt eine wichtige Rolle spielt. Das ist ein konservativeres Setting, als die Großstadt. Wenn dann beide Eltern noch seit Ewigkeiten in demselben Job arbeiten, davon zwar einigermaßen leben können, aber nie wirklich gezwungen sind, mal über ihren Tellerrand hinaus zu schauen, fällt es ihnen natürlich auch schwer, Offenheit für alternative Lebensentwürfe zu zeigen. Stattdessen trichtern sie dir ein, dass du einen guten Abschluss brauchst, um später einen sicheren Arbeitsplatz zu bekommen, damit du nicht auf der Straße landest. Nachdem ich meinen Bachelor in Hagen gemacht hatte, bin ich nach Hamburg gezogen und hab schnell gemerkt: Hier gibt’s ja unglaublich viele Leute, die etwas im Bereich Musik oder Kunst machen. Das waren so viel mehr Möglichkeiten, als ich sie aus Hagen oder dem kleinen Ort, in dem ich aufgewachsen bin, kannte. Ich habe dann angefangen, in einem Restaurant an der Bar zu jobben und wusste da bereits ziemlich genau, dass ich nicht mehr als Ingenieur arbeiten möchte.

Was hat Dich an diesem Lebensweg abgeschreckt?

Nils: In dieser Leistungsgesellschaft, in der wir leben, gibt es so viele Jobs, die mich überhaupt nicht mehr reizen, weil sie mir persönlich so wenig geben und ich sie zum Teil auch unmoralisch finde. Ich hätte bei Lufthansa Technik als Ingenieur anfangen können. Aber ich habe gemerkt, dass ich es vor mir selbst nicht mehr vertreten könnte für ein riesiges Wirtschaftsunternehmen oder im Finanzsektor zu arbeiten. Es würde mich in keinem Fall erfüllen, sondern mir eher wie Selbstbetrug vorkommen.

Was sagen Eure Eltern dazu, dass Ihr Eure vorherigen Ausbildungen nicht weiterverfolgt, sondern stattdessen nun das Spielen in einer Band Eure Haupttätigkeit ist?

Laura: Seitdem ich das Studium abgebrochen habe, herrscht zwischen mir und meinen Eltern kalter Krieg. Sie meinen es nicht böse, aber sie können es nicht nachvollziehen und machen sich Sorgen, dass ich mein Leben ruiniert habe. Sie wissen nichts über diese Welt, sondern fragen sich stattdessen, wie ich nun finanziell über die Runden kommen will. Aber mir ist eigentlich egal, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Es muss kein besonderer Job sein. Hauptsache, ich habe genug Zeit für die Musik.

Nils: Als ich meinen Eltern erzählt habe, dass ich angefangen habe, in der Gastro zu arbeiten, haben sie erst recht gelassen reagiert. Sie dachten, ich will das nur so für den Übergang machen, bis ich etwas Anderes gefunden habe. Aber nach einer Weile fingen sie an zu fragen: Hast du dich denn nun mal irgendwo beworben? Was willst du denn jetzt wirklich machen?Mittlerweile fangen sie langsam an, zu akzeptieren, dass mir mein Leben so, wie es gerade ist, mit der Band und dem Bar-Job, unheimlichen Spaß macht und gefällt. Sie vertrauen, glaube ich, inzwischen darauf, dass ich meinen eigenen Weg finden werde.

Macht Ihr selbst Euch denn manchmal Sorgen um Eure Zukunft? Beruflich, finanziell…

Laura: Überhaupt nicht. Einfach, weil ich erlebt habe, wie sehr man sich dabei quälen kann, etwas zu tun, dass einfach nicht zu einem gehört. Und wie sehr man auf der anderen Seite in etwas aufgehen kann, dass einen kreativ und emotional erfüllt. Die Sorgen kommen immer erst dann, wenn ich mit den Fragen anderer konfrontiert werde. Mittlerweile kann mir aber auch das nicht mehr so viel anhaben. Es macht mir Angst, wenn schon alles festgelegt scheint. Ich fühle mich dann eingesperrt. Und jetzt denke ich mir, es gibt so viele Möglichkeiten, irgendwie Geld zu verdienen. Ich brauche auch nicht viel. Mir reicht es wirklich völlig, Musik zu machen. Und zu essen.

Nils: Ich komme eigentlich auch gut über die Runden. Nur ab und zu geht etwas zu viel Geld für’s Feiern drauf. Allerdings komme ich schon Ende des Monats immer bei plus, minus null raus. Sorgen macht mir manchmal, dass ich so nicht wirklich etwas auf die hohe Kante legen kann. Für den Fall, dass mal Musik-Equipment oder etwas Anderes kaputtgeht. Dafür müsste ich dann erstmal eine Weile sparen. Aber man wird dann erfinderisch und lernt selbst Dinge zu reparieren. Vor allem merkt man aber schnell, worauf es einem wirklich ankommt.

Also seid Ihr jetzt glücklicher als früher?

Laura: Ja! Es war ein unheimlicher Befreiungsschlag. Ich habe das richtig gemerkt, an dem Tag, an dem ich mein Studium dann wirklich abgebrochen habe. Ich hatte Angst vor diesem Schritt und war nicht gefasst darauf, wie sich der Bruch mit meinen Eltern auf mich auswirken würde. Doch danach habe ich mich endlich vollkommen gefühlt wie ich selbst und das ist doch wichtiger.

Nils: Es gibt einfach diesen Moment, in dem Du merkst, dass nur Du weißt, wie Du Dein Leben verbringen willst. Und wenn das nicht mit den Vorstellungen anderer Leute zusammenpasst, egal, ob es Deine Eltern, die Gesellschaft, Deine Freunde oder wer auch immer sind, musst Du den Mut finden, Konflikte zu führen oder Dich davon loszusagen und es trotzdem machen.

Grundeis spielen ihr nächstes Konzert am 18. Oktober im Frappant in Hamburg.

 

Georg (Mitte 20) studiert seit 2013 freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Seine Arbeiten haben sich in den letzten fünf Jahren sehr verändert.

Du studierst jetzt seit fünf Jahren an der HfbK und bist in der Bildhauerklasse. Warum hast Du diesen Schwerpunkt gewählt? War Dir von Anfang an klar, dass Du in dieser Form arbeiten willst?

Georg: Man kann sich nur auf einen Schwerpunkt bewerben. Das ist allerdings mehr eine Formalität. Denn man kommt zunächst in eine Grundklasse, wo alle Schwerpunkte, von Film und Design mal abgesehen, vertreten sind. Dann wird man Ende des ersten Jahres noch mal gefragt und wählt dann tatsächlich aus, in welche Richtung man gehen will.

Aber Du wolltest schon eher im Bereich Bildhauerei arbeiten? Du zeichnest ja auch viel. Kam Malerei nicht in Frage?

Georg: Ich war damals sehr beeinflusst von Joseph Beuys Werken. Das war noch so ein Abi-Fragment, da er mich als Figur damals sehr interessiert hat. Und was er über Plastiken sagt, fand ich unheimlich beeindruckend. Ich habe mich als Maler nicht gesehen, da ich in erster Linie immer ein Zeichner war. Außerdem komme ich aus einem recht militanten Haushalt, was Kunst angeht. Und ich weiß noch, wie mein Vater kurz vor meinem Auszug zu mir sagte: „Werde nicht Maler. Dafür bist Du schon zu alt.“ Ihm ging es dabei um einen, mittlerweile vielleicht etwas überholten, Anspruch, dass man sich in der Kunst schon sehr früh spezialisieren muss und sich dann zu hundert Prozent nur darauf fokussiert. Und ich habe zwar auch gemalt früher, aber nie so viel. Also nie so, dass klar war, dass das die einzig richtige Sache für mich wäre.

Also nicht wie Mozart am Klavier…

Georg: Genau.

Du bist aber immer noch in der Bildhauerklasse. Den Schwerpunkt hast Du also offiziell beibehalten. Aber Deine Werke haben sich ja doch extrem verändert oder?

Georg: Nach der Grundklasse ist man plötzlich mit vielen neuen Menschen konfrontiert, die ihre Art zu arbeiten für sich schon mehr gefunden haben. Das verunsichert einen erstmal. Auch zu Recht. Ich habe das damals für mich gelöst, indem ich mich erstmal weniger mit meinen Arbeiten und mehr mit Theorie beschäftigt habe. Und ich hab mir viel angeguckt, was andere Leute so machen. Auf diesem Wege stieß ich dann auf Pamela Rosenkranz, die sehr minimalistische Installationen macht. Das fand ich unheimlich gut. Allerdings so gut, dass ich das Gefühl hatte, dem nichts mehr entgegen setzen zu können. Das ist oft so ein Fluch, wenn man sich Dinge anschaut, die man gut oder sogar bahnbrechend findet und man dann aber merkt, dass sie einem nicht dabei helfen, über sich hinauszuwachsen. Im Gegenteil. Also habe ich dann für mich versucht, etwas zu finden, dass ich vor allem gerne mache. Etwas, von dem ich mir konkret vorstellen kann zu sagen: Ok, das mache ich jetzt für den Rest meines Lebens.

Und das war dann die Arbeit mit Ton?

Georg: Zeichnen war mir immer zu wenig. Aber als ich dann eine plastische Form fürs Zeichnen gefunden habe, da hat sich wirklich etwas aufgemacht. Sodass es sich plötzlich nicht mehr angefühlt hat, als würde ich eine Treppe hochlaufen, sondern hinunter. Das war viel motivierender. Von da an habe ich dann auch alle Zeit da hinein investiert. Und das ist bis heute so: Das Ziel von meinem Tag ist immer, im Atelier zu sein, solange es geht und dort zu arbeiten.

Wie würdest Du Deine Arbeiten beschreiben? Du wirst ja sicher öfter danach gefragt, wenn Du erzählst, was Du studierst…

Georg: Ich muss mal überlegen (denkt nach). Ich habe ungefähr zwei Jahre lang dreidimensionale Figuren aus Ton gemacht. Das hat mir vor allem dabei geholfen, herauszufinden, wo ich überhaupt hinwill. Beziehungsweise zu finden, was ich darstellen will. Woran ich dabei arbeite ist vielleicht so eine übertriebene Form von Alltag abzubilden. Mittlerweile bin ich von dreidimensionalen Figuren zu Reliefs übergegangen. Das Relief ist zwischen der Bildhauerei und der Malerei angesiedelt, es ist eine Form, in der das Zeichnen wieder mehr zum Tragen kommt.

Wenn man künstlerisch arbeitet, sei es jetzt als Musiker oder Bildender Künstler, steht man ja doch immer in dem Konflikt, etwas sehr Persönliches auch irgendwie vermarkten zu müssen. Wie sehr sind Deine Arbeiten von solchen äußeren Faktoren bestimmt?

Georg: Der Markt ist eine schwierige Sache. Man geht ja doch immer idealistisch an die Sache ran. Für mich ist der Faktor Markt momentan noch etwas abstrakt, denn ich habe noch nichts verkauft. Ich glaube, das liegt biografisch gerade noch ein paar Jahre weit weg. Es ist gerade mehr wie ein unangenehmes Ziehen irgendwo, aber im Endeffekt ja auch nichts Schlechtes. Denn wenn es einen Markt gibt, bedeutet das auch, dass man von seiner Kunst auch irgendwann vielleicht mal leben kann. Das ist neben Stipendien einer der wenigen Wege, auf denen man von der Kunst leben kann.

Und inwiefern bist Du von anderen Positionen beeinflusst?

Georg: Man ist grundsätzlich bemüht, etwas zu finden, was man für so wichtig hält, dass man es tun würde – egal, ob es das vorher schon einmal gab oder wie der Markt dazu steht. Es muss etwas sein, an dem man so hängt, dass man von äußeren Faktoren nicht so leicht verunsichert werden kann. Es ist vielleicht auch etwas romantisch von mir, aber ich möchte gern an diesen Moment glauben, wo man an etwas arbeitet und dann gibt es so ein Klicken. Und es ist auf einmal interessant aus irgendeinem Grund.

Oft muss man sich dafür ja aber auch von Dingen lösen. Also eine Form von Emanzipationsprozess durchlaufen. Sich von anderen abgrenzen. Inwiefern war das bei Dir der Fall?

Georg: Da meine Eltern mich eigentlich immer in dem unterstützt haben, was ich tue, trifft es auf sie eher nicht zu. Allerdings hat sich das Verhältnis zu meiner Professorin durch die Entwicklung meiner Arbeiten sehr verändert. Man ist zwar innerhalb der Hochschule verhältnismäßig unabhängig, aber es gibt für jeden Schwerpunkt regelmäßige Klassentreffen. Dadurch ist man auch in diesem Klassengefüge zwangsläufig einigermaßen fest eingebunden. Von diesem Klassengefüge geht natürlich irgendwie eine starke ideologische Prägung aus. Diese Prägung hat auch viel damit zu tun, wie dein Professor seinen Kunstbegriff verortet und der liegt bei uns sehr auf einer bestimmten Form von Minimal. Also minimalistische Installationen sind angesagt. Meine privaten Freunde waren immer eher Maler. Und das ist etwas, dass sich in meinen jetzigen Arbeiten auch mehr zeigt. Diese Mischung aus Bildhauerei und Malerei. Und auch wenn es wichtig ist, dass einem die Klasse einen ideologischen Anspruch vorgibt, entwickelt man sich im Verhältnis zu diesem Begriff. Also entweder entgegen dessen oder analog dazu…

Und du hast Dich entgegen dessen entwickelt?

Georg: Ich befinde mich da glaube ich gerade mehr in einer Antihaltung, ja. Ich will eigentlich immer mehr weg von diesem industriellen und mehr zu so einer handwerklichen Kraft. Etwas, das irgendwie ein Stück mehr für Chaos einsteht. Dadurch hat sich natürlich auch meine Position gegenüber dem Schwerpunkt meiner Professorin verändert. Doch das macht nichts, das ist sogar gut und wichtig. Die meisten denken immer, wenn ein Künstler eine Arbeit gemacht hat und dann herzeigt, will er hören: Ja, gut gemacht, toll! Mein Eindruck ist allerdings, dass Künstler oft viel erleichterter sind, wenn man nicht respektlos, aber einfach auch kritisch sagt, wie man das ganze sieht, weil sich so ein neuer Blick auf ihre Arbeit auftut.

Und das passiert nicht, wenn alle nur in die Hände klatschen und Dir sagen: Großartig! Du hast es mal wieder geschafft! Das bringt Dich nicht weiter.

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